„Warum?“ Damit sie mal wieder ganz zu sich komme, sagt sie und lehnt mein Angebot ab. „Ich bin dann ganz bei mir“, sagt auch eine andere, die seltsame Formen des Urlaubs bevorzugt. Ich bin bestürzt, da war ich noch nie.

„Bei mir zuhause“, „In den eigenen vier Wänden“ oder „Auf meinem Balkon“ heißt es in den Profilen von Lesben zu der Frage, wo sie sich am liebsten aufhalten. Regionale Gewässer (Ostsee, Baggersee, Wannsee) ergänzen die Liste der Lieblingsorte. Das Ich hat es gerne heimatlich.

Wo sie wohl sonst sind, wenn sie nicht bei sich sind, die Schönen und die Klugen? Bei der anderen oder im Büro, vermutlich. Lesben arbeiten und lieben. Das eine mehr, das andere weniger. Allein in Wald und Prärie, schweigend im Kloster oder ersatzweise in der Badewanne kommen sie dann zu sich.

Seltsam, dass die Angebote von einschlägigen Frauenorten so anders klingen. Tantra, Vereinfache Dein Leben und Begegnungen mit dem inneren Kind, eine lange Liste von Selbstfindung, immer mit der Gruppe ans Ziel der Reise. Auch gemeinsames Waldfrüchte sammeln ist im Angebot. Sicher eine Vorstufe. Falls das Ich sich mal verirrt und die Vorräte aufgebraucht sind.

„Warum alleine?“ frage ich eine, die es wissen sollte. Warum gegen die Beziehung, muss man die andere ausschließen? Nein, sagt diese, es ginge darum, mit sich und der Welt im Einklang zu sein. Ich denke an Mehrstimmigkeit, Zwischentöne und Oktaven. Aber warum muss dann die Reise in die Isolation führen? Es sei eine Begegnung mit den tieferen Schichten des Selbst, versucht mir eine andere zu erklären. „Du siehst dann deine Motivation klarer.“ Aha.

„Wenn Du sie nicht wieder bekommst, hast Du eine Chance, Dich selber zu finden“, tröstet die Therapeutin. Vollständige Alternativen: Sie oder Ich. Ohne sie droht es langweilig zu werden – ich entscheide mich wieder für sie. Den Weg zu mir kann ich dann ja später nehmen.

Ich denke daran, wie ich so ganz ohne mich jahrelang durch die Gegend laufe. Irgendwann treffe ich mich, nach den vielen Umwegen auf den Reisen zu den anderen. Ob ich mich sofort in mich verlieben würde? Oder es zumindest behaupten sollte? Ich könnte sagen: „Ich habe Dich lange vermisst!“ Seltsam, dass man bei sich immer gleich beim Du ist. „Wie gut, dass ich nicht nur nach den anderen gesehen habe“, würde ich verlegen stammeln und viel zu viele Worte machen. Dann erscheint eine kleine Denkwolke über mir (es ist ein Comic, das ich mir vorstelle), in der steht: „Das passt jetzt gar nicht, ich bin gerade mit mir beschäftigt“. Suchen ist eben aufregender als Finden.