Trans*memory 1

von | 16. Februar 2014 | Identitäten, Kulturelles | 4 Kommentare

Jeanne Lessenich schlägt einen Bogen von der kulturellen Spiegelung von Trans* in den 1960er und 1970er Jahren über die Sehnsucht nach Heteronormativität bis zur Forderung nach einem neuen Trans* Selbstbewusstsein von heute. 

Geschichte, der Meinung bin ich, ist die Gegenwart – wir, mit jedem Atemzug, den wir tun, mit jeder Bewegung, die wir machen, sind Geschichte -, und was geschehen soll, geschieht.
James Baldwin
„Das Gesicht der Macht bleibt weiß“ 2. April 1985

Meine Erinnerungen spiegeln sich in den Filmen und Bücher die ich gelesen oder gesehen. Erinnerungen sind Empfindungen, Gefühle, Bilder aus denen sich das, was ich mein „Ich“ nenne, formt. So ist mein Blick auf das Leben, die Welt, letztlich ein subjektiver und ganz sicher nicht objektiv. Als Trans* bin ich als Betroffene, in der Beschreibung von Trans*, ganz gewiss nicht objektiv, da ich ja nur mein Trans* beschreibe.  Aber ebensowenig sind die, die mich und Trans* von außen beschreiben, objektiv.

DVD cover of Funeral Parade of Roses, starring “Peter”, a.k.a Shinnosuke Ikehata, Wikipedia

Vor ein paar Tagen habe ich mir, nach vierzig Jahren, Toshio Matsumotos[ref] Toshio Matsumotos (????Matsumoto Toshio) (born March 25, 1932) is a Japanese film director and video artist. He was born in Nagoya, Aichi, Japan and graduated from Tokyo University in 1955.[/ref]Film: „Funeral Parade of Roses“[ref] http://en.wikipedia.org/wiki/Funeral_Parade_of_Roses (Bara no S?retsu?) is a 1969 Japanese drama film directed by Toshio Matsumoto. It is a loose adaptation of Oedipus Rex set in the underground gay counterculture of 1960s Tokyo. The film was released by ATG (Art Theatre Guild) on 13 September 1969 in Japan. [/ref] angesehen. Damals hieß er in seiner deutschen Fassung: „Pfahl in deinem Fleisch. Bei Wikipedia steht, dass er das Vorbild für Stanley Kubricks Film „Clockwork Orange“ war. Was wohl etwas über diesen Film sagt.

Apokalyptische homoerotische Ödipus Version

Ich kann mich noch an den seelischen Aufruhr erinnern, den diese Bilder in meinem Geist auslösten. Sie zerrissen mich regelrecht. Nahmen mich auseinander und stellten mich auf den Kopf. Die Bilder betrafen mich als Trans* Wesen und zwar ganz persönlich. Matsumoto hatte einen Film über das gemacht, was er die homosexuelle Subkultur nannte. Ein Film, der übergangslos in die gleichzeitige Underground Szene der Beat Bewegung, ihres Drogenkonsums und ihrer Rastlosigkeit, sowie der Kunst Szene der Sechziger, wie die des Fluxus, dem Happening,  changiert, um am Ende dann alles miteinander zu verbinden. Dann ihren Ausdruck  in der Gewalt der politischen Anti Vietnam Bewegung und später, in der japanischen Roten Arme Fraktion findet. Zum Schluss sich dann selber deutet in einer apokalyptischen homoerotischen Version der Ödipus Sage.

Der Film spielt im Tokio der späten Sechziger. Ist, wie ich es damals empfand, ein einziges Nachtmahr. Ein Alptraum, der mich magnetisch anzog. Und mich wie die Lektüre von Djuna Barnes „Nachtgewächs“ oder John Rechys „Nacht in der Stadt“ in einem Malstrom wildester Transphantasien ertrinken ließ. [ref]John Rechy „Nacht in der Stadt“,(* 10. März 1931 in El Paso, Texas) ist ein US-amerikanischer Autor. Sein erster Roman reflektiert seinen biografischen Hintergrund als homosexueller Mann mit mexikanisch-schottischer Abstammung. Rechy ist Hochschullehrer im Master of Professional Writing Program an der University of Southern California.[/ref]

Ich löste mich auf, in Frankfurts schwulem Underground der Sechziger.  Der sich sicher kaum mit dem Tokios, wie Matsumoto ihn in seinem Film beschreibt, vergleichen lässt. Aber beide existierten unsichtbar in der großen alltäglichen Heteronorm dieser Welt. Dem Alltag unseres täglichen Lebens. Das Leben in dieser Szene bedeutete einfach unsichtbar zu sein. Zu verschwinden und nicht mehr wahrgenommen zu werden in der Wirtschaftswunderwelt der jungen Bundesrepublik. Unsichtbar zu sein und zu einem Nachtgewächs zu mutieren.

Vor ein paar Jahren dann, Leslie Feinbergs „Stone Butch Blues“[ref]Leslie Feinbergs „Stone Butch Blues“ Roman | Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Brusdeylins?480 Seiten, broschiert, ISBN 978-3-960041-35-0, 16.90 €
»Das beeindruckendste Lesbenbuch, das ich jemals gelesen habe!«?Konny, lesben.org |
»Wenn Sie Ihre eigene sexuelle Identität bislang für einen unveränderbaren Zustand hielten, sind Sie sich nach der Lektüre dieses Romans womöglich nicht mehr ganz so sicher.«?Tagesspiegel[/ref] lesend, musste ich an John Rechys „Nacht in der Stadt“ denken. Rechys Roman ist eine exzessive Beschreibung der vor -Stonewall* Welt. Ähnlich wie Leslie Feinbergs Buch. Nur nicht aus der Sicht von Trans*, dafür aus der Sicht schwuler Stricher. Wobei Trans* eine wichtige Rolle in „Nacht in der Stadt“ spielt als tragischer queerer Chor, durch die USA der Sechziger. Trans* als Bewusstsein in der jetzigen Form gibt es damals noch nicht.

Ebenso wenig wie in Matsumatos Film „Funeral Parade of the Rosés“. Und trotzdem war alles schon da, was heute LGBTI* genannt wird. Damals aber war Trans* in den Augen der heteronormativen Mehrheit, die je weder die Bücher von Hirschfeld noch die späteren von Money und Benjamin gelesen, noch davon gehört hatte, was Trans* ist, nichts anderes als die perverseste Form der Homosexualität. Dies ist heute anders. Ein Mensch der heute Trans* ist, wird heute nicht mehr unbedingt als homosexuell betrachtet.

Matsumato spricht in seinen Kommentaren zum Film nicht von Transsexuellen, nur von Gay Boys. Von jungen Männern, die Frauen darstellen, und in den englischen Untertiteln werden sie auch, wie in Rechy’s Buch, als Queens bezeichnet. Nicht als Trans* oder Transsexuelle, noch als Transgender. Schrille Geschöpfe der Nacht, Fairies. Wesen einer zauberhaften homoerotischen Gegenwelt männlicher Phantasie. Die ihren Ursprung in der über allem als Dach existierenden patriarchalen heteronormativen Weltsicht unserer Weltzivilisation hat.

Trans* in klassischen fernöstlichen Kulturen

Traditionell gibt es in der patriarchalen japanischen, wie in der chinesischen Kultur, eine Möglichkeit, zumindestens teilweise ein Leben als Frau zu führen, wenn man als solche biologisch nicht geboren ist. Man genießt sogar eine Menge Vorteile gegenüber biologischen Frauen, man ist, wenn man die Fähigkeit hat, ein Objekt männlicher Begierde und zwar der Männer, die zur herrschenden Klasse gehören. Keine biologische Frau in China oder Japan kann diese Verehrung erreichen. Der chinesische Film z.B. „Lebwohl meine Konkubine“[ref]Lebwohl meine Konkubine ist ein chinesischer Film von Chen Kaige aus dem Jahr 1993. Er ist eines der wichtigsten Werke des chinesischen Kinos der Regisseure der fünften Generation. Wikipedia[/ref] lässt diese Welt wieder auferstehen.

John Rechy, Titel der Original Ausgabe von „Nacht in der Stadt“In der traditionellen Welt, der klassischen chinesischen Peking Oper, wurden vor der Mao Zeit sämtliche Frauenrollen von Männern dargestellt. Ebenso bis heute im japanischen Kabuki Theater. Es war, wenn man begabt genug war, dann möglich, zumindestens teilweise, ein Leben als Frau zu führen, und sogar ein Star zu werden. Diese Wesen, japanisch „Onnagata“ waren und sind von einer patriarchalen Kultur mit stark homoerotischer Prägung geschaffene weibliche Wesen, sozusagen eine Art im männlichen Bewusstsein erträumte Idealfrau. Jenseits aller realen biologischen Weiblichkeit.

Wenn man nun den japanischen Film „Funeral Parade of the Rosés“ betrachtet, wird diese traditionelle Rolle deutlich an der Hauptfigur Peter oder Ikehata Shinnosuke.

Zwischenbemerkung: Beim Schreiben dieses Textes, wird mir klar das ich nicht weiß, wie Ikehata Shinnosuke sich selber geschlechtlich einordnet. Ich sehe und sah sie immer als Transfrau. Nur, weder der Regisseur Matsumato noch die Japaner, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, gaben Ikehata das Recht, eine Frau zu sein.

In einer fundamentalistisch christlichen Website über Japan wird Ikehata Shinnosuke folgendermaßen beschrieben: „Shinnosuke Ikehata is a Japanese singer, dancer and actor. He uses his moniker of Peter when he appears on TV variety shows and musical revues. He adopted the stage name when he was 16 after his style of dress and dance which was said to resemble Peter Pan. He is a transgender pervert.“

Unsichtbarkeit der Transfrau

Beim Betrachten des Films, der immer wieder unterbrochen wird von den Live-Interviews der Darstellerinnen, die in meinen Augen alle echte Transfrauen sind, werden sie in den Kommentaren immer als Gayboys bezeichnet. Und ihre Antworten spiegeln die Ausweglosigkeit ihrer Situation, jemals ihre gefühlte Identität zu verwirklichen. Letztlich sind sie der Ausdruck der uralten japanischen Tradition der Onnagata, der Frauendarsteller des Kabuki, transportiert in das Nachtleben Shinjukus, ohne die Verehrung der klassischen Kabuki Onnagata zu erlangen.

Aber Peter wurde ein Star und ist ein Star. In meinen Augen aber ist der Höhepunkt ihrer Karriere nicht Matsumotos Trans* Drama „Funeral Parade of the Rosés“, es ist die Darstellung des Hofnarren in Akira Kurosawas „Ran“. Kurosawas Interpretation des shakespeareschen King Lear Themas.

Ikehata Shinnosuke startete ihre Karriere als Peter, weil sie sich mit Peter Pan identifizierte und unter diesem Pseudonym als Nachtklub Tänzerin in Tokios Stadtteil Shinjuku arbeitete. Dort wurde sie dann auch von Matsumoto für die Rolle in „Funeral Parade of the Rosés“ entdeckt. Im Grunde spielt sie sich selber, ein Leben, das für Transmenschen, von den Fünfzigern bis in die Siebziger, nur unter dem Schutz der Nacht denkbar war.

Die normative Matrix will es so

Dass es für die betroffene Person schon immer anders war, interessierte außer den Betroffenen niemand. Und damals noch weniger als heute. Der Traum, der Wunsch, Frau zu sein, ist letztlich der heteronormative Traum des Mittelstandes. Wie es Miss Destiny in John Rechys „Nacht in der Stadt“ ausdrückt: „Es sind die Perlen Baby, es muss eine Hochzeit sein, eine richtige Hochzeit, wie sie jedes Mädchen haben sollte“. Oder wie Butch, einer der Stricher auf dem Pershing Square in Los Angeles, über die dortigen Queens sagt:“Egal was ist, was auch immer ihnen passiert, ihr Glaube ist unzerstörbar, dass sie eigentlich richtige Frauen sind.“ Und das ist das gleiche, was die interviewten Protagonisten von „Funeral Parade of Rosés“ mit ihren Augen ausdrücken, während sie beredt schweigen.

Fassbinder Filmposter „In einem Jahr mit 13 Monden“Dass der Traum, eine Frau zu sein, im Gegensatz zu den scheinbar biologischen Tatsachen, nicht krank ist und zwangsläufig zum Scheitern verurteilt, ist in dieser Gesellschaft ein recht neues Phänomen. Am deutlichsten lässt wohl Rainer Werner Fassbinder in seinem Film „in einem Jahr mit 13 Monden“[ref]In einem Jahr mit 13 Monden ist ein Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahre 1978. Volker Spengler spielt die Hauptrolle als Erwin/Elvira Weishaupt. Wikipedia[/ref] die transsexuelle Hoffnung scheitern. Obwohl in Casablanca operiert, begeht die eigentliche Heldin des Films, die sich nicht anderes wünscht, als eine Frau unter Frauen zu sein, Selbstmord. Und wie üblich wird die Protagonistin nicht von einer Trans* Frau dargestellt sondern von dem Schauspieler Volker Spengler. Und dies in einer Melodramatik, die bis heute die Darstellung von Trans* Menschen in deutschen Filmen prägt. Das Scheitern des Strebens, eine Frau zu sein, drückt jede Bewegung der Darsteller aus. Und dies ist in allen deutschen filmischen Darstellung von Trans* zu sehen. Von Volker Spengler bis Edgar Selge. Die normative Matrix dieser Gesellschaft will das so, Veränderungen sind da bisher nur wenige auszumachen.

Transphobie ist in dieser Welt ein tief sitzendes Vorurteil.  Dabei spielt es kaum eine Rolle, von welcher Gruppe dieser Gesellschaft, diese ausgeht. Ob hetero, schwul oder lesbisch, keine dieser Gruppen kann sich davon freisprechen, Vorurteile gegen Trans* Menschen gehabt zu haben. Es ist ähnlich wie mit der Prostitution, zu der Trans* ja einst gehörte, die besser gesagt der Ort der Zuflucht war. Eine Art Zuhause. Und so wie die Kreise, die definieren, was Prostitution ist und wie man mit ihr umgeht, bestimmen die gleichen Kreise seit Ewigkeiten, was Trans* ist und wie man diese Menschen zu behandeln hat.

Wir haben den Medizinern Macht  gegeben

Nachdem die Queens und Fairies ihre nächtlichen Parks und Bars in den Großstädten dieser Welt verließen, dann zum großen Teil zu Transsexuellen mutierten, die nicht nur in Casablanca sich körperlich ihrer inneren Wahrheit anpassten, nachdem es sogar rechtlich möglich war, sich dem wahren Geschlecht entsprechend ins Register eintragen zulassen, übernahmen die Chirurgen und Psychologen die Herrschaft über das Phänomen. Erfanden sofort einen Krankheitsbegriff, wenn jemand nicht in die herkömmliche Matrix, von Mann und Frau passt: Gender dysphoria. Was sagt, dass Trans* Menschen an einer psychischen Identitätsstörung leiden. Wenn dann nachgewiesen wird, durch einen Psychologen, das man psychisch krank ist, also an Gender dysphoria leidet, bekommt man die Erlaubnis, sich auch körperlich dem Weiblichen anzupassen. Und sich als Frau oder umgekehrt als Mann zu benennen. Wenn das nicht schizophren ist … Es sagt aber auch etwas aus über Herrschaft und Macht des Systems.

Wenn man davon ausgeht, dass die Hetero-Matrix ein Naturgesetz ist, ist für diese Einstellung jede Abweichung von der Matrix eine Krankheit. Wenn man aber nun betrachtet, wo diese Matrix ihre Wurzel hat, aus welchem geistigen Gespinst sie entstand, findet man an gleicher Quelle ein ebenso unheilvolles Gespinst, was eine ebenso erschreckende, grausame mitleidslos Blutspur hinter sich herzieht der Rassismus. Und diese Quelle hat auch einen Namen: „Koloniale Herrschaft“.

Lernen, stolz auf unser Trans* zu sein

Aus dem kolonialen Denken entstehen die Muster des Rassismus, der Heteronormativität und damit das Recht, anderen ihre Rechte zu nehmen. Das Ganze wird im Zuckerguss des kleinen heteronormativen Glücks mit Reihenhaus sowie Frau am Herd mit zwei Kindern verpackt und wird damit auch zum Traum von Trans. Dem Traum, der dazu da ist, das revolutionäre queere Potential in beherrschbare Bahnen zu lenken und ihr_ihm Power zu nehmen. In dem Wahn, eines Tages im heteronormativen Glück zu stranden scheitert Trans* an sich selber. Weil Trans* sich aufsplittert und glaubt, dass es ein jenseits von Trans* gibt. Ein Sein in der CIS Welt als Mann oder Frau. Nur das gibt es nicht, solange das Imperium der Herrschaftsstruktur des Heteronormativen nicht zerstört ist. Und die Herrschenden werden den Teufel tun. Wer Trans* ist, egal wie offensichtlich anerkannt, wird immer Trans* bleiben. Selbst die jetzigen scheinbaren Stars unserer Szene bleiben Trans*. Auch Balian Buschbaum wird immer ein Transmann bleiben. Er hat sich so geoutet und jedes Outing, und wenn nur auf Facebook, reicht aus, um der Welt mitzuteilen du bist Trans*. Es gibt keinen Ausweg. Und weil es keinen Ausweg gibt, sind wir letztlich frei. Und weil wir frei sind, haben wir nichts zu verlieren*. Lernen wir endlich, stolz darauf zu sein, dass wir Trans* sind. Unsere Vorfahren in den matrilinearen Kulturen der Welt waren es. Und es wird Zeit das wir es auch sind.

Statt zweier Geschlechter besteht die Vielfalt der Geschlechter und aus dieser ergibt sich deren Wertschätzung. Denn nur aus der Wertschätzung des anderen, dem Gegenüber, entsteht das, wonach sich im Grunde alle sehnen, ein menschenwürdiges miteinander.

LINKS und QUELLEN:

  • Titelbild: Jeanne Lessenich, „Hello!“, Mischtechnik Collage auf Leinwand, 80/100cm 700,-€ (Kontakt: jeanL@am-toerichten-bach.de)

Jeanne Lessenich