Aus Homosexualität keinen Kult zu machen, forderte der damalige (und vermutlich künftige) hessische Ministerpräsident Roland Koch 2007 anlässlich des öffentlichen Outings der damaligen (jedoch nicht künftigen) Kultusministerin Karin Wolff.

Um fair zu sein: Gegen Diskriminierung von Homosexualität sprach er sich damals auch aus. Und genau diese feine Balance homosexuellen Förderns und Forderns streift den neuen Koalitionsvertrag zwischen FDP und CDU in Hessen elfengleich, hauchzart und rein.

Kein Homo-Kult. Nirgends.

Jede hat so ihre individuelle Routine beim Schnelldurchforsten von Dokumenten: 
Que(e)rlesen, Suchwörter eingeben – oder eben Suchwörterteile. Erstrebenswert maximal lesbenzentriert ist selbstredend der Start mit dem Worteil „lesb“. 

Ob das auch mit dem hessischen Koalitionsvertrag funktioniert?. Acrobat Reader hält für negative Ergebnisse diese verstörende Meldung vor: „Dokument wurde durchsucht. Keine Treffer.“ Schade. Dann wird „schwu“ auch nix? Doch. Aufschwung.  Einmal. Die Jungs haben’s einfach besser drauf.
Der Standardausdruck „homo“ brachte … nix. „regen“ (wegen der Regenbogenfamilien) ergab wenigstens regenerative Energien (S. 26 und 73/74).  

Und „lebens“? Bingo:

Wir werden ein „Gesetz zur Anpassung des Hessischen Landesrechts an das Lebenspartnerschaftsgesetz des Bundes“ einbringen.

Das ist löblich. Außerdem erbrachte „lebens“ noch Lebensarbeitszeitkonten (in Verbindung mit der bemerkenswerten Wortschöpfung „versorgungsunschädlich“, S. 71), Lebensqualität und Lebensgrundlagen (in Verbindung mit „Bewahrung der Schöpfung“, S. 73, außerdem S. 39, dort jedoch zusammen mit „Weltoffenheit“ … wie auch immer die das zusammenbringen wollen, aber das ist zum Glück anderer Leute Problem!), Lebenserwartung und Lebensmittel, dagegen ist auch nix einzuwenden (S. 73 und 77), lebenslanges Lernen (S. 3, 32 und 51) … und noch ein paar mehr; alles in allem ist das eine überdurchschnittliche Gesellschaft. Und eine unkonventionelle Methode, einen Koalitionsvertrag durchzusehen.

Dennoch bleibt es … enttäuschend.

Das ist lediglich ein Feigenblatt

sagt dann auch Ansgar Dittmar, Vorsitzender der Lesben und Schwulen in der SPD, schwusos, während Michael Kauch für die FDP feststellt, hier habe

die hessische FDP einen klaren Fortschritt für Lesben und Schwule erreicht.

Der Arme. Das ist schon schlimm, so etwas sagen zu müssen, selbst wenn „Fortschritt“ irgendwie immer relativ ist. Und selbst wenn nicht viel zu verlieren war, ist doch die hessische FDP im Vergleich zu anderen Landesverbänden schwul-lesbisch eher zurückhaltend. Das erspart ihnen zumindest die Häme, die die bayerischen Liberalen sich wegen der wirklich bemerkenswerten vorher-nachher Performance bei ihren Koalitionsverhandlungen gefallen lassen mussten. Liberal sein ist heutzutage nicht einfach.

Der Schriftsteller und Komiker Karl Valentin (1882-1948) sagte einmal:

Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.

Und so ist es dann auch geworden. Keine aufregenden lesbenpolitischen Innovationen. Kein Kult. Nix zu schreiben. Warten auf die nächste Wahl.

Links und Quellen:

  • Ministerinnen-Bekenntnis. Koch warnt vor Homo-„Kult“, Spiegel online, 29.8.2007
  • „Vertrauen. Freiheit. Fortschritt.“, Koalitionsvertrag zwischen CDU und FDP, Legislaturperiode 2009 – 2014, cduhessen.de
  • Ansgar Dittmar zitiert nach lesben.org,  Hessen: Koalitionsvertrag CDU/FDP vorgestellt, 30.1.2009
  • Michael Kauch zitiert nach PRIDE1, Lichtblick für Homosexuelle in Hessen, 31.1.2009
  • FDP-Antworten auf die Wahlprüfsteine des LSVD, fdphessen.de 
  • Karl Valentin zitiert nach unmoralische.de