Angeregt von Konnys Beitrag zu den „Denkräumen“ mit Monika Barz suche ich nach diesem ominösen „Diskurs über Identität“. Wo ist er?

Streit um Definitionen, ja: Die gibt es. Beim Dauerthema „Was ist eine Lesbe?“, das über Ausschlüsse ausgetragen wird, und sei es um den Preis, dass am Schluss nur noch ein kleines Grüppchen übrig bleibt in dem, wenn’s ganz schlimm kommt, jede schon mal mit jeder. geschlafen. hat. Und so weiter. Alle nur eine Meinung haben.

Das ist dann beispielsweise etwas von all diesem oder auch mehreres:

Urlesben
Bi – Lesben
Hetera – Lesben
Spätlesben / aber keine „Late Bloomers“, oder doch?
Junglesben        
geoutete Lesben
nicht geoutete Lesben / die „Schranklesben“ sein können oder nicht
Lesben mit Kindern
Lesben ohne Kinder
Spiri-Lesben
Politlesben
Lesben im politischen Sinne / die nicht politisch sein müssen
Radikallesben
feministische Lesben
möchte – gern – Lesben
Lesben mit lesbischer sexueller Erfahrung
Lesben ohne lesbische sexuelle Erfahrung
Lesben, die schon einmal in eine Frau verliebt waren
Lesben, die noch nie in eine Frau verliebt waren
Landlesben
Stadtlesben
Ökolesben
Konsumlesben
verheiratete Lesben / davon möchte-gern-Lesben und war-schon-mal Lesben
Butches
Femmes
Lipstick-Lesben
Single – Lesben
zusammenlebende Lesben
befreundete Lesben
berufstätige Lesben
alte Lesben
sehr alte Lesben
Szenelesben
junge Lesben
sehr junge Lesben
queere Lesben
verpartnerte / verheiratete Lesben

Sowas nimmt kein Ende. Ihr kennt das. Aber Identitäten?

Kürzlich sprach ich mit einer Frau, einer klugen Frau, der die Vorstellung einer lesbischen Subkultur als etwas selbst Gewähltem ganz entsetzlich fremd war. Sie war erschüttert davon, dass das Geschlechtliche etwas Identität stiftendes sein könne. Und eine sehr geschätzte Bekannte nannte ihre Freude am Anderssein als Identität stiftendes Lebensgefühl. Was denn nun?

Zum selbst Erkennen gehört irgendwie auch das Erkennen der anderen … neue Lesben fragen immerzu, wie sie andere finden können, während die mit der lesbischen Identität das nie fragen. Das war übrigens schon immer so, scheints.

Quelle: Wikipedia

Quelle: Wikipedia

„Wenn sie jetzt auf den Bahnhöfen auf das Eintreffen der Verwundeten wartete, bekam sie Personen zu Gesicht, deren Aussehen unmissverständlich war – unmissverständlich für sie, die sie auf den ersten Blick instinktiv vom Durchschnitt unterschied.“
(Radcliffe Hall, Quell der Einsamkeit, Hamburg 1967, S. 330f (Orig. 1928))

Ein alter Hut also, das Selbsterkennen und Wiedererkennen?

Immerhin waren wir mal politisch-lesbisch:

„Was ist eine Lesbe? Eine Lesbe ist die Wut aller Frauen, verdichtet bis zum Punkt der Explosion. (…) Es ist das Primat von Frauen, die sich auf Frauen beziehen … die Basis für die Kulturrevolution.“
(Manifest der Frauenidentifizierten Frau, 1970)

Es ist manchmal schockierend, beim Blick in den Spiegel gar nicht lesbisch auszusehen, sondern – beispielsweise – ausgeschlafen. Oder gar nicht wie etwas, das bis irgendwohin verdichtet ist, sondern einfach zerfließt (Nebellesben?). Radcliffe Halls instinktiver Blick auf’s Lesbische ist – vielleicht – von der Tagesform abhängig. Vor allem, wenn es der Blick auf’s lesbische Selbst ist, gespiegelt oder nicht.

Ich glaube, dass dieser ganze Luxus, andere zu erkennen und von ihnen erkannt zu werden; dass der Genuss, eine Subkultur zu pflegen; dass die Freude am lesbisch sein ohne ausdrückliche lesbische Identität ziemlich schwierig ist, weil die Standortbestimmung, das sich-auf-Frauen-beziehen, Übungssache ist. Beziehungsarbeit. Ein lesbisches Leben ohne lesbische Identität: Kann das überhaupt gutgehen?