Ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Wenn ein „fesselnder, vielschichtig-erotischer Liebesroman“ den Titel „Die Muschelöffnerin“ trägt, dann drängen sich eindeutig zweideutige Assoziationen geradezu auf. Wer denkt denn da an eine junge Frau, die im Restaurant ihrer Eltern ganz unschuldig Schalentiere knackt? Und dennoch liegen die „Schelme“ nicht so ganz verkehrt …

Die Zeit der Unschuld ist jedenfalls bald vorbei. Und auch für die Leserinnen beginnt eine ganz neue bzw. alte und fremde Epoche; sie tauchen unversehens ein in das Leben im viktorianischen England gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts, in das Leben des Austernmädchens Nancy Astley: Die junge Frau mit der Leidenschaft für das Musiktheater erlebt im Alter von achtzehn Jahren die Aufführung von Kitty Butler, einer Darstellerin, die im Herrenanzug als Dandy auftritt. Nancy ist fasziniert – und verliebt, was ihr allerdings erst mit kleiner Verzögerung klar wird. Als Kitty, mit der sie inzwischen befreundet ist, ihr anbietet, sie als Garderobiere nach London zu begleiten, muss sie nicht lange überlegen. Schon wenige Tage später kehrt sie der Provinz und ihrer Familie den Rücken, um an der Seite der Frau sein zu können, die sie – ohne es zu ahnen – vor Verlangen fast vergehen lässt. Sie kann ihr Glück kaum fassen, als sich zeigt, dass auch Kitty deutlich mehr als nur schwesterliche Gefühle für sie hegt. Die beiden werden ein Paar – und zwar sowohl ganz geheim im Privaten als auch in aller Öffentlichkeit auf der Bühne, wo Nancy sich nun ebenfalls als  Herrenimitatorin präsentiert. Die gemeinsame Nummer wird ein großer Erfolg, der allerdings ein jähes Ende findet. Eben noch im Rampenlicht, steht sie plötzlich allein da, mittel- und perspektivlos – und macht eine erstaunliche Entdeckung: Das Geld liegt zwar nicht auf der Straße, lässt sich aber durchaus dort verdienen; sie muss nur in die richtige Rolle schlüpfen. Dieser Neuanfang ist jedoch alles andere als ein Zuckerschlecken …

Ein unangepasstes Leben zwischen Begehren und Entbehrungen, voller Höhen und Tiefen, in Luxus und Elend, einmal fremd- und dann wieder selbstbestimmt, immer jedoch einzigartig – genau wie dieser Roman. Ein unglaublicher Schmöker, so lebendig und abwechslungsreich erzählt, dass die Zeit beim Lesen nur so verfliegt – und das will bei einem Umfang von 563 Seiten etwas heißen!

Mein Tipp: Bevor dieser lesbische Leckerbissen womöglich wieder jahrelang vergriffen ist, schnell ein Exemplar sichern, Telefon ausstellen, ein Bitte-nicht-stören-Schild an die Tür hängen und lesen, lesen, lesen!

Die Muschelöffnerin
Roman von Sarah Waters
Krug & Schadenberg, 2011

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