Gibt es Berufe, die besonders oft von Lesben, Schwulen, Transpersonen ergriffen werden? Und wie sind sie von der Wirtschaftskrise betroffen?

Dass in jedem Schwulen ein Balletttänzer verborgen ist und in jeder Lesbe eine LKW-Fahrerin, ist ein schönes altes Vorurteil und von bestechender Attraktivität, wenn es darum geht, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise kurz und knapp zu bewerten: Die Transportwirtschaft ist schon am Boden und den Kunstformen der Bildungselite geht’s noch gut. Leider – oder glücklicherweise – ist das komplexer.

Eine typische Männer-Frauen-Differenz gibt den Ausschlag, findet Susanne Kazemieh von der FrauenFinanzGruppe:

Für Kazemieh ist es nicht der Kapitalismus, der in der Krise steckt, sondern „das männliche Prinzip“, in dem Fehler tabu seien und das vor Überheblichkeit strotze. „Was passiert ist, wäre unvorstellbar gewesen, wenn Frauen an den Schalthebeln gesessen hätten.“
Die Wissenschaft unterstützt diese These. So fand im vergangenen Jahr ein britisches Forscherteam heraus, dass Selbstbewusstsein und Risikobereitschaft von Börsenhändlern mit ihrem Testosteronspiegel steigen. Die Lust auf Risiko könne „zur Obsession werden“, warnt der Ökonom John Coates in der Studie – und plädiert für mehr Händlerinnen auf dem Parkett: „Wenn die Risikopräferenz teilweise von den Hormonen bestimmt wird, müssten die Banken zur Risikoreduzierung für einen besser durchmischten Handelsraum sorgen.“

Quelle: Financial Times Deutschland, 12.2.2009

Ein Beruf der nicht in Frage kommt, ist der Banker-Groupies … das ist das Metier eingefleischter Heteras:

Junge Frauen aus New York, die fatalerweise mit einem Banker liiert sind, haben eine Selbsthilfegruppe gegründet. „Dating A Banker Anonymous“ (Daba) ist ein Zufluchtsort für die, die von Konjunkturprogrammen, Medienberichten und Politikern völlig vergessen wurden.
(…) Auf  www.dabagirls.com prophezeien sie bereits: „Keine von uns wird in naher Zukunft einen Banker heiraten. Diese Rezession wird uns allen zwei weitere Jahre Singledasein bescheren.“

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, 6.2.2009

Wäre also ein Lesbenkollektiv mit größtmöglicher Testosteron-Ferne die Idealbesetzung für Vorstände von DAX-Unternehmen?

Und kommt das viel beklagte aber gängige Berufswahlverhalten von Frauen ihnen jetzt in der Wirtschaftskrise entgegen?

Berufswahl von Lesben

In den USA, die bislang in der Krise einige Monate voranlaufen, hat es drei Monate hintereinander jeweils Stellen-Rückgänge um über eine eine halbe Million gegeben – nicht jedoch in Gesundheits- und Sozialjobs, den Domänen von Frauen. Auf der anderen Seite werden die Konjunkturprogramme – jenseits des großen Teichs ebenso wie hier – vorwiegend bei Investitionen ansetzen, die das örtliche Handwerk fördern: Im wesentlichen Männerberufe. Kürzungen dürfte es mittelfristig bei den Konsumausgaben des Staates geben, also bei Gesundheit und Sozialem.

Aber trifft das auch auf Lesben zu?

Zum Berufswahlverhalten lesbischer Frauen gibt es keine gute Datengrundlage im deutschsprachigen Raum. Die US-Amerikanerinnen sind uns hier wieder ein Stück voraus. Im Berufsleben verteilen sich Frauen, die sich selbst offen als lesbisch bezeichnen, über alle Altersgruppen und ethnischen Gruppen. Lesben ebenso wie Schwule streben oft erfolgreich höhere Bildungsabschlüsse an als der Durchschnitt der Bevölkerung. Im Vergleich zu heterosexuellen Frauen haben Lesben, dafür sprechen einige Studien, oft mehr Hindernisse auf dem Weg zu ihrem Karriereziel zu bewältigen, sie machen größere Umwege und benötigen mehr Zeit. (Quelle: Degges-White und Shoffner, s.u.)

Höchstbezahlte Männerberufe stehen Frauen, heterosexuell oder lesbisch, nach wie vor kaum offen. Das betrifft Spitzenpositionen mit den entsprechenden Gehältern im Management ebenso wie einflussreiche Aufsichtsratsposten.

Diskriminierungsklage gegen die Dresdner Bank

Eine der sechs Spitzenmanagerinnen, die 2006 in New York City wegen Diskriminierung gegen die Dresdner Bank klagten, ist lesbisch: Jane Marlowe, damals 45, war die zweite weibliche Managing Director. Sie betreute den Schwerindustriebereich. Sie lebt mit einer Frau zusammen, einer Psychologin, die sich gemeinsam mit einem Kindermädchen um die beiden Kinder kümmert. Sechzehneinhalb Jahre, von 1991 bis 2007, war die Spitzenmanagerin Managing Director bei Dresdner Kleinwort, der Investment-Sparte der Dresdner Bank. Der Rechtsstreit wurde im Mai 2007 außergerichtlich beigelegt, dem Vernehmen nach soll die Bank eine erhebliche Summe gezahlt haben. Seitdem befindet Marlowe sich in einem Sabbatical.

Nun ging es bei der Klage nicht um Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung, sondern um eine Reihe impliziter Diskriminierungen wie Nicht-Beteiligung an Entscheidungsfindungen, Entgeltdiskriminierung und Hierarchien. Die Rolle, die Marlowe dabei einnahm ist spannend: Keineswegs stand sie für eine grundsätzlich alternative Lebensweise, sondern für eine, die sich – soweit es die Äußerlichkeiten betrifft – stark am heterosexuellen Familienmodell orientiert. Und geklagt hat sie, ebenso wie die anderen Managerinnen, gegen Diskriminierungen, die sich gegen sie als Frau richteten, nicht explizit als Lesbe. Die Situation lesbischer Frauen im männlich dominierten Spitzenmanagement unterscheidet sich möglicherweise erheblich von der Situation, die sich in anderen, weniger leistungsorientierten Bereichen findet.

Wahrscheinlich ist, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise auf verschiedene Berufe ganz unterschiedliche Auswirkungen haben wird. Aber werden die industriefernen Frauenberufe besonders wenig betroffen, weil sie nicht vom Export abhängen oder werden sie besonders stark betroffen, weil sie zu einen hohen Anteil aus öffentlichen Mitteln finanziert werden?

Und wird die Krise zu größerer Toleranz führen, weil Werte wie Gerechtigkeit künftig eine größere Rolle spielen oder wird es zu einem ideologischen Mailstream führen, in dem für „Abweichungen“ von der Norm kein Raum sein wird?

Ob soziale Verwerfungen und die subjektive Wahrnehmung, die Verteilung von Kapital und Produktionsmitteln führe zu einer ungerechten Gesellschaft, eher Solidarität oder Entsolidarisierung hervorruft, wird sich zeigen. In jedem Fall wird eine wichtige Frage sein, wer noch mit wem solidarisch sein wird … eine andere, welche Rolle Leistungsorientierung im Nach-Krisen-Kapitalismus spielen wird.

Mehr dazu die Tage bei L-talk.

Links und Quellen:

  • Suzanne Degges-White und Marie F. Shoffner: Career counseling with lesbian clients: using the theory of work adjustment as a framework. (Practical Techniques), entrepreneur.com, Sept. 2002
  • Ruth Fend: Die Finanzmarkt-Trümmerfrauen, Financial Times Deutschland, 12.2.2009
  • Frauen Finanz Gruppe Susanne Kazemieh, Hamburg, frauenfinanzgruppe.de
  • Madeleine Gullert: Nachhilfeveranstaltung für Feminismus, Kölner Stadt-Anzeiger, 6.2.2009
  • Kerstin Kohlenberg: Das falsche Geschlecht, Die Zeit 23/2006 vom 1.6.2006
  • Bild Truckerinnen von Joey Carolino, sovo.com
  • Bild Army-Angehörige bei redstone.army.mil