Zoe Gudovic arbeitet für die Stiftung “Reconstruction Women’s Fund (RWF)” in Belgrad (Serbien) und hat die QueerBeograd Festivals mitorganisiert. Diese Rede “Kapitalistische Maschinen” hielt Zoe im April 2012 in Istanbul beim Plenum des “12th AWID International Forum on Women’s Rights in Development” (mit über 2000 Teilnehmerinnen).

Erfahrung (experience) — Widerstand (resistance) — Umformung (transformation) — Wirtschaftsmacht (economic power)

Wenn ich die Frage beantworten sollte, wie ich meine Präsentation geplant habe, ohne allzu viel von dem zu wiederholen, was hier schon zu all diesen Phänomenen gesagt worden ist, würde meine anarcha-feministische Ideologie mir vorschlagen, es so zusammenzufassen: Erfahrung – Umformung, Widerstand – Wirtschaftsmacht.

Von Region zu Region sind die Strategien verschieden.

Blick aus dem Ballon auf die Innenstadt von Belgrad, die Sava im Vordergund, im Hintergrund die Donau. By Vlada Marinkovi?. commons.wikimedia.org -- Lizenz: cc-by-sa-3.0

Blick aus dem Ballon auf die Innenstadt von Belgrad, die Sava im Vordergund, im Hintergrund die Donau. By Vlada Marinkovi?. commons.wikimedia.org — Lizenz: cc-by-sa-3.0

Ich komme aus Serbien, vom Balkan. Das Land, in dem ich lebe, ist bekannt für eine Riesenmenge an guten wie an schlechten Dingen. Positiv ist eine starke feministische Bewegung, mit umfassender aktivistischer Erfahrung und dass wir immer bereit sind zu lernen, uns zu verändern, uns miteinander zu verbinden und zu handeln. Auf der Negativseite leben wir in einer absolut patriarchalen Gesellschaft, die dominante Ideologie ist die einer sogenannten Demokratie, aber in einer Gesellschaft, in der der Staat ständig einknickt vor starken Einflüssen der rechten und klerikalen Kräfte… so dass wir eine Gesellschaft haben, die sich mehr und mehr auf patriarchalen Faschismus und Fundamentalismus hin transformiert. Es ist nicht leicht, hier Feministin zu sein und zu kämpfen. Es ist nicht einfach, ökonomische Macht zu dekonstruieren, auch ist es nicht etwa nur leicht oder schwer, das Problem anzusprechen, was es bedeutet, für uns selbst und andere zu sorgen und soziale Verhältnisse besser zu verstehen, sondern es ist natürlich gefährlich, denn es nimmt Männern und dem Großkapital Kontrolle weg und schwächt die bisher gelernten Muster. Das ist der Grund, warum weltweit Feminismus gefährlich, bedrohlich und – klar – nicht erwünscht ist.

In der feministischen Bewegung habe ich 15 Jahre Erfahrung. Zuvor habe ich für eine feministische Organisation gearbeitet, jetzt arbeite ich für eine feministische Stiftung. In einer feministischen Stiftung zu arbeiten hat mir sehr vor Augen geführt, was Wirtschaftsmacht wirklich bedeutet, welche Prioritäten bei Finanzierungen gesetzt werden, welche Themen global gesehen als wichtig erachtet werden, was die Bestrebungen und Tendenzen derjenigen sind, die spenden. Aber dann wurde mir auch klar, das ökonomische Macht nicht nur bedeutet, Geld zu geben, sondern dass es auch von Belang ist, was für Verbindungen du zu Menschen herstellst und wie wir Beziehungen aufbauen, die Veränderungen herbeiführen können. Das ist der Grund, warum RWF mit seinen Maßnahmen die Autonomie von jenen Frauengruppen unterstützt, die mit ihren Programmen Wirkung erzielen und die mit Blick auf strategische Veränderungen arbeiten; für die Stärkung von Netzwerken, von Kooperation, für Solidarität und für die Sichtbarkeit von Frauengruppen; dafür, Kommunikation und Austausch anzuregen zwischen Frauen mit aktivistischen, akademischen, künstlerischen und pazifistischen Erfahrungen und Wissen.

Brücke über die Sava unterhalb der Innenstadt von Belgrad im Juni 2006. By Ewa Dryjanska, commons.wikimedia.org -- Lizenz: cc-by-3.0-unported

Brücke über die Sava unterhalb der Innenstadt von Belgrad im Juni 2006. By Ewa Dryjanska, commons.wikimedia.org — Lizenz: cc-by-3.0-unported

In meinem Land ist es wichtig, eine ständige Kooperation aufzubauen mit denjenigen Gruppierungen, die das Heft in der Hand haben. Unsere Stiftung hat eine Graswurzel-Policy und wir machen mit dem Staat keine Kompromisse, denn das ist die einzige Art mit realistischem Blick zu arbeiten, ohne in die Falle des neoliberalen Konzepts zu geraten, das uns von dominanten Ökonomien aufgezwungen wird. RWF versucht, neue Räume zu schaffen, aber nicht die eigenen Anforderungen aufzuzwingen, sondern mit lokalen Gruppen zu kooperieren und zu hören, was sie brauchen. So schaffen wir Gelegenheiten, um Institutionen und Grassroots-Gruppen miteinander zu verbinden, um Programme für Roma-Mädchen und -Frauen durchzuführen ebenso wie engagierte künstlerische Initiativen – mit dem Ziel, gemeinsam zu agieren gegen alle Formen des Vergessens unserer Vergangenheit, der Militarisierung, der Diskriminierung, und um eine Zivilgesellschaft zu entwickeln, die Gleichheit und gleiche Rechte für alle anerkennt.

Leider ist das nicht die Realität. Wir leben in einem hundsgemeinen Kapitalismus. Es ist in so einem Raum, dass wir über Wirtschaftmacht, Geld, Status, Ethnien, Klassen, sexuelle Orientierung, aktive oder passive Beteiligung an Gesellschaft reden – und über uns selbst, die wir kapitalistische Maschinen werden. Es geht nur um Geld. Wenn ich “ökonomische Macht” sage, meine ich dann Geld, Liebe, Armut, Land, Freund*nnenschaft, Bildung, Sex, Körper, Wasser, Kunst, Aktivismus, Nahrung, Gesundheit, Kriege, Panzer, Waffen, Gewalt, Familie, Gott, Energie, Frau, Leben. …. ist es dies, was Wirtschaftsmacht bedeutet?

Meine Kernworte; mit Ökonomie umgehen bedeutet, gemeinsam was anzuhäufen, in kontinuierlicher Kooperation und indem wir auf guten Praxen bestehen, die Dinge verändern. Eine Ökonomie kann nur dann zugunsten von Frauen arbeiten, wenn sie sich nicht einmachen lässt und in Kriege und Rüstung investiert, sondern soziale Veränderungen unterstützt, auf die wir alle ein Anrecht haben. Manche von uns dekonstruireen auch sich selbst anstatt das Patriarchat bekämpfen. Die Frauenbewegung und verschiedene Gleichstellungsmaßnahmen sind nicht immun gegen kapitalistische Modelle von Kontrolle und Macht. Sofern wir das rechtzeitig merken, könnten wir tatsächlich etwas ändern. Ich habe keinen Bock auf leere Klischees und Platitüden, die manchmal sogar von Frauen gemocht werden. Ich mag keine Aktivitäten ohne Leidenschaft und ich denke, dass es reale Möglichkeiten gibt, etwas zu verändern. Unser Kapital ist die Fülle von Erfahrung all derjenigen Frauen, die ihr Leben und ihr Wissen eingesetzt haben, ein Kapital, mit dem wir umfassende Veränderungen herbeiführen können ebenso wie Respekt für die universalen Menschenrechte.

Übersetzt von Claudia

Panorama von Belgrad, 1997, by Danimir, commons.wikimedia.org -- Lizenz equivalent mit cc-by

Panorama von Belgrad, 1997, by Danimir, commons.wikimedia.org — Lizenz equivalent mit cc-by

Aktuelle Infos ca. ein Jahr nach dieser Rede:

Kurzer Bericht zur ersten anarcho-syndikalistischen Balkan-Konferenz am 6./7. April 2013 in Belgrad. A – I n f o s, a multi-lingual news service by, for, and about anarchists, 15. April 2013 (en)