Strenger Kurzhaarschnitt, dunkle Kostüme und Männerkrawatten – ihr Leben lang trat die am 30. Charlotte WolffSeptember 1897 geborene Ärztin und Sexualwissenschaftlerin Charlotte Wolff offen lesbisch und selbstbewußt auf,

schrieb Lespress über die Klassikerin der Lesbenforschung. Charlotte Wolff wurde am 30. September 1897 geboren.

In ihren 70ern erst veröffentlichte sie die fünf Bücher, die sie zu einer wichtigen Person, zu einer der zentralen Identifikationsfiguren und Vorbilder in der modernen Lesbenbewegung werden ließen.

In ihrer Autobiographie Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit (Hindsight, 1980) beschreibt die „internationale Jüdin mit britischem Paß“ Charlotte Wolff  ihren emotionalen und beruflichen Werdegang als deutsche Jüdin, Ärztin, Psychologin und Wissenschaftlerin. Sie erzählt von ihren Begegnungen mit aufregenden Zeitgenossinnen und Zeitgenossen und  – explizit – von ihren Frauenbeziehungen.

Schon in ihrer frühen Jugend liebte sie Frauen, wie sie in ihrer Autobiografie berichtet:

„Kurz nach meiner Einschulung in die Viktoria-Schule fühlte ich mich sehr zu einem jüdischen Mädchen meiner Klasse hingezogen, und ich sehnte mich danach, in ihrer Nähe zu sein. […] Ich wollte ihre Hand halten und sie küssen. Sie sagte nichts, gab aber nach.“     

Charlotte Wolff schrieb mehrere bedeutende Bücher, darunter 1973 Psychologie der lesbischen Liebe (orig.: Love Between Women, 1971), 1977 Flickwerk (unter dem Titel „Späte Liebe“ wieder lieferbar) und 1983 Die Hand als Spiegel der Psyche. Bisher nicht übersetzt ist ihre Biographie des Sexualforschers Magnus Hirschfeld. Dieses Portrait gilt als eines ihrer wichtigsten wissenschaftlichen Werke.

Psychologie der lesbischen Liebe war das erste wissenschaftliche Buch, das sich positiv mit Sexualität und Liebe zwischen Frauen befasste; es ist von unschätzbarem Wert für die Geschichte von Lesben und für das positive Selbstbild, das Lesben in der FrauenLesbenbewegung der 1970er entwickelten.

Bücher von Charlotte Wolff:

  • Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit, Kranichsteiner Literaturverlag 2003wolff_augenblicke
  • Späte Liebe, Frauenoffensive 2003
  • Psychologie der Lesbischen Liebe. Eine empirische Studie der weiblichen Homosexualität, Rowohlt 1985
  • Die Hand als Spiegel der Seele, Rowohlt 1986
  • Die Hand des Menschen, Fischer 1986
  • Die Hand als Spiegel der Psyche, O. W. Barth 1983
  • Flickwerk. Roman Fischer 1988
  • Bisexualität, 1979
  • Ja, unsere Kreise berühren sich (Briefwechsel mit Christa Wolf) Luchterhand Literaturverlag, 2004

Charlotte Wolff war beruflich erfolgreich als stellvertretende Direktorin bei der Allgemeinen Krankenkasse in Berlin. Bereits 1933 wurde sie als „Spionin und Frau in Männerkleidung“ verhaftet. Sie konnte fliehen und emigrierte zunächst nach Paris, kehrte kurz zurück und emigrierte schließlich 1936 nach London.

1978 kehrte sie erstmals nach ihrer Flucht nach Deutschland zurück. Auf Einladung deutscher Feministinnen hielt sie Vorträge an der Berliner Frauen-Sommer-Universität. In den frauenbewegten Berlinerinnen fand sie neue Freundinnen, für die sie politisches Vorbild wurde. Charlotte Wolff hat über diese Zeit des neuen Aufbruchs mit Begeisterung gesprochen:

„Wir liebten uns mit großer Zärtlichkeit und Freude. Der körperliche Aspekt unserer Liebe war ein natürliches Ergebnis unserer Freundschaft. Die Erfahrung machte mir bewusst, wie blöde Sexbücher sind…“

(zitiert nach: dieStandard.at)

Briefwechsel zwischen Christa Wolf und Charlotte Wolff

Bekannt wurde auch Charlotte Wolffs Briefwechsel mit Christa Wolf, den letztere mit den Worten begann:
„Sie werden verstehen, daß ich Ihnen schreiben muss.“ Der Briefwechsel handelt von Koinzidenzen und Zusammentreffen, die die Rationalität zunächst herausfordern. Er entstand in der Zeit nach Veröffentlichung von Christa Wolfs „Kassandra“ , in der sie die Frage nach der selbstzerstörerischen Tendenz in der Zivilisation des Abendlandes zum Ursprung patriarchaler Strukturen zurückverfolgt.

Charlotte Wolff, 1980:

„Nur wer finanziell unabhängig oder gesellschaftlich anerkannt war, konnte es sich leisten, seine psychosexuelle Abweichung vom gängigen Stereotyp offen zu zeigen.“

(aus: Schroeder (Hg.): Smaragdgrüne Worte)

Charlotte Wolff starb am 12. September 1986, kurz vor ihrem 89. Geburtstag.

Links und Quellen:

  • Charlotte Wolff, Lespress, September 2000
  • Selbstverständlich lesbisch, Artikel von Petra M. Springer auf wolfsmutter.com (2006)
  • Spionin in Männerkleidung, diestandard.at, 21.1.2004
  • Andrea Schroeder (Hg.): Smaragdgrüne Worte. Zitate frauenliebender Frauen, Norderstedt 2006
  • Claudia Rappold: Charlotte Wolff. Ärztin, Psychotherapeutin, Wissenschaftlerin und Schriftstellerin; erschienen in der Reihe ”Jüdische Miniaturen“ als Band 34 Verlag Hentrich & Hentrich, 2005