Dass die Inspiration zu einem Ausflug in die sprachliche Unsichtbarkeit aus der Vorbereitung des diesjährigen Lesbenfrühlingstreffens stammt, wird keine überraschen. Da ging es um die Frage der Barrierefreiheit und die Frage, wessen Barrieren gemeint sein könnten. Es ging um ein Verständnis von Barrierefreiheit, das nicht spezifisch auf die Belange behinderter Frauen ausgerichtet ist, und von manchen auch nicht mehr so wahrgenommen wurde:

„Wer redet hier von Frauen mit Behinderung?
Es ging doch um Barrierefreiheit, wenn ich das richtig verstanden habe.“

schrieb eine Leserin namens Milli zu dem L-talk Beitrag Lesbo-Soli, während Ulrike schrieb, dass sie

„immer barrierefrei mit behindertengerecht gleichsetzen würde“.

Und die Rostocker Organisatorinnen verstehen in ihrem Kommentar zum selben Beitrag Barrierefreiheit sehr weit gefasst: keine Barrieren für Keine.

Aber wo bleiben da die Frauen mit Behinderung, die Krüppellesben, diejenigen, für die Barrierefreiheit ein unmittelbarer Anspruch und eine Notwendigkeit zur Partizipation ist? Wie ist es mit der Sichtbarkeit?

Und führt all die politische Korrektheit dazu, dass behinderte Frauen jetzt gar nicht mehr vorkommen, so wie Frauen leicht mal sprachlich in der Männergesellschaft untergehen?

Keine glaubt, dass die Organisatorinnen des Lesbenfrühlingstreffens etwas gegen Krüppellesben und behinderte Frauen haben. Gerade deshalb muss das Nachdenken möglich sein, was so ein verallgemeinerter Barrierefreiheit-Begriff mit denen macht, die früher im Zentrum barrierefreier Gestaltung standen. Und die Frage sollte erlaubt sein, ob mit dieser Form der Verallgemeinerung eine ganze Gruppe von Frauen unsichtbar wird – und ob das gewollt ist. Feministinnen kämpfen seit Jahrzehnten in der Alltagssprache für die Sichtbarkeit von Frauen – wir sollten wissen, worauf es ankommt.

Antidiskriminierung und politische Korrektheit

Unwichtig ist das nicht: Das Sein bestimmt das Bewusstsein und wie Menschen über etwas sprechen verändert ihr Bild von der Welt. Dabei geht es um die Sichtbarkeit von Menschen und um den Blick auf Andere …  und zwar alle, die sichtbar sein wollen oder sollen.

Feministische Sprachforschung kann belegen, dass maskuline Bezeichnungen, die generisch benutzt werden,  Frauen weniger vorstellbar oder sichtbar machen als Männer. Aus diesem Grund wird beispielsweise das Binnen-I oder die Nutzung Genus neutraler Worte vorgeschlagen, um Frauen sprachlich sichtbar zu machen. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass dies funktioniert … jedenfalls dann, wenn Frauen explizit benannt werden.

Kollateralschaden: die verlorene Frau

Anders kann das aussehen, wenn grammatikalisch geschlechtsneutrale Begriffe verwendet werden. Wenn es statt „Heimwerkerinnen und Heimwerker“ zum Beispiel „Heimwerkende“ heißt, mag das grammatikalisch Frauen mit einschließen. Es hat aber mindestens zwei gravierende Nachteile: Erstens trägt es, im Gegensatz zu der langen Variante, nicht dazu bei, typische Geschlechterrollen in Frage zu stellen und zweitens wird der Fokus von den Menschen (den Heimwerkerinnen und Heimwerkern) auf die Tätigkeit gelenkt (das Heimwerken). Der gute Vorsatz, den Zwangs-Mann zu entfernen führt zur mit-Entfernung der mit-gemeinten Frau und schließlich wird nicht mehr über Menschen gesprochen, sondern über Tätigkeiten. Die ursprünglichen Subjekte, die Handelnden, spielen eine Nebenrolle. Und das Ziel, die Heimwerkerin sprachlich sichtbar zu machen, wird völlig verfehlt.

Gut gemeint macht unsichtbar

Sowas muss nicht schlecht sein … kann es aber, je nachdem was man ausdrücken will.

Wenn bei „Menschen mit Behinderung“ die Menschen im Mittelpunkt stehen, macht es sie besonders sichtbar. Bei dem Ausdruck „Behinderte“ wird der Fokus darauf gelenkt, dass die Behinderung durch anderen (Menschen oder Umstände) erfolgt: „behindert ist man nicht, sondern man wird behindert.“

So weit so gut.

So wird statt des abwertenden Worts „Krüppel“ der Ausdruck „Menschen mit Behinderung“ benutzt, der, das wurde schon gesagt, den Vorteil, Behinderung sichtbar zu machen mit dem Nachteil verbindet, Behinderung als Eigenschaft zuzuschreiben statt als Erfahrung. Besonders in den USA, aber auch im Deutschen schon gebräuchlich, geht es noch viel weiter. Dort werden Begriffe ins Positive verschoben, um den Fokus nicht auf das Defizit zu lenken. Ein Beispiel hierfür ist die Konstruktion „anders begabt“: Sind wir nicht alle verschieden? Menschen mit Sensibilität für den Missbrauch von Sprache sehen bei so etwas schon die Fördergelder davonschwimmen, denn: Kein Problem, keine Kohle.

Schließlich gibt es auch die Variante, die potenziell diskriminierende Bezeichnung überhaupt nicht mehr zu nennen.

Ein kleiner Schritt von „unsichtbar“ zu „ganz weg“

Ein Beispiel hierfür ist das Wort barrierefrei, dass als Synonym für behindertentauglich durchgehen kann, ohne  Behinderten zu benennen. Genau das ist das Problem: wo Menschen mit Behinderung selbst als „Krüppel“ noch sichtbar und existent waren, sind sie es im neutralen barrierefreien Raum nicht mehr. Eine weitere Erschwerung findet dies durch den Kontexte, in dem von barrierefrei gesprochen wird.

Ein barrierefreies Internet bedeutet meistens, aber nicht immer, nicht mehr, als dass die Schriftgrößen individuell anzupassen sind. Keineswegs jedoch geht es um ein Internet, das beispielsweise barrierefrei ist für Menschen, die nicht lesen können. Das Wort barrierefrei beschreibt in diesem Zusammenhang eher die Barriere derer, die eine Internetseite konstruieren, gegenüber den Bedürfnissen derer, die sie möglicherweise nutzen möchten. Und das bewirkt außerdem, dass Nutzerinnen und Nutzer, die nicht zufällig dieselben Gedanken zum Ausdruck „barrierefrei“ haben wie die Ersteller der Seiten, auf ihre eigenen Fantasien angewiesen sind, wessen Barrieren hier zu wessen Nutzen reduziert werden sollen.

Die Quintessenz: diejenigen Sehbehinderten, denen die Barrierefreiheit im Internet eigentlich dienen sollte, werden durch die Verwendung des politisch korrekten Ausdrucks unsichtbar. Damit wird politische Korrektheit zum Selbstzweck und die Interessen der Betroffenen spielen, außer für sie selbst, keine Rolle mehr.

Erst verschwinden die Frauen und Krüppellesben zu Gunsten von Menschen, dann verschwinden die Menschen zu Gunsten von Tätigkeiten oder Eigenschaften, und dann verschwinden die auch noch zu Gunsten von Schönfärberei …. Und schließlich überlegen sich die Urheberinnen (Ur hebenden?) dieser Schönfärberei, dass sie damit eigentlich sowieso ganz allgemein etwas anderes schön färben wollten.

SCHWUPPS. Bevor wir alle unsichtbar werden ist jetzt richtige Zeitpunkt, an den L-talk Beitrag Wissenschaftliche Methoden zur Identifizierung von Lesben zu erinnern.

Eine Umkehrung findet die politische Korrektheit übrigens in drastischen Selbstbezeichnungen wie zum Beispiel „Krüppellesben“. Auf die gleiche Weise ist das Wort „queer“ entstanden: Menschen reißen ihre Selbstbeschreibungen mit Lust und Vehemenz wieder an sich. Was ein schönes Thema für einen weiteren Beitrag ist: wie sich klar, wertschätzend und vernünftig übereinander und notfalls auch miteinander reden lässt.