Gastbeitrag von  Maren Brandenburger

Schleichend, aber bestimmt bricht das Kartenhaus ihres Lebens in sich zusammen. Ihre Ehe mit René implodiert, die trügerische Sicherheit der ehelichen „Normalität“ hat etwas Bedrohliches. Das Leben verläuft gleichmäßig belanglos, die Liebe mechanisch, ohne nennenswerte Aufgeregtheiten. Nicht unglücklich zu sein, bedeutet aber eben noch lange nicht, glücklich zu sein! Was ist das schon – das Glück?! Was für ein Widersinn darin liegt, dass René vor lauter Ergriffenheit grunzend und gurrend in seinem Kinosessel in sich zusammensinkt, während sie selbst die dramatischen Liebesszenen zwischen „Barbie und Ken“ abstoßend findet. Deren Küsse berühren sie nicht! Deren wüstes Treiben empfindet sie als Widerspruch!

Scheinbar ziellos schmachtet sie Frauen ihrer Umgebung hinterher. Da ist zunächst die begehrte Hannah, an der sie sich emotional den Hals bricht, weil das Schmachten sich in veritables körperliches Begehren auswächst. Kaum ist Hannah verschwunden, bildet die schöne „Aussichtslose“ die Schablone für ihr richtungsloses Begehren. Für die „Aussichtslose“ aber scheint ein solches Begehren allenfalls ein Experimentierfeld zu sein. Zum Objekt einsamer Phantasien wird auch die „Gestiefelte“, die dunkelhaarige Fremde, die mit ihren zum Hinschlagen erotischen Stiefeln die Waldspaziergänge und die Träume der Protagonistin durchkreuzt. Unausgesprochen, uneingestanden quält sie sich also weiter mit ihrer rasselnden Sehnsucht nach einer Frau. Als hätte das lange Schmachten sie schon um den Verstand gebracht, stürzt sie sich kopflos in ein anonymes Abenteuer mit Marla, der „virtuellen Geliebten“, die sie über das Internet gefunden hat. Kopflos genießt sie wüste, leidenschaftliche Abgründe, von denen sie gar nicht wusste, dass es sie gibt. Sie erlebt den Sex wie ein Pulverfass, das versehentlich in die Luft gesprengt wurde. Im Verborgenen. In schummerigen Seitenstraßen, in kalten Treppenaufgängen, in einer zum Liebesnest verwandelten Hütte im Harz.

(„Marla reißt mit der Welle der Erregung, die ihr Kuss in mir auslöst, den blässlichen Schleier weg, als wüsste sie, was dahinter verborgen liegt. Ihre Lippen öffnen die meinen, weichen zurück, kehren wieder, als sie merkt, dass ich mich ihr entgegenstrecke. Marla lässt ihre Lippen reglos, aber pulsierend qualvolle Sekunden auf meinen Lippen zögern, als genieße sie mein Zittern, um dann mit der ganzen aufgestauten Energie der auch bei ihr verschütteten Jahre dem Kuss wieder freien Lauf zu lassen.“)

Über den Umweg waghalsiger sexueller Abenteuer scheint sie bei der geheimnisvollen Val, der „Siegesgewissen“, endlich angekommen zu sein.

(„Das süße Spiel von Locken und Abwehren, von Erregen und Hinauszögern, von Macht und Ohnmacht, von Wollen und Gewollt-Werden. Ein berauschendes Gefühl, allmählich in ihren Armen die Kontrolle zu verlieren“.)

Val jedoch lebt ein eher ungewöhnliches Modell der Liebe. Die Turbulenzen nehmen ihren unvermeidlichen Lauf…

Der Roman „Unter dem einstürzenden Kartenhaus“ ist kein Unterhaltungsroman über Lebens- und Orientierungskrisen. Er zielt nicht auf den Effekt, sondern stellt, in Sprache und Darstellung kompromisslos ehrlich, die Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten erfüllter menschlicher Beziehungen. Um es vorwegzunehmen: einfache Antworten erhält der Leser nicht.

In ständiger Selbstreflexion wird ihr klar, dass sie mit ihrem bisherigen Leben brechen und sich von ihrem Mann trennen muss. Der Autorin gelingt es, diesen Prozess, der mit tiefen seelischen Schmerzen und Verletzungen verbunden ist, in einer eindringlichen und berührenden Sprache darzustellen.

Der zweite Teil des Romans zeigt die Erzählerin am Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Der bisherigen Sicherheiten ledig, tastet sie sich, von Wünschen und Träumereien geleitet, zunächst unbedarft Schritt für Schritt in der für sie neuen Welt voran. Sie experimentiert mit ihrem Leben und versucht, ihre Sehnsucht in verschiedenen ekstatisch geschilderten Beziehungen und homoerotischen Gedankenspielen auszuleben. Je mehr Erfahrungen sie sammelt, desto desillusionierter wird sie. Sie muss erkennen, dass ihre anfängliche Neigung, die Liebe unter Frauen gegenüber heterosexuellen Beziehungen als generell authentischer zu verklären, falsch ist. Das Ausnutzen von Gefühlen und das Widerspiegeln des eigenen Egos im anderen ohne wirkliche Zuneigung auch unter Frauen kann sie nur schwer akzeptieren. Auf treffende Art und Weise entlarvt Brandenburger mit dem Mittel der Persiflage die artifizielle Welt der Vordergründigkeit und der Ich-Bezogenheit, in der sich die Protagonistin ihres Romans zwischenzeitlich bewegt. Die Sehnsucht nach erfüllter Liebe aber bleibt ihr. Sie ist unbestimmtes Ziel und Movens zugleich. Das Ende des Romans vermittelt uns die Hoffnung des Gelingens. Eine begehrte Frau, von der die Erzählerin schwer enttäuscht wurde und die als Symbol ihrer Sehnsüchte gelten kann, kehrt zu ihr zurück. Alles scheint sich zum Guten zu wenden. Vorerst.

Maren Brandenburgers autobiographisch gefärbter Debüt-Roman ist keine Coming-Out-Geschichte, sondern eine ins allgemein Menschliche gewendete Reflexion über ein Leben im Einklang mit sich selbst. Die Autorin appelliert an uns, ehrlich mit uns zu sein, uns zu unseren Gefühlen und Sehnsüchten zu bekennen und, wenn nötig, Sicherheiten aufzugeben. Ein Diktum Theodor Adornos lautet, in einem falschen Leben könne kein richtiges Leben sein. Dies zu erkennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen, ist schmerzhaft und nicht ohne Verletzungen möglich – auch dies zeigt der Roman. Wer seinen Sehnsüchten folgen will, muss bereit sein, ein Wagnis einzugehen. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht.

Maren Brandenburger verfügt über eine genaue Beobachtungsgabe. Ihr gelingen treffsichere Milieuschilderungen. Vor allem aber versteht sie es, in aller Rigorosität der Darstellung, Gefühle und Seelenlagen sensibel und mit großer sprachlicher Gestaltungskraft auszuleuchten.

Unter dem einstürzenden Kartenhaus
Roman von Maren Brandenburger
Taschenbuch, 228 S.,
erschienen im November 2009 im Verlag meread, Schottland,
ISBN 978-0-9562978-0-8

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