Mit „Auszeit“ legt Claudia Breitsprecher ihren nunmehr zweiten Roman vor. Nach dem eher dokumentarischen Buch „Bringen Sie doch Ihre Freundin mit! Gespräche mit lesbischen Lehrerinnen“ (2007) und ihrem Debütroman „Vor dem Morgen liegt die Nacht“ (2005) – der mir gut gefallen hatte – war ich gespannt auf den neuen wieder bei Krug & Schadenberg erschienenen Roman. Der Titel gefiel mir gut, also nahm ich mir eine Auszeit und las.

Worum geht’s?

Der Roman spielt im Frühsommer 2010. Auf die Protagonistin Dr. Martina Wernicke, Ende 40, Mitglied des Bundestages (MdB) für eine Partei, die große Ähnlichkeiten mit Bündnis ’90 / Die Grünen aufweist wird ein Attentat mit einem Messer verübt (Attentate auf Politiker kennen wir aus dem Jahr 1990 von Wolfgang Schäuble und Oskar Lafontaine). Hintergrund des Angriffs ist die Zustimmung der Grünen-Partei zu den den Hartz-IV-Gesetzen, die Attentäterin fühlt sich verraten.

Dr. Martina Wernicke überlebt die Messerstiche in den Bauch schwer verletzt, nach Krankenhaus und Reha nimmt sie sich eine Auszeit im Ferienhäuschen einer befreundeten Abgeordneten in einem märkischen Dorf. Martinas langjährige Partnerin Eleni hatte sich aufgrund langjähriger Vernachlässigung kurz vor dem Attentat von Martina getrennt, und jetzt muss sich Eleni um ihren herzkranken Vater in Griechenland kümmern, von Eleni ist also erstmal keine Spur zu sehen. Umso mehr hat Martina Zeit, ihren eigenen Spuren nachzuspüren und neue Erfahrungen zu machen. Denn nebenan wohnt ein junges Paar, Laura und Stefan. Laura, 22 Jahre, Gärtnerin und hochschwanger und Stefan, Mitte 20, arbeitsloser Dachdecker, der bis Ende September beim Bootsverleih hilft. Sozusagen zwei, für die die Gesetze zu Hartz IV gemacht wurden. Lauras Mutter ist Altenpflegerin und mit 49 Jahren nach einem Bandscheibenvorfall arbeitslos geworden, da treffen sozusagen Politik und Wirklichkeit zusammen.

Worum geht es wirklich?

Es geht auch um Liebe, aber nur am Rande. In erster Linie könnte man das Buch auch Abrechnung nennen. Eine Abrechnung mit den Grünen, die im Laufe der Jahre zu einer Bürgerrechtspartei des Neoliberalismus geworden sind. Es geht um Realpolitik, um Macht(-erhalt), um Kuhhandel, um „gibst du mir das, geb ich dir das“, um Strategien, Öffentlichkeitsarbeit und um berufliche Identitäten. Denn eigentlich ist Dr. Martina Wernicke, MdB, Juristin. Und als Juristin kann sie für ihre neuen – temporären – Nachbarn mehr tun als als Politikerin.

Braucht frau das Buch?

Ja. Der Lebenswirklichkeit einer MdB kommt das Buch realistisch nahe. Für die, die immer nur über Politikerinnen und Politiker schimpfen, wird es einige Äuglein öffnen, wie Politik wirklich funktioniert (und das sagt jetzt eine, die seit 15 Jahren Politik für Lesben und Schwule macht). An manchen Stellen hätte ich mir noch mehr Selbstzweifel und Tiefe gewünscht, aber es sind schon auch bittere Wahrheiten, die zu lesen nicht immer einfach sind. Für Menschen, die wissen wollen, wie die Grünen zu dem geworden sind, was sie sind, ist es eine durchaus empfehlenswerte Lektüre 😉

Fazit

Ich möchte den lesbischen Anteil nicht verleugnen. Martina und Eleni kommen wieder zusammen. Es gibt auch … Aber das ist nicht der Hauptstrang der Erzählung.

Der Hauptstrang geht um die Frage, ob Dr. Martina Wernicke nach dem Attentat auf sie wieder einsteigen will in die Politik des Machtgerangels, der Intrigen, des „Weit obens“ von der Realität entfernten Politikerinnen-Daseins. Es geht weiterhin um die Frage, ob sie an dieser Stelle etwas verändern und bewirken kann und ob das noch etwas mit ihrer politischen Überzeugung von vor 14 Jahren zu tun hat, als sie als MdB begann. Die Antworten: selber lesen!

Auszeit

Roman von Claudia Breitsprecher
Krug & Schadenberg, 2011

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