Beitrag von Sara Lövestam:

Gespräch mit Miles Rutendo Tanhira von GALZ, Gays and Lesbians of Zimbabwe

Miles war nie im Schrank. Das ist das erste was ich erfahre,  als wir uns in der Stockholmer Pride Woche treffen, um über die Situation von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transpersonen in Simbabwe zu sprechen.

„Nein, ich bin nie herausgekommen, weil ich nie drin war. Aber dort ist es auch anders, man spricht nicht über Sex oder über Geschlechterrollen-Identität überhaupt. Man  stellt auch nicht den Freund vor, wenn man hetero ist, man spricht nicht darüber, an wem man interessiert ist. Nicht bevor man seinen Eltern erzählt, dass man heiraten will, denn das müssen sie wissen.“

Die Organisation, für die Miles arbeitet, GALZ, fungiert als Dach, ein Sammelpunkt für LGBT Personen, von denen nicht alle Mitglieder sind.

„Einige kommen nur um zu feiern, andere kommen, um Informationen zu bekommen oder sich über die Mitgliedschaft zu informieren. Manche wollen nicht mit einer LGBT-Organisation in Verbindung gebracht werden, so dass sie nicht eintreten wollen.“

Früher hatte die Organisation rund 500 Mitglieder, aber im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Situation in Simbabwe sind viele Menschen ausgewandert. Was die Akzeptanz gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen betrifft, gibt es große Unterschiede, manchmal sogar bei einer einzigen Person.

„Manchmal verstehen die Menschen, was man sagt. Sie wissen, worum es bei Unterdrückung geht, alle Menschen in Simbabwe wissen, was Unterdrückung bedeutet.  Aber auf der anderen Seite wird Homosexualität als Ausdruck von Imperialismus gesehen, wie etwas, das die westliche Welt mitgebracht hat, und dann ist es plötzlich böse.

Was entgegnest du, wenn Menschen so etwas sagen?

„Oft sind sie unfreundlich, und ich versuche, nicht zurück unfreundlich zu sein. Aber wenn sie die Theorie mit dem Imperialismus auf zivilisierte Weise vorbringen, erkläre ich, dass tatsächlich die Homophobie das Imperialistische ist. Die homophobe Gesetzgebung in diesem Land geht auf die Engländer zurück, nicht auf uns.“

Homophobie unter den Menschen wird von der politischen Führung genutzt, um auf einfache Weise Punkte zu machen. Besonders im Jahr 1995, berichtet Miles, nutzte Robert Mugabe Homophobie, um im Volk einen gemeinsamen Feind aufzubauen, die Homosexuellen. Homophobie wird unter anderem dadurch offensichtlich, dass jeder sexuelle Kontakt zwischen Männern gesetzlich verboten ist, aber auch dadurch, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen sich nicht sicher fühlen können.

„Besonders diejenigen, die Geschlechternormen verletzen, laufen Gefahr, schweren Verbrechen zum Opfer zu fallen.  Butches sind häufig Gruppenvergewaltigungen ausgesetzt, weil Männer sie „lehren“ wollen, wie eine Frau sich zu verhalten hat. Feminine Männer sind in Gefahr, Transpersonen können auch in Schwierigkeiten geraten, wenn sie nicht durchgehen. Während es auch den Wunsch gibt, sie zu beschützen. Meine Familie akzeptiert und liebt mich, und ich weiß, dass sie mich auch in Schutz nehmen, wenn andere schlecht über mich sprechen.“

„Auch in meiner Heimatstadt fühle ich mich sicher. In Mbare kann ich Hand in Hand mit meiner Freundin gehen, aber anderswo geht das nicht.“

Erpressung, die Gesetzgebung, Gruppenvergewaltigung und große Risiken, wenn man aus dem Schrank kommt sind allgegenwärtige Probleme, gegen die LGBT-Aktivist*nnen kämpfen müssen. Eine große Mehrheit von LGBT Personen leben tief im Schrank. Wir sprechen darüber, sich zu organisieren, was es bedeutet, die eigenen Rechte in einem Land zu verteidigen, dass einem kaum die Existenz zubilligt.  „Schweigen“ ist ein Wort, das häufig vorkommt, wenn Miles über die Situation im Land spricht. Schweigen der Kirchen, Schweigen der Familien. Es gibt Menschen, die sagen, es ist in Ordnung, man muss sich nicht organisieren, solange man wenigstens überlebt und Möglichkeiten findet, sich zu treffen.

Miles fasst es in vier einfachen Worten zusammen:

„Schweigen ist kein Schutz.“

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Sara Lövestam schreibt für das schwedische Magazin qx.se. In ihrem restlichen Berufsleben ist sie Romanautorin. Bislang sind zwei Romane von ihr erschienen, zuletzt 2011 I havet finns så många stora fiskar (Im Hafen gibt es viele große Fische), eine Geschichte von einem kleinen Jungen, der mit Sucht und Gewalt aufwächst und einen Beschützer hat. Als der Kleine im Kindergarten von einem Fremden angesprochen wird, werden in seinem Beschützer viele Erinnerungen wach. Es ist ein Roman, der davon handelt, eine Wahl zu haben und Entscheidungen treffen zu können. Sara sagt von sich selbst, sie habe mit vier Jahren das Schreiben begonnen und seitdem den Traum genährt, Schriftstellerin zu werden. Zurzeit arbeitet sie an ihrem dritten Roman. Auf unsere Anfrage reagierte sie geradezu enthusiastisch:

„Ich liebe internationale LGBT (besonders L…) Zusammenarbeit und interessiere mich besonders für Afrika. Natürlich könnt ihr den Beitrag über Miles übersetzen und verwenden, mit einem Link zu qx.se.“

Ganz herzlichen Dank dafür nach Stockholm – und vielleicht klappt es ja nächstes Jahr, beim Kulturprogramm des Stockholm Pride eine Lesung von Sara zu besuchen. Der oben stehende Beitrag von Sara Lövestam erschien am 6. August unter dem Titel Miles trotsar Mugabe – Miles trotzt Mugabe – bei qx.se. Für Fehler bei der Übertragung ins Deutsche ist L-talk verantwortlich.

Links und Quellen: