Viel Sonne und Meer, Toskana, Tralala und Homophobie, steile Berge, große Städte und politische Talfahrten – folgen wir mal den Spuren von Bürgerkriegsflüchtigen aus Kunst- und Schauspiel-Kreisen der USA nach Rom.

Sibylle Mertens-Schaaffhausen, die reiche, berühmte und frauenliebende Archäologin vom Rhein, unternahm im Spätherbst 1856 ihren Umzug nach Rom – für ihr letztes Lebensjahr. Ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft, im Frühjahr 1857, erlangte sie über die englische Schriftstellerin und frühe Feministin Anna Brownwell Jameson Kenntnis von einigen Frauen, „die mindestens eine Generation jünger waren als sie und ihren eigenen Lebensentwurf noch radikalisierten,“ schreibt Angela Steidele in Geschichte einer Liebe (2010) auf einer der letzten Seiten.

Ansicht von der Brücke über den Tiber in Rom - mit Frauen im Vordergrund (Rudolf Wiegmann, 1834); wikimedia commons - public domain.

Ansicht von der Brücke über den Tiber in Rom – mit Frauen im Vordergrund (Rudolf Wiegmann, 1834); wikimedia commons – public domain.

Ein interessanter Hinweis, dem ich für diesen 4. Teil zu Lesben in Italien nachgegangen bin, als Fortsetzung zu „Laurina, mon amour (Lesben in Italien Teil 3)“ und „Co-Mutter auf Zeit, Wien 1835: Anna Brownwell Jameson“.

Vor 150 Jahren…

Charlotte Cushman aus Boston kommt nach Rom

Im Zentrum dieses lesbischen Künstlerinnenkreises stand „die weltberühmte amerikanische Schauspielerin Charlotte Cushman“ (1816-1876), schreibt Steidele, und weiter: „Um Cushman, fast 20 Jahre jünger als Sibylle Mertens, hatte sich in Rom seit 1852 ein Kreis von Frauen gebildet, Künstlerinnen, Bildhauerinnen, Sängerinnen, Autorinnen, Freundinnen und Geliebte, eine Art lesbische Community, wie sie ab 1900 Natalie Barney, Gertrude Stein und Alice B. Toklas in Paris entwickelten.“

Welche Anhaltspunkte lassen sich finden für eine Vorstellung vom Leben und Lieben der Freundinnen, Kolleginnen und Konkurrentinnen dieses Kreises? Drei Künstlerinnen ist hier ein Kurzportrait gewidmet. Die jüngste, Mary Edmonia Lewis, wurde 1844 geboren, die mittlere, Harriet Hosmer, ist 15 Jahre älter, die älteste wiederum 15 Jahr älter: Emma Stebbins, geboren 1815, etwa so alt also wie die schon genannte Charlotte Cushman. Dieses Netzwerk von lesbischen Künstlerinnen wird sicher viel größer gewesen sein: eine Einladung, mehr herauszufinden.

Das „Marmor-Rudel

Die italienische Lesbenforscherin Rosanna Fiocchetto nennt in ihrem leswiki-Eintrag zur Bildhauerin Emma Stebbins diesen Kreis von Frauen das „Marmor-Rudel“ („branco di marmo“: „eine Gruppe lesbischer Künstlerinnen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Rom studierten und arbeiteten“).

Emma Stebbins verliebt sich in Charlotte Cushman

Emma Stebbins: Angel of the Waters (New York, Central Park, Bethesda Fountain); wikimedia commons - public domain

Emma Stebbins: Angel of the Waters (New York, Central Park, Bethesda Fountain); wikimedia commons – public domain

Emma Stebbins (1815-1882); wikimedia commons - public domain

Emma Stebbins (1815-1882); wikimedia commons – public domain

Emma Stebbins wurde 1815 in New York geboren und kam 1857 aus fachlichem Interesse nach Rom, wo sie zunächst in dieselbe Wohnung wie Harriet Hosmer gezogen war. Hier verliebte sie sich in Charlotte Cushman und schuf 1859 eine Büste von ihr.

Emma Stebbins: Angel of the Waters (New York, Central Park, Bethesda Fountain); wikimedia commons - public domain

Emma Stebbins: Angel of the Waters (New York, Central Park, Bethesda Fountain); wikimedia commons – public domain

Als der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) beendet wurde, ging Stebbins nach New York zurück, wo sie 1868 die erste Frau war, die einen großen öffentlichen Kunstauftrag erhielt, nämlich für die ca. 2,50m hohe Skulptur eines Engels („Angel of the Waters“), der bis heute der wesentliche Bestandteil des Bethesda-Brunnens im Central Park von New York ist.

Stebbins lebte mit Cushman bis zu deren Lebensende 1876 zusammen. Sie brachte 1878 Cushmans Briefe und Erinnerungen heraus und starb selbst vier Jahre später.

Mary Edmonia Lewis erfolgreich

Zu den Bildhauerinnen im Kreis um Charlotte Cushman zählt auch Mary Edmonia Lewis (1844-1911). Sie kommt ebenfalls aus fachlichem Interesse nach Rom und beginnt ca. 1865 dort zu arbeiten. Für ihre klassisch inspirierten Arbeiten aus hellem Marmor wird sie bald berühmt und erzielt hohe Preise von bis zu 500.000$.

Mary Edmonia Lewis (1844-1911); wikimedia commons - public domain (National Portrait Gallery, Smithsonian Institution)

Mary Edmonia Lewis (1844-1911); wikimedia commons – public domain (National Portrait Gallery, Smithsonian Institution)

Hiawatha; wikimedia commons - public domain

Mary Edmonia Lewis. Hiawatha; wikimedia commons – public domain

Mary Edmonia Lewis ist die erste nicht-weiße Bildhauerin, die sich in der internationalen Kunstwelt hat durchsetzen können. Frühe Unterstützung hatte Lewis im Umfeld ihrer Mutter erhalten, die den Chippewa angehörte. Die Leitung von Oberlin College, wo sie ihre Ausbildung begonnen hatte, stärkte ihr nicht zuletzt in Rechtsstreitigkeiten den Rücken, als sie sich heftigen, rassistisch motivierten Repressalien ausgesetzt sah. Ihr Bruder Samuel, der inzwischen als Goldsucher reich geworden war, unterstütze seine Schwester über mehrere Jahre, u.a., damit sie sich ein eigenes Atelier einrichten konnte.

Ihre Übersiedelung nach Rom hatte sich Lewis auch schon durch gute eigene Einnahmen finanzieren können. Für den größten Teil ihres Lebens wählte sie sich die künstlerischen Frauenkreise in Rom zu ihrem nächsten Umfeld.

Harriert Hosmer bewundert

"Zenobia - Queen of Palmyra", 1857; en.wikipedia.org - public domain

Harriet Hosmer. „Zenobia – Queen of Palmyra“, 1857; en.wikipedia.org – public domain

Harriert Hosmer (1830-1908); Engraving by Augustus Robin (1873); wikimedia commons - public domain

Harriert Hosmer (1830-1908); Engraving by Augustus Robin (1873); wikimedia commons – public domain

Zu Harriet Hosmer wiederum (1830-1908) gibt es in zeitgenössischer amerikanischer Reiseliteratur einen Abschnitt, der von Frauenliebe erfüllt ist (und 1854 veröffentlicht wurde): „Miss Hosmer (die junge amerikanische Bildhauerin) […] wird von den besten Künstlern in Rom warmherzige Bewunderung entgegengebracht, für […] ihr zurückhaltendes Selbstvertrauen und stillen Enthusiasmus, ihre große Empfindsamkeit für und ihr Wissen über ihre Kunst […] Bald wird sie ihre eigenen Idealkompositionen modellieren. […] Nach drei Monaten des täglichen Zusammenseins kann ich nicht weniger sagen als dass ich noch nie eine liebenswertere Person gekannt habe. Ihr Charakter ist eine erfreuliche und pikante Kombination an Qualitäten, die selten in einer Person angetroffen werden können: Enthusiasmus mit Beharrungsvermögen, feiner Geschmack mit spielerischen Lebensgeistern, Dichterisches mit Alltagsverstand. Sie ist ohne Extravaganz völlig originell und unabhängig, ein einfaches, ernsthaftes, ehrliches Mädchen, dessen starkes und fröhliches Herz gleichrangig ist mit ihrem aktiven und umfassenden Intellekt. […] Und in der brillianten Karriere, die vor ihr liegt, wird man sie mit liebendem Stolz und bewunderndem Interesse begleiten,“ meint die Zeitgenossin und Reiseschriftstellerin Grace Greenwood (eigentlich Sarah Lippincott) in Haps and Mishaps of a Tour in Europe.

Und Italienerinnen?

Lassen sich Anhaltspunkte finden, mit denen in Rom ein lesbischer Bogen gespannt werden könnte von den „branco di marmo“ bis mindestens 1908, wo sich beim „Consiglio Nazionale delle Donne Italiane“ Cordula Poletti und Sibilla Aleramo kennenlernten (Lesben in Italien Teil 1)? Mich interessieren hier vor allem klassenübergreifende und politsche Begegnungen, wir werden sehen!

Quellen und Lesetipps:

Angele Steidele: Geschichte einer Liebe. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens. 2010, Insel-Taschenbuch 2011, Inhaltsverzeichnis

LesWiki | Archivio di cultura lesbica http://www.leswiki.it

Sara Lippincott: Haps and Mishaps of a Tour in Europe. Boston: Ticknor, Reed, and Fields, 1854, S. 217-218.

Art HERstory: Mary Edmonia Lewis, posted by LiaDelFresco on 20 January 2010.

Emma Stebbins http://www.citizendia.org/Emma_Stebbins

Siehe auch:

Laurina, mon amour (Lesben in Italien Teil 3), publiziert am 3. Februar 2013 von Claudia

Einkommensmodelle einer Co-Mutter auf Zeit, Wien 1835: Anna Brownwell Jameson, publiziert am 4. Februar 2013 von Claudia