Vor mir liegt die Nullnummer der Courage vom 17. Juni 1976. 17. Juni, das war damals noch ein historisches Datum, und die Courage war der absolute Hammer. Allein der Slogan:

Frauen gemeinsam sind stark! Habt Mut, stärkt COURAGE!

Vor der Herausgabe jeder Nummer eine öffentliche Redaktionssitzung durchzuführen, stand auf der Agenda der Berlinerinnen. 7.000 D-Mark pro Ausgabe mussten mit Spenden und Krediten finanziert werden, vom Vertrieb ganz zu schweigen. Eines der TOP-Themen war übrigens „Ungleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Courage war ein Kollektivorgan. Und dann … ja! Sie war lesbisch!   

„Lesbisch sein ist eben nicht einfach eine sexuell-emotionelle Variante, die irgendeine Norm in Frage stellt, sondern Lesbischsein bedeutet in letzter Konsequenz die totale Verweigerung von heterosexuellen Normen!“ Courage No 2/1976

Das stimmt, so dachten wir damals. Lesbisch sein war, mindestens für einen Teil der Szene, der vollständige Gegen-Lebensentwurf, der Ausstieg aus allem was alt, dumpf, einschränkend war. Courage war radikal und sie wollte die Welt verändern.

„Damit die aufrührerischen Gedanken zirkulieren und wir weitere Anhängerinnen gewinnen konnten, bedurfte es einer größeren Öffentlichkeit als die überall entstehenden Frauen-Gruppen und -Zirkel. Bücher und Zeitungen wurden gebraucht,“

schrieb Christel Dormagen in ihrem Buch Geld, Macht und Liebe über die Entscheidung zur Gründung der Courage .

Zwischen zeitlos und old school

Manches in den frühen Courages ist aus heutiger Sicht erstaunlich, darunter die Forderung nach Entlohnung für Hausarbeit … und bei anderen Texten scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Zum 30. Jahrestag der Courage am 17. Juni 2006 lud die Friedrich Ebert Stiftung in Berlin zum Kongress Als die Frauenbewegung noch Courage hatte. Der Friedrich Ebert Stiftung, vor allem Dr. Gisela Notz, ist zu verdanken, dass die Courage fast vollständig digital zugänglich ist. Die Zeitschrift startete mit einer Auflagenhöhe von 20.000 (Nr. 3), hatte bereits nach einem halben Jahr im Februar 1977  35.000 Exemplare erreicht und einige Jahre später 70.000 Exemplare. Der Vertrieb war bundesweit über Buchhandlungen und Kioske ausgelegt, und die Diskussionen, die Courage auch in den abgelegenen Winkeln von Friesland bis zum Allgäu ausgelöst haben, standen in ihrer Radikalität den heutigen überhaupt nicht nach.

Radikalität – einerseits.

Offenheit dagegen mussten wir noch lernen. In der Vergangenheit verklärt sich so manches … und der Ton, in dem die unterschiedlichen lesbisch-feministischen Strömungen, Gruppen und Einzelfrauen übereinander hergefallen sind, ist in der Rückschau bemerkenswert. Um so mehr, als diesem Ton und diesem Umgang so viel Raum zugebilligt wurde. Beim Nachlesen war ich erschüttert.

Kritik an der Kritik an der Kritik

In der Courage, insbesondere in den ersten wilden Jahren, wurde mit harten Bandagen gekämpft. Am Beispiel eines Klassikers: Gisela Zies verriss in No 01/1977 Jill Johnstons Lesbian Nation, in der deutschen Erstausgabe Nationalität lesbisch. (S. 44 ff) Andere fanden das doof:

„(…) Es erscheint uns nicht der Mühe wert, inhaltlich ausführlicher auf den Artikel einzugehen, da Gisela sich nicht die Mühe gemacht hat, sich ernsthaft mit dem Buch auseinanderzusetzen, was ihr auch sicher nicht möglich ist, da sie, als Nichtlesbe, in dem Buch lesend ständig auf ihre Widersprüche und Grenzen stößt. Von einer Heterofrau erwarten wir also nichts anderes als das, was in dem Artikel steht. (…) “ Debatte zum Artikel, No 03/1977

Eine Lieblingsüberschrift zu einem Debattenbeitrag ist

„Kritik an der Kritik an der Kritik zu Irmela von der Lühes Kritik an der ‚Schwarzen Botin'“

in Courage No 02/1977. Das war ernst gemeint.

Tatsächlich ging es damals immer wieder um Abgrenzung, und ich frage mich im Nachhinein, warum mir das damals nicht aufgefallen ist oder warum ich es vergessen habe. Ob es darum ging, unbedingt irgendwo dazuzugehören? Oder die pausenlose Kritik wurde damals als fruchtbar wahrgenommen, Feind*nnen als Ansporn und die Vorstellung einer wirklichen Wahrheit als Heiliger Gral dieser Zeit? Oder wir hatten alle Angst, die nächsten zu sein, über deren Ideen so negativ gesprochen wurde?

Die Courage wurde Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre auch auf dem flachen Land viel gelesen und diskutiert – unter, von und mit Frauen und Männern, jedenfalls bei uns 20jährigen. Wir waren rund 15 Jahre jünger als die Gründerinnen-Generation um Sibylle Plogstedt, Sabine Zurmühl und Barbara Duden. Sie waren Vorbilder, sie kamen aus Berlin, sie hatten etwas zu sagen und sie polarisierten. Das war auch in dieser Zeit etwas ganz besonderes.

Frauen beuten Frauen aus

Bei Courage ging es nicht zuletzt, wie so oft bei Frauen, auch um Selbstausbeutung – sogar um selbst tabuisierte Selbstausbeutung, wie Christa Müller ganz am Schluss schrieb:

„Über Geld zu reden ist in der Courage ne Schande; es kommt eine äußerst beklemmende Stimmung auf, wenn eine sagt, daß ihr Konto hoffnungslos überzogen ist. Es muß halt mit Courage weiter gehen, du mußt sehen wie du damit klarkommst.“ Courage No 21/1984

Meine Generation um die 50 hat von der Courage vieles gelernt, was wir nachmachen und vieles, was wir auf keinen Fall nachmachen wollten. Das Zusammenleben und die Kooperation zwischen lesbischen und heterosexuellen Frauen war einer dieser Lernprozesse, die die Courage mit unglaublicher Energie vor-gekämpft und vor-gestritten hat. Und viele der großen Themen sind dieselben geblieben, ganz voran die ökonomische Situation von Frauen. Die Medien allerdings sind inzwischen andere. Courage-Mitgründerin Sibylle Plogstedt sagte anlässlich des 30. Jahrestages 2006:

„Das Bild der Politik hat sich verändert. Aber vieles von dem, was wir damals gefordert haben, bleibt immer noch zu tun.“

Wichtige Frauen haben immer solche Dinge gesagt. Mit Marie Juchacz Worten, der ersten Frau, die je als Abgeordnete eine Rede in einem deutschen Parlament gehalten hat, im Deutschen Reichstag (1919):

„Der politische Kampf, der immer bestehen bleiben wird, wird sich von nun an in anderen Formen abspielen.“

Links und Quellen:

  • Christel Dormagen: Geld, Macht, Liebe, Rowohlt, 1992
  • Digitales COURAGE Archiv bei der Friedrich Ebert Stiftung
  • Giesela Zies: Zu „Nationalität Lesbisch“ von Jill Johnston – [Electronic ed.].In: Courage : Berliner Frauenzeitung. – 2(1977), H. 1, S. 44 – 47, ISSN 0176-1102, S. 44ff
  • Als die Frauenbewegung noch Courage hatte : die „Berliner Frauenzeitung Courage“ und die autonomen Frauenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre ; Dokumentation einer Veranstaltung am 17. Juni 2006 in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin / Gisela Notz (Hrsg.). Friedrich-Ebert-Stiftung, Historisches Forschungszentrum. – Bonn, 2007. – 82 S. : Ill.
  • Rede der Reichstagsabgeordneten Marie Juchacz in der Weimarer Nationalversammlung 19.02.1919
  • Und das sagen die jungen Kolleginnen vom Missy Magazin zum 35. Courage-Jahrestag: Mutig und feministisch: Vor genau 35 Jahren erschien die Zeitschrift Courage zum ersten Mal