Sie haben sowohl ein Mutter- als auch ein Vaterland, aber keine echte Heimat mehr. Sie besitzen und bewohnen ein Haus in einem niederrheinischen Dorf, zu Hause sind sie hier jedoch nicht. Sie haben deutsche Pässe und beherrschen die Sprache, doch sie sehen anders aus. Sie sind Fremde, und das werden sie auch immer bleiben.

Phyllis und ihre Töchter bieten schon bei ihrem Einzug viel Nahrung für den unstillbaren Hunger von Klatsch und Tratsch: Sie kommen gerade von der Beerdigung ihres Mannes bzw. Vaters – in Weiß! Sie tragen Pelzmäntel – im Sommer! Haben nur Koffer – keine Möbel! Wollten Reis im Garten anbauen lassen. Asiatinnen – angeblich christlich. Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht …

Das Staunen zumindest beruht auf Gegenseitigkeit: Phyllis, Jola, Yasmin und Gritta kommen aus Indonesien, dem „Land der tausend Inseln“, in ein Land der tausend Rätsel. Mentalität, Bräuche, der Mangel an Höflichkeit und Respekt, der Umgang mit Speisen und guten Geistern kommen ihnen äußerst eigenartig vor.

Zwar fällt es den Töchtern, die bei der Ankunft in Deutschland zehn, zwölf und vierzehn Jahre alt waren, relativ leicht, sich bald an die hiesigen Sitten zu gewöhnen, doch statt Anschluss und Freunde zu finden, erleben sie immer wieder Ausgrenzung und Anfeindungen und sorgen ungewollt dafür, dass die bösen Zungen in Bewegung bleiben können: Die sechzehnjährige Yasmin bekommt ein Kind, ihre jüngere Schwester Gritta schwänzt die Schule und prügelt sich – als Mädchen! – und Jola, die Älteste, verliebt sich in eine Frau.

Probleme, die in Phyllis’ Augen eigentlich gar keine sind: Die frischgebackene Mutter ist nach heimatlichen Maßstäben längst im heiratsfähigen Alter, Mädchen schlagen sich nun mal, und Homosexualität gibt es seit Urzeiten. Diese Gelassenheit und Toleranz rufen wiederum Unverständnis bei ihren Mitmenschen hervor; die kleine dicke Frau, die jedem verlorenen Pfund nachtrauert, kann und will sich scheinbar einfach nicht anpassen.

Oder verlangt man vielleicht nur zu viel? Sandra Wöhe lässt die Leserinnen ihres Romans „Die indonesischen Schwestern“ einen interessanten Blick über den Tellerrand werfen – und von dort aus so manches Haar in der eigenen Suppe finden.

Ein Buch voll fremder Weisheiten, reich an sprachlichen Bildern, die so üppig und blumig sind wie die Vegetation Indonesiens. Ein Buch, das berührt, zum Nachdenken anregt und doch auch schmunzeln lässt. Kein „richtiger“ Lesbenroman, passt aber sehr gut in die Rubrik „Macht mich trotzdem neugierig, will ich auch mal lesen“.

Die indonesischen Schwestern
Roman von Sandra Wöhe
konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2011

Roman bestellen über Konnys Lesbenseiten, lesben.org

Impressionen: Sandra Wöhe stellt ihren Roman Die indonesischen Schwestern bei der traditionellen Lesenacht am Buchmessen-Samstag im Frankfurter lesbisch-schwulen Kulturhaus LSKH vor (15. Oktober 2011):

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