Wie bleibt eigentlich konkretes Wissen zu und über Lesben „in der Welt“?

Da gibt es verschiedene Wege, klar. Ob diese Wege dann aber in Zeiten noch taugen, wenn viele nicht mehr in Bibliotheken und Papierarchiven nach Neuigkeiten suchen (und es diese Institutionen vielleicht gar nicht mehr gibt oder nicht mehr so relativ leicht zugänglich)? Wenn wir heute meinen, das Netz „wird das schon regeln“ mit den lesbischen Spuren?

Der traditionellste Weg, ohne Aufschreiben

Gerade las ich in einer Anna Achmatova-Biografie, dass nicht nur sie selbst, sondern auch ihre engste Vertraute, Lydia Chukovskaja, alle Gedichte der Achmatova auswendig konnten. Und viele der Zeitgenoss*nnen mindestens diejenigen der Gedichte, die ihnen am liebsten waren. Das ist sicher auch heute noch so in der russischen Kultur: was du behalten willst, lernst du auswendig.

Dadurch konnte das Werk von Achmatova in der Sowjetunion zweimal vor der Repression (und nach der Vernichtung) gerettet werden. Aus ihrem Gedächtnis stellten sie es wieder her. Nun aber ist nicht nur Achmatova selbst nicht mehr am Leben (sie starb 1966), sondern auch die Vertraute, die sogar verschiedene Versionen eines Gedichts noch erinnern konnte, lebt heute nicht mehr (sie starb 30 Jahre nach Achmatova, also 1996). Immerhin sind Achmatovas Werke nun weithin bekannt, ich meine: verschriftlicht. Eine wichtige Kulturtechnik, die Verwendung von Schrift.

Aufschreiben: aber welche Lesbe schreibt und publiziert?

Als ich letztes Jahr mit meiner Serie „Lesben in Italien“ begonnen hatte, in der „escape„, fragte mich eine Leserin: Liebesbriefe zwischen intellektuellen Verliebten, naja. Was ist mit allen anderen, die lesbisch lebten? Warum schreibst du nicht über sie? Gute Frage. Kaum was Gedrucktes zu finden, sagte ich.

Immerhin äußern sich heute viele Lesben frei im Netz – danke! Das war zum Beispiel sehr hilfreich, als ich mal einen Beitrag zu Lesben in Tunesien verfasst habe und für aktuelle Berichte zu den alltäglichen konkreten Verhältnissen dann „O-Ton“ aus einem offenen Forum nutzen konnte.

Was könnte eine Lesbe in 50 Jahren über dein Leben und deine Lieben erfahren, wenn sie dich nicht persönlich kannte?

…vielleicht so: Aufschreiben lassen 🙂

Zwei Beispiele sind mir in jüngerer Zeit begegnet. Es sind zwar Außenperspektiven, aber immerhin Spuren lesbischen Lebens. Das erste Beispiel ist dem Publikationsdatum nach 30 Jahre her (1981), das zweite 80 Jahre (1931). Das erste bezieht sich auf die Zeit seit ca. dreißig Jahren zuvor, also auf vor 60 Jahren, das zweite handelt von 1895, das Geschilderte ist also fast 120 Jahre her.

Amalie Pinkus-De Sassi, eine prominente linke Schweizer Feministin, sprach aus Anlass ihres 71. Geburtstags 1981 über lesbische Beziehungen, als sie ihm Rahmen eines Interviews mit dem Kollektiv der Zürcher „Fraueziitig“ (FraZ) über das Fremdgehen ihres Mannes und ihre Gefühle dazu reflektierte (frei im Netz als Salecina-INFO No. 118, Juli 2010, S. 27 und 29):

Bevor die Kinder da waren, so etwa zehn Jahre, da hatten wir überhaupt keine Lämpen, hatten eigentlich keine Schwierigkeiten miteinander. Und dann kam dies mit den Frauen. Theo hatte irgend einen Schwarm, mit der hatte er zusammengearbeitet und die hatte ihm imponiert, und dann ging das rasch. Frau Hügi sagte immer, ich solle mir doch auch einen Freund anschaffen und mich revanchieren, aber das wollte ich nicht. Mir hatte das gestunken. Ich dachte zwar: wenn es sich ergibt, dann mache ich es hemmungslos, aber es ergab sich nie! Ich hatte zu viel zu tun mit allem. Ich hatte gar keine Zeit noch für einen Freund. Ich überlegte mir zwar ein paar mal, von ihm wegzugehen mit den Kindern. Es hatte mich schon traurig gemacht. Ich fand, ich sei so rückständig, weil mir das überhaupt etwas ausmache. […] Ich konnte mich nicht nullkommaplötzlich mit einem anderen trösten. Das brachte ich nie fertig. Das merkt man recht viel bei Frauen. Mir würden auch die Männer, als Lückenbüsser, leid tun. Ich weiss aber jetzt noch nicht, was richtig ist. Meiner Meinung nach ist das wichtig, was ich empfinde. Theo findet das einfach in Ordnung. Er sagte, er hätte mich genauso gern, was ich ihm aber nicht glaubte, weil ich das nicht konnte. Man muss von sich ausgehen. Entweder trennte ich mich, oder dann musste ich mich damit abfinden. Aber mit einem andern Mann ginge es kein bisschen besser. Oder ich würde ihn anders nicht vertragen. Theo hat dafür so viele Eigenschaften, die ich vertrage. Er ist kein Spiessbürger. Er hatte so viele Vorteile, dass ich dann sagte, das einzige wäre eine andere Frau. Aber ich habe mit Schrecken festgestellt, dass die Frauen genauso eifersüchtig sind, dass die Püffer genau so da sind. Das war eine Enttäuschung. Ich dachte, bei lesbischen Beziehungen wäre das anders. Aber das ist ja auch richtig so. Es ist ein menschliches Problem.

Emma Goldman machte 1895 in Wien eine Ausbidung zur Krankenschwester und Hebamme. Ja, ich meine die berühmte Anarcha-Feministin Emma Goldman. Sie schreibt in ihrer ebenfalls berühmten Autobiografie („Living my life“, publiziert 1931, auf deutsch zum zweiten Mal publiziert 2010 bei Nautilus, fast 1000 Seiten, auf Seite 166):

Von einem Studenten hörte ich von einer Vorlesungsreihe eines bedeutenden jungen Professors, Sigmund Freud. Für mich war es aber schwierig, seine Vorlesungen zu besuchen, es waren nur Mediziner und Inhaber von Berechtigungskarten zugelassen. Mein Freund riet mir, mich bei Professore Buhl einzuschreiben, der auch das Thema Sexualität behandelte. Als seine Studentin hätte ich eher die Möglichkeit, auch bei Freud zugelassen zu werden.
Professor Buhl war ein alter Mann mit zittriger Stimme. Die Themen, die er behandelte, waren mir ein Rätsel. Er sprach von „Homosexuellen“, „Lesbierinnen“ und anderen merkwürdigen Dingen. Auch seine Hörer waren seltsam: feminine Männer mit kokettem Gehabe und ausgesprochen maskuline Frauen mit tiefen Stimmen. Es war wirklich eine merkwürdige Gesellschaft. Klarer wurden mir diese Sachen erst später, als ich Sigmund Freud selbst hörte. Er sprach einfach, ernsthaft und mit klarer Logik, und ich hatte das Gefühl, aus einem dunklen Keller ins helle Tageslicht geführt zu werden. Zum ersten Mal begriff ich die ganze Bedeutung der sexuellen Unterdrückung und ihre Auswirkungen auf menschliches Denken und Handeln. Ich lernte mich selbst und meine eigenen Bedürfnisse zu verstehen, auch wurde mir klar, dass nur die verdiorbenen Gedanken der Leute Freuds ernsthafte Absicht bezweifen und „unkeusch“ finden konnten.

Was gäb’s noch für Möglichkeiten?

Geschichten weitererzählen, Lieder erfinden, live akustisch verbreiten und aufzeichnen, Bilder malen, Fotos und Filme machen, dies alles sowie Ankündigungen von lesbischen Veranstaltungen sammeln und in Archive bringen bzw. hochladen…

Weitere Ideen:

… <– hier ist Platz für deine Ideen, wie 2061 noch Lesben was über Lesben von heute erfahren, wohlgemerkt: von denen, die sie nicht persönlich gekannt haben.

Zur Vertiefung:

17. Juli 2008