Regina Nössler - Auf engstem RaumVier Tote, scheinbar nicht miteinander zuammenhängend, lassen die Enge im Schreibwarenladen Wuttke in Berlin-Zehlendorf untereinander und miteinander spürbar werden – so eng, bis am Ende alles platzt!

Worum geht’s?

In einem seit Jahrzehnten nicht modernisierten Schreibwarenladen in einem spießigen Stadtteil Berlins arbeiten das Ehepaar Helga und Heinz Wuttke, unterstützt durch zahlreiche studentische Aushilfskräfte. Es ist „ihr Laden“, nicht nur der Laden des Betreiberehepaares, nein, auch die Aushilfen identifizieren sich mit ihrem Arbeitsplatz. Deswegen ist auch die Fluktuation unter den Studierenden nicht besonders groß, auch weil es für – und das gilt für alle – die einzige Einnahmequelle ist. Marie Voss ist eine der Mitarbeiterinnen und lesbisch, im Buch ist sie eine der Protagonistinnen. Sie lebt mit Judith und schreibt seit längerem an ihrer Doktorarbeit. Sie hatte außerdem mit Gerlinde eine Affäre gehabt, die aber jetzt nicht mehr im Laden arbeitet. Oliver, der Sohn des Ehepaares, hilft ebenfalls im Laden mit. Er soll den Laden später einmal übernehmen. Odette, eine weitere Mitarbeiterin, ist übertrieben frankophil und alleinerziehende Mutter von Elias. Herr Hautman, der Dekorateur, kommt viermal im Jahr und schmückt das Schaufenster um. Bertram, einer der Studenten, ist komisch, in jeder freien Sekunde liest er in seinen für die Uni angefertigtren Kopien irgendwelcher Bücher. Dann gibt es noch Kathrin, Vera und Gregor, weitere Mitarbeitende.

Nicht ganz so viele Tote wie Arbeitskräfte gibt es auch. Zuerst stirbt ein Mann auf dem Bürgersteig vorm Laden. Dann wird Bertram in der Zeitungskiste vorm Laden tot und am Unterleib unbekleidet aufgefunden. Als Nächstes stirbt eine Kundin im Laden. Und Gregor, der ehemalige Mitarbeiter ist deshalb nicht mehr gekommen, weil er sich umgebracht hat.

Kommissar Wolf und Hauptkommissar Dietrich versuchen Licht ins Dunkel der Ereignisse zu bringen. Das gelingt ihnen nicht wirklich.

Worum geht es wirklich?

Denn eigentlich geht es nicht umd das „Ergebnis Tod“. Es geht um das Vorleben der jeweiligen zu Tode gekommenen. Das erzählt Regina Nössler meisterinnenhaft. Die Kundin, die im Laden die Kellerreppe hinunterstürzt, war als Kind für den Tod ihrer bester Freundin verantwortlich. Das weiß zwar niemand, aber wir als Leserinnen erfahren es. Bertram in der Zeitungskiste hat das gemacht, was viele Männer machen, nur diesmal bekommt er auch eine Strafe. Aber auch das wissen die Mitarbeitenden und das Ehepaar nicht. Und deshalb verdächtigt jeder jeden, zusammen mit unzähligen Artikeln aus dem Metier der Schreibwaren, alle einzeln erhältlich (!), wird es, je weiter die Geschichte voranschreitet, immer enger und enger und erst als sich die Eine der Anderen anvertraut, kommt es zu einem überraschenden Ende.

Braucht frau das Buch?

Ja. Guter Plot, gut erzählt, vielleicht etwas langatmig, aber nur durch die Langatmigleit wird die Enge auch für die Leserin spürbar.

Fazit

Mich hat fasziniert, wie solch ein kleiner Laden so viele Leute ernähren kann. Kann er nicht, wie sich alsbald herausstellt: Heinz Wuttke zahlt einfach seine Rechnungen nicht. Aber immerhin lief der Laden einmal gut, das war aber bevor das Internet und die Kaufhäuser erfunden worden sind. Aber Regina Nössler wird lange nachgedacht haben, in was für einem Laden sie ihre Geschichte ansiedelt, und letztendlich passt es schon. Wenn also eine Lust hat auf einen Krimi, der unter die Haut geht und auch noch nicht nach einem halben Tag ausgelesen ist, ist sie hier richtig!

Bestellen über Konnys Lesbenseiten, Oktober 2011, broschiert: 400 Seiten, Konkursbuchverlag, ISBN-13: 978-3887697563.