Eigentlich habe ich während all der Zeit nicht verstanden, weshalb die Schwulen so schnell bereit waren, Lesben gleichermaßen zu berücksichtigen. Also nicht grundsätzlich – das wär‘ noch mal ein ganz anderer Beitrag, auf den ich auch Lust hätte – sondern beim Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, das am 27. Mai in Berlin enthüllt wurde.
Dieses Denkmal steht für das wofür es steht auch deshalb weil es dort steht wo es steht: Auf der anderen Seite der Ebertstraße, gegenüber dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Übrigens hat es in der Diskussion von schwuler Seite frühzeitig eine differenzierte Sicht auf die Verfolgung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen in der NS-Zeit gegeben:

Es hat in der Forschung Jahre gebraucht, um die Legende vom Homocaust zurückzuweisen. Denn die Mehrheit der Verfolgten, mehr als 50.000 Männer, ist Opfer der NS-Justiz geworden. Die Reviere von Polizei und Gestapo, Gerichtssäle sowie Haftanstalten und Zwangsarbeitslager der Justiz waren die für Homosexuelle mehrheitlich durchlittenen Orte des Terrors. Von Gestapo und Kripo verdächtigt und verhört, diffamiert und bedroht, wurden schätzungsweise 200.000 Männer. Diese Dimension staatlicher Verfolgung ist nicht gleichzusetzen mit dem Holocaust. Sie ist aber ebenso nicht gleichzusetzen mit den Erfahrungen, die Lesben während des Nationalsozialismus machten.

Quelle: Andreas Pretzel: Ein Debattenbeitrag zum Streit um den Gedenkort für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, zitiert nach schwule-geschichte.de

EMMA hatte Ende 2006 getitelt „Stoppt das Homo-Mahnmal“, eine ziemlich weit gehende Forderung – drei Jahre nachdem der Bundestag beschlossen hatte, ein Denkmal an die homosexuellen NS-Opfer zu errichten. Flankiert von einer Unterschriftenkampagne, ganz erstaunlichen Argumentationen, die lesbische NS-Opfer und allgemeine lesbische Unsichtbarkeit verquirlten, gelang es innerhalb kurzer Zeit, die Diskussion über das Gedenken an ermordete NS-Opfer zum Lamento über strukturelle Benachteiligung von Lesben mutieren zu lassen.

Tatsächlich ist über eine systematische Verfolgung und Ermordung lesbischer Frauen in der NS-Zeit nichts bekannt. Ja, Lesben waren in der NS-Zeit sehr viel eingeschränkter als in der Zeit der Weimarer Republik. Ja, die lesbische Subkultur existierte nur noch sehr versteckt, die Bars, Cafés, Theater verschwanden. Ja, lesbische Zeitungen fielen der Zensur zum Opfer. Ja, für Lesben brach – wieder einmal – eine „Zeit der Maskierung“ (so der Titel eines sehr lesenswerten Buches von Claudia Schoppmann) an. Ja, lesbische Frauen wurden wegen aller möglicher Anklagen verhaftet und auch verurteilt. All das geschah übrigens auch schwulen Männern – und darüber hinaus wurden sie noch ausdrücklich und explizit wegen ihrer Homosexualität verfolgt. 50.000 wurden verurteilt, Tausende kamen in Konzentrationslager und eine unbekannte Zahl starb dort.

Stein des Anstoßes ist der Film, der im Inneren des Denkmals in einer Dauerschleife (Tautologie?) läuft. Er zeigt zwei Männer, die sich küssen. Frauen kommen – in diesem Film – tatsächlich nicht vor. Es wirkt wie eine etwas skurrile Art von Leidenslust, wenn Frauen sich darüber beklagen, sie seien nur deshalb nicht so verfolgt worden wie Männer, weil sie als Lesben nicht ernst genommen worden seien. Während einer glücklicherweise nicht allzu langen Zeitspanne glitt die Diskussion um eine Berücksichtigung von Lesben beim Homo-Denkmal in derart unwirklich anmutende Sphären ab.

Nun ist es vielleicht naiv, anzunehmen, dass es immer noch besser ist, nicht systematisch verfolgt und ermordet worden zu sein, selbst wenn eine deshalb Gefahr läuft, später kein Denkmal zu bekommen.

Den Befürworterinnen und Befürwortern einer lesbischen Beteiligung lässt sich immerhin der Wortlaut des Bundestagsbeschlusses zum Denkmal zu Gute halten:

Die Bundesrepublik Deutschland errichtet in Berlin ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Mit diesem Gedenkort wollen wir

  • die verfolgten und ermordeten Opfer ehren,
  • die Erinnerung an das Unrecht wachhalten,
  • ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.

Quelle: Antrag von SPD und Bündnis90/Die Grünen: Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, Bundestagsdrucksache 15/1320 vom 1. Juni 2003 (beschlossen gegen die Stimmen der CDU am 12. Dezember 2003) http://www.gedenkort.de/files/bt-1501320.pdf

Und tatsächlich hat es etwas für sich, wenn Trauer und Entsetzen angesichts der Vergangenheit in eine politische Verpflichtung für die Zukunft münden. Nur das Niveau der Auseinandersetzung – das hätte wirklich nicht sein müssen.

Nun wird also alle zwei Jahre ein neuer Film ausgewählt, der im Inneren des Denkmals gezeigt wird – und lesbische Künstlerinnen sind willkommen, eigene Beiträge einzureichen. Es wäre schön, wenn das gelänge.

Ein Beitrag mit alten Frauen vielleicht – betagte Lesben, wild und ungezähmt. Das wär doch was.

Noch was zu gucken: Bei artnet.de sind die Wettbewerbsarbeiten dokumentiert, wie sie 2006 in der Akademie der Künste in Berlin ausgestellt waren – also die Entwürfe, die seinerzeit eingereicht wurden – auch die von den Künstlerinnen.