Ein Highlight auf der documenta (13) in Kassel ist die Porträtsammlung lesbischer junger Frauen aus Südafrika, die die Aktivistin und Fotografin Zanele Muholi ausstellt.

Zanele Muholi ist 1972 in Umlazi, Südafrika geboren. Sie machte einen Abschluss in Fotografie in Newtown und hatte 2004 ihre erste Einzelausstellung in der Johannesburg Art Gallery. Beim Forum for the Empowerment of Women (FEW), einer schwarzen lesbischen Organisation in Gauteng war sie für Vernetzung verantwortlich. Als Fotografin und Journalistin arbeitete sie unter anderem für Behind the Mask, ein afrikanisches online-Magazin für lesbische und schwule Themen. Ihr Coming Out hatte sie in ihren Dreißigern und wurde schnell eine der Stimmen der schwarzen lesbischen Südafrikanerinnen, die, obwohl sie in einem Land mit einer der fortschrittlichesten Verfassungen leben und obwohl gleichgeschlechtliche Ehen legal sind, bis heute homophobe Gewalt erleiden.

Bei der documenta in Kassel ist Zanele Muholi mit ihrer Fotoreihe Faces and Phases von 2007 sowie mit dem Film Difficult Love aus dem Jahr 2011 vertreten, der im Frühjahr 2012 bereits beim Filmfestival CinemAfrica in Stockholm gezeigt wurde.

Zanele Muholi bei der documenta (13)

Ihr Werk stellt den schwarzen weiblichen Körper offen und gleichzeitig persönlich vertraut dar und steht damit auch provozierend in der Geschichte der Darstellung schwarzer Frauen. Ihre Arbeit umfasst Porträts schwarzer lesbischer Frauen einzeln und in sehr intimen Paar-Aufnahmen.

Zanele Muholi gewann zahlreiche Preise für ihre Arbeit, darunter den Casa África Award für die beste Fotografin (2009). Sie veröffentlichte den Band Mapping Our Histories: A Visual History of Black Lesbians in Post-apartheid South Africa (2009).

Für die documenta (13) holte Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev sie nach Kassel. Dort ist sie mit ihrem Werk Faces and Phases vertreten; mit 60 eng gehängten gleich gerahmten Einzelporträts: junge Frauen, ernst, mit Blick direkt in die Kamera, unbeweglich. Ergänzt werden die Bilder durch den 25-Minuten-Film Difficult Love über lesbische Frauen und ihre Lebensbedingungen in Südafrika.

„korrektive Vergewaltigung“ in der Kunst

Difficult Love greift neben vielem anderem das Thema der so genannten korrektiven Vergewaltigungen auf, das in Zanele Muholis Aktivistinnen-Leben eine bedeutende Rolle spielt:

„Wir können nicht sagen, dass das Problem der Homosexualität einer patriarchalischen Natur unterliegt – es geht vielmehr um die Tatsache, dass unsere Gesellschaft nach heterosexuellen Wertmaßstäben ausgerichtet ist. Ja, Männer sind diejenigen, die Lesben zwecks „Heilung“ zu einer „richtigen“ Frau vergewaltigen. Mir sind aber auch Fälle bekannt, wonach Familienangehörige – gerade Mütter – Männer zur Vergewaltigung ihrer lesbischen Tochter bitten, damit diese zu einer sauberen „Afrikanischen“ Frau rückgängig gemacht wird; gemeint ist hierbei eine Frau die heiratet und ein Kind gebärt.“

Im April dieses Jahres wurde Zanele Muholis Appartement in Kapstadt ausgeraubt – offenbar ein Anschlag auf ihr künstlerisches Werk und ihre Arbeit als lesbische Aktivistin, weil außer ihren Festplatten und ihrem Archiv kaum etwas gestohlen wurde.

Zanele Muholi ist liiert mit der weißen Südafrikanerin Liesl Theron. Inspririert von dieser Beziehung entstand eine Reihe von Arbeiten, in denen mit Rollen gespielt wird: die weiße Madam mit schwarzer Dienerin, oder umgekehrt, oder beide als Geliebte in  ihrem Projekt “Massa and Mina(h)”- ein schwieriges Unterfangen, sowohl künstlerisch als auch persönlich:

„Betrachten wir es im Sinne von Queer und stellen uns vor, dass diese weißen Damen ihre schwarzen Zimmermädchen lieben würden, mit ihnen intim seien. Vielleicht weil sie als zwei verliebte Frauen einfach etwas gemeinsames teilen oder vielleicht ist es eine völlig sinnliche Beziehung, entweder basierend auf wechselseitigen erotischen Bedürfnissen oder auf ungleicher Macht und Arbeitsbeziehungen, die zwischen schwarzen Frauen und weißen Frauen existieren, sodass die weißen Damen, wie die weiße Massa, aus dieser Situation für sich einen Vorteil ziehen.“

Bei der documenta in Kassel verweist Zanele Muholi die Politik in ihren Film Difficult Love: Die so genannten „korrektiven Vergewaltigungen“ ebenso wie Sprechen über Rassismus, über Hass gegen Lesben, über Obdachlosigkeit unter lesbischen schwarzen Frauen, über ihr Leben mit einer weißen Partnerin. Die Faces and Phases Bilder hingegen wirken, indem sie nicht kommentiert, gewichtet oder gewertet werden. Ja – sie sind lesbisch, was das Zeug hält und nein – sie machen es leicht, nicht-lesbisch gesehen und interpretiert zu werden.

Ausstellungsort

Die Beiträge von Zanele Muholi sind bei der documenta in Kassel noch bis zum 16. September 2012 zu betrachten. Sie sind in der Neuen Galerie ausgestellt. Tipp: Wer ausschließlich die Neue Galerie besuchen möchte, kann dies auch mit einem Museumsticket für 4 Euro tun und muss nicht die 20-Euro-Tageskarte für die gesamte documenta kaufen. Fotografieren ohne Blitz und Stativ ist erlaubt.

Links und Quellen: 

  • weitere Beiträge über die Arbeit von Zanele Muholi bei L-talk
  • Homepage von Zanele Muholi, zahelemuholi.com
  • documenta (13), d13.documenta.de
  • Zitat zu korrektiven Vergewaltigungen bei
    Ghassan Abid: Exklusiv-Interview mit Zanele Muholi. Im exklusiven Hintergrundgespräch mit der wohl provokantesten Künstlerin Südafrikas, 2010sdafrika.wordpress.com, 31.05.2010
  • Zanele Muholi: Mo(u)nicht. Life and death, love and hate, Black Looks, 19.7.2012
  • Ann McNab Törnkvist: „Åh Jehova! What the fuck är en ”afrikan”?“, Interview mit Zanele Muholi, tornkvistann.blogspot.de, 13. April 2012