Precious - Das Leben ist kostbarEtwas stimmte an dem Film ganz und gar nicht, und das zuzugeben ist nicht leicht, weil die Story jede anständige Lesbe zu Empathie-Strömen bewegen müsste. Zumal wenn er in der L-Filmnacht läuft, wo Dutzende Frauen sehr beeindruckt und sehr ergriffen sind.

Zu Recht: Precious – Das Leben ist kostbar ist die Befreiungsgeschichte einer störrischen, missbrauchten, beunruhigend lethargischen jungen Frau, die endlich, mit 16, das erste Mal Glück hat. Ihre Schulleiterin überredet sie, eine alternative Schule auszuprobieren, und dort – zweites Glück – trifft sie die Lehrerin, die ihr hilft, das Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Patrick Heidmann schreibt in Sissy, Homosexual’s Film Quarterly, Precious habe in Deutschland einen schlechten Start gehabt, weil die Verleiher den Film zu „schwarz“ fanden. Offen gesagt: An dem Film ist überhaupt nichts schwarz, außer den handelnden Personen. Die sind sehr beeindruckend.

Precious ist 16 Jahre alt, schwarz, in der Schule – außer in Mathe – weit zurück, hat ein Kind mit Down-Syndrom von ihrem sie ständig vergewaltigenden Vater, ist sehr übergewichtig und bereits wieder schwanger. Vom Vater. Ihre Mutter schöpft den eigenen Wert ausschließlich aus der Erniedrigung der Tochter und für die ist nichts mehr da woraus sie schöpfen könnte. Bis sie die alternative Schule kennenlernt, eine Klasse von ähnlich Problem beladenen Mitschülerinnen und ihre engagierte Lehrerin Miss Rain, die gute Lesbe im Film.

Was nervt, sind die Tonnen von Klischees. Nichts gegen ein gutes Klischee am richtigen Ort, oder auch zwei, aber ein Regisseur, der Klischees an Stelle der Handlung setzt und der gleichzeitig ambitioniert und engagiert eine Botschaft loswerden will, macht es sich und den Zuschauenden schwer. Precious lässt wirklich nichts aus:

Das Ghetto mitsamt Ghetto-Stereotypen, die extreme Bildungsferne der schwarzen Charaktere und die Bildungsnähe vieler Weißer, die Kontraste zwischen schwarzen und weißen Werten, Unterschicht und gebildete Mittelschicht, die Vergewaltigungen durch den Vater und der schwere emotionale Missbrauch durch die Mutter, deren Opfer-Täterinnen-Ambivalenz, die lesbische Lehrerin als Prinz und weißes Pferd in einer Person, der alternativ-sanfte Krankenpfleger in der Rolle des Anti-Machos und letztlich ein Happy End, in dem – ganz in der Jetztzeit angekommen – die Protagonistin nicht von Prinz samt Schimmel im güldenen Schloss abgesetzt wird, sondern von bildungsbürgerlicher Lesbe am Anfang von etwas das sie mit eigenen wieder erweckten Ressourcen zu einem richtigen Leben machen kann …

Dieser Film enthält keine Klischees, sondern die Klischees treten an Stelle des Films. Das kann auch eine Kunstform sein.

Keine Missverständnisse: Das Thema ist, die Themen sind richtig wichtig. Der Film aber kommt über ein didaktisches Lehrstück mit ergreifenden Bildern kaum hinaus. Und er kann, obwohl der Roman Push von Sapphire, auf dem der Film basiert, bereits 1996 erschien, nur jetzt, 2009/2010, als Abräumer funktionieren, in einem emanzipatorischen Rahmen, der die Alternative eines besseren Lebens glaubwürdig erscheinen lässt. Das ist keine Schneewittchen-Geschichte mehr. Ohne „yes we can“ wäre Precious so nicht möglich gewesen und was früher über Pathos nicht hinausgegangen wäre, hat nun das Zeug zum Empowerment.

Ganz große Klasse ist übrigens Mo’Nique in der Rolle der Mutter.

_


__

Links und andere Meinungen:

  • Precious – Das Leben ist kostbar von Lee Daniels, USA 2009, 109 Minuten, deutsche Fassung, das-leben-ist-kostbar.de
  • Rose Afriyie: On Representation: Push versus Precious, feministing.com,3. November 2009
  • „Ich bin nicht Precious“, zeit.de, 18. März 2010
  • Patrick Heidmann: Eine kostbare Geschichte, Sissy, Homosexual’s Film Quarterly, Ausgabe 5, März 2010 bis Mai 2010
  • L-Filmnacht im Cinemaxx, l-film-nacht.de