Über eine alltägliche Drohung

„Hey, ich bin ein begabter Lesbenumdreher!“ – welche kennt sie nicht, diese widerlichen Reaktionen von heterosexuellen Männern, wenn sie bemerken, dass ihr Gegenüber lesbisch lebt. Im Zug, auf dem Schulhof, auf der Familienfeier – überall meinen sie zu wissen, dass Lesben von dem richtigen Mann bekehrt werden können und wollen.

Formuliert als Angebot, das Umdrehen persönlich zu übernehmen, gilt so eine Reaktion als normal, als typisch männlich, bestenfalls als peinlicher Spruch. Den Tätern fehlt jedes Unrechtsbewusstsein, sie sind gestärkt von der Allgegenwart der Heterosexualität und finden Bilder für ihre Phantasien in den sogenannten „Lesbenpornos“. Aber auch die betroffenen Lesben tun sich schwer damit, die Unverschämtheiten anzuprangern.

Ist es denn wirklich so schlimm? Was geschieht da überhaupt? Ein dummer Spruch, ein Angebot zu Sex wider Willen, eine Androhung von Vergewaltigung – jeder bleibt es individuell überlassen, den Übergriff zu bewerten. War es nicht vielleicht sogar nett gemeint? Warum fühlt es sich so verdammt furchtbar an, das zu hören? Keine kennt eine Norm, die einen entsprechenden Schutzzweck formulieren würde. Und wäre das überhaupt notwendig? Ein alltägliches Phänomen des lesbischen Lebens findet keine Worte. Es wird weder in der Theorie noch in der Politik thematisiert.

Ein schwuler Kuss, ein lesbischer Kuss: die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Studien zeigen, dass etwa jeder zweite Mann den Kuss zwischen zwei Männern abstoßend findet, aber nur jeder zehnte äußert das Gleiche in Bezug auf Frauen. Schwule sind ekelig, aber Lesben sind geil. Hinter der vermeintlich größeren Akzeptanz gegenüber Lesben verbirgt sich der Wunsch zur erobernden Bekehrung. „Kann ich mitmachen?“ gilt gemeinhin als Chiffre für die Großzügigkeit von heterosexuellen Männern. Keiner Lesbe gilt diese vermeintliche Toleranz, nicht dem lesbischen Leben und schon gar nicht der weiblichen Homosexualität, sondern allein der von vielen heterosexuellen Männern so ausgiebig gepflegten Vorstellung, mit zwei Frauen Sex machen zu können. Was die wollen, tut dabei nichts zu Sache.

Umpolungsseminare, wie sie etwa Wüstenstrom oder die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge anbieten, werden inzwischen öffentlich angeprangert. Auch sie kommen harmlos daher, im wissenschaftlichen oder therapeutischen Gewand. Und auch dort werden die Anbieter behaupten, sie handelten in bester Absicht. Erst massive Gegenwehr, Informationen und Kampagnen haben dazu beigetragen, dass sich Politik, Medien und Wissenschaft mit dieser Form der Homosexuellenfeindlichkeit beschäftigen mussten. Nicht zuletzt dem LSVD ist es zu verdanken, dass inzwischen die Gewalttätigkeit und der subtile Hass dieser so offen formulierten Angebote gesehen werden kann.

Gewalt gegen Lesben ist immer mal wieder ein Thema. Fälle von körperlicher Gewalt und Diskriminierungen werden gezählt und nicht selten fordern die Redenden, der Gewaltbegriff müsse diskutiert werden. Dabei müsste man ihn nur nutzen: Das auf das lesbische Leben anwenden, was an anderen Stellen mit scharfen Worten wie Nötigung, Drohung und sexueller Gewalt angeprangert wird. Oder besser weiterhin schweigen, weil Lesben es so satt haben, Opfer zu sein? Die Schwulen konnten an dieser Stelle schon einiges erreichen. Überfalltelefone und Antigewaltarbeit haben Tabus gebrochen und das Selbstbewusstsein gestärkt. Da gäbe es doch vielleicht etwas, was Lesben noch lernen könnten.

Aus: respekt! Zeitschrift für Lesben- und Schwulenpolitik, April 2009