Ein persönlicher Bericht.

Vorgestern war es wieder so weit: Die 3. Veranstaltung der Reihe „DenkRäume“ fand im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt am Main statt. Wieder waren weit über 40 Lesben, Heteras und Transgender anwesend und wieder war es ein sehr schöner Abend.

Eigentlich war Dr. Lising Pagenstecher eingeladen, die über „Lesbische Identität im Lebenslauf“ referieren sollte. Doch diese war erkrankt und so haben die drei Veranstalterinnen, übrigens alle drei lesbisch :-), Ersatz gesucht und auch gefunden: Prof. Dr. Monika Barz ließ sich von einer der drei Veranstalterinnen, Eli Wolf, Leiterin des EVAngelischen Frauenbegegnungszentrums, zu iher lesbischen Identität interviewen. Das war eine sehr spannende Herangehensweise und während des Interviews war es meist mucksmäuschenstill im Saal!

Prof. Dr. Monika Barz ist 56 Jahre alt und wurde in den 1950er Jahren in Baden-Württemberg geboren. Sie hat einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Ihren zweiten Vornamen erhielt sie in Anlehnung an eine bereits verstorbene Tante, die lesbisch gelebt hatte. Ob die Eltern dabei im Sinn hatten, eine „neue Lesbe“ in der Familie zu haben, konnte Monika Barz bis dato nicht abschließend klären…

Monika Barz studierte zuerst Mathematik und Sport und war so frauenfeindlich wie wir alle. Hatte sie z.B. eine Frage zu einer mathematischen Aufgabe, wand sie sich selbstverständlich an einen männlichen Kommilitonen um Hilfe, da sie es einer weiblichen Kommilitonin nicht zutraute, ihr helfen zu können. Sie lebte glücklich heterosexuell in einer 11 Jahre dauernden Beziehung zu einem Mann, in der sie sich so entwickeln konnte, wie sie es brauchte.

So kam sie in den 1980er Jahren auch zur Frauenbewegung und wurde zu einer feministischen aktiven Mitstreiterin. Sie gründete verschiedene Frauen- und Mädchenprojekte und lernte so auch die ersten lesbisch lebenden Frauen in ihrem Leben kennen. Zuvor kannte sie diese Lebensform nicht bzw. hatte keine Worte dafür. Sie verliebte sich, aber erst bei der 5. Liebe traute sie sich und ging eine Beziehung ein. Zuerst lebte sie beide Beziehungen, ihre bisherige heterosexuelle und die neue lesbische, aber die lesbische Partnerin hatte damit ein Problem. So trennte sich Monika Barz von ihrem Lebenspartner und lebt seitdem lesbisch.

Inzwischen hatte sie auch ein Aufbaustudium zur Diplompädagogin absolviert und Kontakt zur Evangelischen Akademie Bad Boll bekommen. Dort arbeitete Dr. Herta Leistner, die 1979 begann, Angebote für lesbische Frauen zu machen, die so niemals benannt wurden, aber von den Betroffenen verstanden wurden 🙂 1985 findet in der Evangelischen Akademie Arnoldshain die erste Tagung für Lesben in der Kirche statt, alle weiteren später in Bad Boll. 1987 geben Monika Barz, Herta Leistner und Ute Wild (Gymnasiallehrerin in Frankfurt am Main) das Buch Hättest du gedacht, dass wir so viele sind? Lesbische Frauen in der Kirche heraus. Das Buch schlägt ein wie eine Bombe: Die Herausgeberinnen erhalten ordnerweise Zuschriften von Lesben in der Kirche…

Fortan ist es mit der Heimlichkeit vorbei. Monika Barz promoviert über Identifikationsmöglichkeiten lesbischer Frauen in den Kirchen.

1993 wird an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg die jetzige Arbeitsstelle von Monika Barz ausgeschrieben. Sie bewirbt sich und führt mit ihrem zukünftigen Arbeitgeber ein offenes Gespräch über ihr Lesbischsein. Bedenken, dass die Hochschule Ludwigsburg zum „Lesbenmekka“ werde, kann sie erfolgreich zerstreuen. Seit 1993 ist Monika Barz Professorin für den Bereich ›Theorie und Praxis Sozialer Arbeit mit Mädchen und Frauen‹.

In Bad Boll gehen die Tagungen – im übrigen bis heute immer am 4. Adventswochenende – weiter und bekommen internationalen Charakter. 1988 reist Prof. Dr. Monika Barz mit anderen Lesben nach Harare/Simbabwe zur Oekumenischen Dekade „Kirche in Solidarität mit den Frauen“. 1994 findet eine der beeindruckendsten Lesben-Tagungen in Bad Boll statt: Durch die internationalen Kontakte und durch die Spenden der Besucherinnen der Lesbentagungen können Lesben aus Hongkong, Indien, Jamaika, Niederlande, Philippinen, Schweden, Südafrika, Tunesien, USA eingeladen werden. Titel der Tagung: Lesbian Politics – just a Lifestyle? (Übrigens war die Verfasserin dieses Artikels auch bei dieser Tagung  in Bad Boll anwesend 🙂 Die Tagung war große Klasse!)

Schnitt.

Bisher habe ich die Fragen und Antworten des Interviews wiedergegeben. Nach einer kurzen Pause folgten 90 Minuten anregende Diskussion.

Eine der Teilnehmerinnen wollte wissen, welche Ratschläge Prof. Dr. Monika Barz ihren Studierenden bzgl. des Lesbischseins gibt. Monika Barz rät zur Vorsicht. In der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ist das Leben als Lesbe nicht einfach. Ausgehend von einem starken Nord-Süd-Gefälle rät sie ihren Studentinnen, die sich ihr gegenüber als lesbisch outen, am Praktikums- bzw. Arbeitsplatz abzuwägen.

Eine weitere Teilnehmerin erzählte, dass sie erst seit kurzem lesbisch lebe, Kinder habe und zum ersten Mal bei einer lesbischen Veranstaltung sei. Sie sei sehr froh, da zu sein, da sie feministische Positionen bislang in ihrer lesbischen Identitätsfindung vermisst habe.

Eine andere Teilnehmerin berichtete, dass sie aufgewachsen sei in der russisch-orthodoxen Kirche, dort sei Lesbischsein das Schlimmste. Auch sie war froh, da zu sein, da die Gemeinschaft sie stärke.

Allgemeiner Tenor war, dass viele verschiedene Lesben- und Lebensformen vertreten waren. Offen und versteckt lebende Lesben, junge, alte, Migrantinnen, M2F-transgender (Mann zu Frau) und behinderte Lesben (Mehrfachnennungen möglich!) Einig waren sich alle, dass Offen-Lesbischsein ein hohes Maß an Couragiertheit und Selbstbewusstsein erfordert: Den Vorurteilen einer heterosexuellen Welt tagtäglich zu begegnen, nämlich automatisch für heterosexuell gehalten zu werden, immer wieder entgegenzusetzen, dass frau lesbisch sei, eine PartnerIN habe bzw. eine Frau, sei verdammt schwer.

Schluss.

Das Konzept der DenkRäume ist folgendes: „DenkRÄUME ist eine Veranstaltungsreihe im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum. Frauen sind eingeladen, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam zu denken. Bekannte feministische Vordenkerinnen halten Referate und danach ist Gelegenheit zum regen Austausch. Es sind Referentinnen aus der ganzen Republik eingeladen, die in zwei- bis drei-monatigen Abständen zu Themen wie „Lesben und Frauenfeindlichkeit“, „Lesbenidentität“ oder auch zu „Neuer Feminismus“ und Affidamento referieren werden. Alle Frauen, unabhängig von ihrer Lebensform, sind herzlich eingeladen.“

Links und Quellen: