Ein Vortrag von Christine M. Klapeer, gehalten am 29. Oktober 2010 im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum, Saalgasse 15, 60311 Frankfurt im Rahmen der Veranstaltungsreihe DenkRÄUME

Vortrag "Zur Un/Möglichkeit lesbischer Staatsbürgerinnenschaft", rechts: Christine KlapeerKaum eine der Besucherinnen, die an diesem Abend das EVA aufsuchte, konnte sich unter dem Titel des Vortrags etwas Genaueres vorstellen. So warteteten auch alle sehr gespannt darauf, was Christine Klapeer uns zu sagen hatte.

Kurz zusammengefasst:

  • Staatsbürgerschaft wird im deutschsprachigen Raum bzw. im allgemeinen Sprachgebrauch meist gleichbedeutend mit Staatsangehörigkeit verwendet.
  • Staatsbürgerschaft umfasst mehr als den rechtlichen Status. Staatsbürgerschaft umfasst den ganzen Bereich von (gleichberechtigter) kultureller, politischer, sozialer und symbolischer Mitgliedschaft und Teilhabe in einer politischen Gemeinschaft

1) „Bürgerrechte“ sind und waren niemals für „alle“ gedacht. Bestimmte Personengruppen waren immer ausgeschlossen.
2)  Staatsbürgerschaft ist ein „androzentrisches“, „maskulinistisches“ und rassistisch-nationalistisches Konzept sei, d.h. dass dem Konzept Staatsbürgerschaft ganz bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, von dem „Volk“, der „Nation“, dem „Bürger“ zugrunde liegen und damit
3) Staatsbürgerschaft Hierarchien und Ungleichheiten zwischen Menschengruppen (Männern und Frauen, Schwarze und Weiße, Besitzende und nicht-Besitzende) institutionalisierte und immer noch institutionalisiert bzw. diese Ungleichheiten und Ausschlüsse ganz wesentlich für das Funktionieren dieser Institution selbst sind.

Die kritische lesbisch-feministischen Perspektive auf aktuelle Entwicklungen im Bereich der „Gleichstellung von Lesben und Schwulen“

Der vollständige oder teilweise Ausschluss von Lesben und Schwulen von bestimmten Bürgerrechten – eines der wichtigsten Themen ist hier v.a. die Zivilehe –  wird in diesem Zusammenhang immer wieder einem demokratischen Ideal der Vollinklusion aller (potentiellen) BürgerInnen gegenübergestellt:

‚Ungleichheit‘ oder ‚Diskriminierung‘ an Lesben und Schwulen ist in diesem Verständnis dann einfach ein auf konservative Denkweisen basierender „Fehler“ im politischen System, den es dann durch eine „Gleichstellung“ mit Heterosexuellen zu beheben gelte. Gleichstellung kann in dieser Logik also durch die Hinzufügung einzelner Gesetze innerhalb der existierenden Ordnung realisiert werden, ohne daß dafür heterosexuelle Normalitäten oder Privilegien angegriffen oder in Frage gestellt werden müssen.

Die Abwesenheit des Feminismus

Nun, das wirklich Bedenkliche an der aktuellen öffentlichen Diskussion und der hier vorgestellten Argumentation um „vollwertige Staatsbürgerschaft“ für Lesben und Schwule ist wohl jener Umstand,dass diese durch eine beinahe völlige Auslassung und Abwesenheit feministischer bzw. auch lesbisch-feministischer Diskussionen, Erfahrungen, Expertisen, Analysen und Einwände gekennzeichnet ist.

Es erscheint beinahe so, als ob die über 300 Jahre alte, feministische Tradition der Intervention und Kritik an der Idee von Bürgerrechten und Staatsbürgerschaft aus dem „Archiv“ und dem „Gedächtnis“ der aktuellen lesbischen und schwulen Bewegungen und ihrem Kampf um Bürgerrechte gelöscht wäre.

Was bedeutet das in Bezug auf lesbische Lebensweisen?

Staatsbürgerschaft und die damit verbundenen Bürgerrechte für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen haben jeweils eine unterschiedliche Bedeutung, da sie unterschiedlich im Rahmen dieser Institution positioniert waren und sind. Das Konzept der Staatsbürgerschaft war und ist, historisch und politisch betrachtet, niemals ein neutrales d.h. auch kein geschlechtsneutrales Konzept.

Ein Beispiel:

Frauen, genauer gesagt, weiße, europäische Frauen, waren bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts formell keine Staatsbürgerinnen in den europäischen Nationalstaaten – sie hatten kein Wahlrecht, keine Versammlungsrecht, sie waren großteils sowohl keine citoyen [citojöeu) (also keine politisch partizipierenden Staatsbürger) wie auch keine bourgeois, keine ökonomischen Besitzbürger.

Ja, aber….. würden jetzt zahlreiche feministische Forscherinnen antworten, Frauen haben zwar da Wahlrecht erhalten, sie sind formell Staatsbürgerinnen geworden, aber – und das gilt insbesondere für Deutschland und Österreich im Besonderen – nicht als gleichberechtigte Bürgerinnen, sondern sie erhielten diesen Status als Mütter, Versorgerinnen, Hausfrauen, Ehefrauen.

Das historisch wirklich interessante hierbei ist freilich, dass die Kategorie der „Lesbierin“ gerade dann zu einer sozialen Ordnungskategorie, zu eine Kategorie der Abgrenzung und Diffamierung wurde, als Frauen historisch begannen Einschluss in die Institution der Staatsbürgerschaft zu fordern.

Lesbische Staatsbürgerschaft ist also auf mehrfache Weise ein Paradoxon

Erstens, das Konzept der Bürgerschaft, des Bürgers ist selbst ein geschlechtsspezifisches Konzept, das bis heute seine Auswirkungen entfaltet. z.B. Unterrepräsentation von Frauen in Politik, Wirtschaft, ungleiche Verteilung von Haus- und Pflegearbeit.

Zweitens, erhielten Frauen eigentlich nicht als Menschen oder Bürgerinnen, sondern als „echte Frauen“ in ihrer potenziellen oder gewünschten Rolle der Ehefrau, Mutter und Versorgerin den Bürgerinnenstatus. Die „Lesbierin“ war hierbei quasi die Negativfolie.

Das Verhältnis von lesbischen Frauen zu Bürgerrechten ist daher jedenfalls ein anderes als das von heterosexuellen Frauen oder das von schwulen Männern.

Die französische lesbische Theoretikerin Monique Wittig hatte in den 1980ern ja mit dem Satz aufhorchen lassen, dass „Lesben keine Frauen“ seien (siehe L-talk-Beiträge zu „Monique Wittig„), da sie sich nicht im Rahmen heterosexueller Bedeutungen und Logiken definieren.

Daran schließen sich die Fragen:

Müssen nun „Lesben“ im Wittig’schen Sinn „richtige Frauen“ werden, um endlich vollständig inkludiert zu werden? Sollen sie nun „richtige“ „heterosexuelle Frauen“ werden, die einfach eine andere „sexuellen Orientierung“ haben? Ist das es die „heterosexuelle Normalisierung der Homosexualität“, mit der „wir“ es im 21. Jahrhundert konfrontiert sind?

Und: Welche Rechte gelten wann für Wen? Welche „Gleichstellung“ wird angesteuert?  und was machen dann diese Rechte? Wen machen sie wordurch Norm/al und akzeptiert?

Spannende Fragen, die an die feministischen Diskussionen der 1990er Jahre erinnert haben, als es noch en vogue war, gegen jegliche Form der  (Homo-)Ehe zu sein, weil sie mit dem Ehegattensplitting die hierachische Hausfrauenehe zementiert.

Hier die Bilder zum Vortrag: „Zur un/Möglichkeit lesbischer Staatsbürgerschaft“ (um zum nächsten Bild zu gelangen, einfach auf das vorherige Bild klicken)

Christiane M. Klapeer, feministische Politikwissenschafterin und Praktikerin, Universitätslektorin an den Universitäten Wien, Linz und Graz; Forschungsschwerpunkte: sexual politics und citizenship, feministische, queere und lesbische Kritiken „klassischer“ politischer Ideengeschichte, Staats- Demokratie und Anerkennungstheorien, lesbische, queere und feministische Bewegungs- und Theoriegeschichte(n); derzeit auch (ehrenamtliche) Mitarbeiterin der Lesbenberatung Lila Tipp in Wien

Links und Quellen:

Über die Veranstaltungsreihe „DenkRÄUME“:

DenkRÄUME ist eine Veranstaltungsreihe im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum Frankfurt am Main.
Frauen sind eingeladen, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam zu denken. Bekannte feministische Vordenkerinnen halten Referate und danach ist Gelegenheit zum regen Austausch. Zum Beispiel darüber:

– wie die Zukunft des Feminismus aussieht,
– ob Diversity ein sinnvolles Konzept ist,
– welche Funktion Vorbilder haben,
– wer gute Verbündete für lesbische Frauen sind oder sein könnten,
– welche Auswirkung die zunehmende gesellschaftliche Individualisierung auf die Lesbenszene hat,
– ob wir neue Feindbilder brauchen um uns zu resolidarisieren,
– ob Lesbengeld nicht vielleicht doch vorzugsweise in Lesbenhände gehen sollte
und vieles mehr.

Es werden Referentinnen aus der ganzen Republik eingeladen, die in zwei- bis drei-monatigen Abständen zu Themen wie „Lesben und Frauenfeindlichkeit“, „Lesbenidentität“ oder auch zu „Neuer Feminismus“ und Affidamento referieren werden.
Alle Frauen, unabhängig von ihrer Lebensform, sind herzlich eingeladen.

Die Veranstaltungsreihe wird gefördert durch das Frauenreferat der Stadt Frankfurt.

Zur Un/Möglichkeit lesbischer Staatsbürgerinnenschaft

Christine M. Klapeer