Schattengesicht, Roman von Antje Wager, für L-talk rezensiert von Nicole BruschkeitEin vom Querverlag herausgegebener Kriminalroman. Diese Stichworte rufen bestimmte Erwartungen hervor: Schwule oder lesbische ProtagonistInnen und, wie Wikipedia es formuliert, „ein Verbrechen und seine Verfolgung und Aufklärung durch die Polizei, einen Detektiv oder eine Privatperson“. Wenn kaum eine dieser Erwartungen erfüllt wird, ist das zwar überraschend, aber nicht zwingend enttäuschend…

„Irgendwas stimmt hier nicht!“ Ein Satz, mitten aus Antje Wagners „Schattengesicht“ herausgegriffen. Ein Satz, der sehr treffend den Eindruck beschreibt, der sich neben einem unerklärlichen Unbehagen und zahlreichen Fragezeichen schnell beim Lesen einstellt.

Dabei fing alles scheinbar klar und eindeutig an: Mit Milenas „Einzug“ ins Gefängnis: „Ich hab jemanden umgebracht.“ Die nun folgenden Rückblenden verhelfen nur bedingt zu mehr Transparenz; zwar bringen sie „wie es sich gehört“ hier und da Licht in die Dunkelheit, aber dieses Licht wirft selbst auch wieder seine Schatten und sorgt so für weitere Düsternis…

Und auch ich muss mich in dieser Rezension nebulös bedeckt halten, wenn ich nicht spielverderbend vorgreifen will. So viel kann und darf ich aber noch verraten: Seit der „Sache mit Vincent“, seit eineinhalb Jahren, ist Milena zusammen mit Polly auf der Flucht, ständig um Unauffälligkeit bemüht, immer auf der Hut, nie lange an einem Ort. Was war denn das für eine Sache? Wer ist dieser Vincent? Und was verbindet eigentlich Milena und Polly miteinander? Sind sie ein Paar? Oder nur befreundet? Milena arbeitet als Zimmermädchen in einem Hotel –  trägt Polly eigentlich gar nichts zum Lebensunterhalt bei? Und warum reagieren andere Menschen so irritiert, bisweilen sogar verstört auf sie?
Selbst mit des Rätsels Lösung hat es in diesem Roman eine besondere Bewandtnis…

Was für ein Buch…! Ja, was für eins ist das denn nun eigentlich? Ein Lesbenroman? Wohl kaum. Ein Krimi? Sicher kein typischer. Mit Bestimmtheit würde ich nur sagen, dass „Schattengesicht“ eigentlich gar nicht mit einem Etikett be- oder verklebt werden sollte, es sei denn, es handelt sich dabei um ein Gütesiegel. Dieses Buch ist einfach anders. Besonders. Eigen- und einzigartig zugleich, befremdend-faszinierend. Atmosphärisch unglaublich dicht, spür- aber nicht greifbar. Und es lässt so schnell nicht wieder los – weder während noch nach der Lektüre…

Schattengesicht
Kriminalroman von Antje Wagner
Querverlag, 2010

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