Nika in senkrechter Aktion, Lizenz: c by utz

Nika in senkrechter Aktion, Lizenz des Fotos: c by utz

Lesben in anderen Ländern: Diesmal geht es um einen doppelten Blick, denn Nika ist in der Schweiz aufgewachsen und lebt seit Jahren in Deutschland. Wir schauen also im Interview gleichermaßen hinüber und herüber.

Claudia: Du bist eine Lesbe, die „in einem anderen Land“ lebt. Woran merkst du das?

Nika: Na, an verschiedenen Dingen: Ich spreche immer in einer Fremdsprache und ich habe kein Wahlrecht. Aber es gibt auch einige Mentalitätsunterschiede, die mir vorher auch nicht so bewusst waren, obwohl die Schweiz und Deutschland ja schon einen ähnlichen Kulturkreis haben und wir in der Schweiz sehr viel deutsches Fernsehen sehen. Es ist so, dass Deutsche in der Schweiz fast überall in sehr viele Fettnäpfchen treten können … was sie leider auch mit einer fast schon bemitleidenswerten Zielsicherheit meistens tun. Es gibt dazu mittlerweilen ein paar richtig gute Bücher z.B. Exgüsi “Ein Knigge für Deutsche und Schweizer zur Vermeidung grober Missverständnisse” – ich habe so gelacht beim Lesen dieses Buches, es ist wirklich sehr aufschlussreich.

Claudia: Da hab ich bestimmt schon viele Fettnäpfchen ausprobiert [lacht schallend].

Fettnapf in guter (Ver)Fassung; Foto: public domain

Fettnapf in guter (Ver)Fassung; Foto: public domain

Nika: Es gibt eben recht heftige Mentalitätsunterschiede, die einfach nicht leicht erkennbar sind. Es ist so, dass die Schweizer erst denken und dann reden. Das kann zu Gesprächspausen führen, welche in einer Diskussion nur unter Schweizerinnen völlig normal ist und auch anständig. Darum geschieht in einer Diskussion zwischen einer Schweizerin und einer Deutschen oft die Situation, dass die Deutsche redet und die Schweizerin zuhört, denn sie kriegt ja keine Zeit zum Denken und um ihre Worte zu formen, darum sagt sie gar nichts mehr (ich bin nicht so – war ich nie). In gewissen Situationen wird das den Deutschen in der Schweiz einfach nur als absolute Unhöflichkeit ausgelegt und vermutlich die Diskussion zum schnellst möglichen Zeitpunkt beendet. Dann gibt es in der Alltagskommunikation noch viele weitere Stolperfallen für Deutsche – fordernde Worte zum Beispiel sind in der Schweiz komplett unangebracht.

Claudia: Das habe ich natürlich auch schon ausprobiert, mindestens bei der Bahn…

Nika: Ich bin zwar Schweizerin und natürlich total so sozialisiert, aber gleichzeitig bin ich auch eine sehr direkte Person, die auch schon tendenziell fordert. In der Schweiz hatte ich natürlich den grossen Vorteil (gegenüber allen Deutschen) dass ich meine Forderungen oder direkten Sätze im schönsten Berndeutsch von mir gab und daher nicht auch gleich noch das „Deutschen-Vorurteil“ bei meinen Gesprächspartnerinnen gegriffen hat. Meine Frau behauptet ja, sie hätten mich (weil ich sooo deutsch agiere) aus der Schweiz ausgewiesen – stimmt natürlich nicht. Ich rede meistens nicht um den Brei und scheue mich auch nicht vor Konflikten (geht auch schlecht, wenn man so direkt ist).

Claudia: Merkst du nur an Alltagsdingen, dass du eine Lesbe in einem anderen Land bist oder auch sonst – außer dem Wahlrecht? Denn das ändern wir ja demnächst.

Bern, Bärenpark und Aarbrücke, Foto: by Geri340, CC-BY-SA-3.0 Unported, Quelle: commons.wikimedia.org

Bern, Bärenpark und Aarbrücke, Foto: by Geri340, CC-BY-SA-3.0 Unported, Quelle: commons.wikimedia.org

Münster, Aasee-Park, by Bull-Dozer, Quelle: commons.wikimedia.org, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Münster, Aasee-Park, by Bull-Dozer, Quelle: commons.wikimedia.org, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Nika: Da ich immer und überall in Lesben- oder Frauenprojekten mitarbeite, merke ich da auch grosse Unterschiede. Ich habe in der Schweiz in Bern 10 Jahre lang im Frauenzentrum Bern mitgearbeitet in 2 Vereinen, danach das Frauenhotel Monte Vuala mitgegründet. In Münster habe ich 11 Jahre lang im Lesbenverein LIVAS mitgearbeitet, dann auch die Lexplosiv mitgegründet und nun arbeite ich seit 5 Jahren hier in Tübingen im Frauencafé mit und habe den „Neckar-Ableger“ der Lexplosiv ins Leben gerufen. Bei all dieser Projektarbeit gibt es grosse Unterschiede in unseren 2 Ländern: In der Schweiz hat kein einziges Projekt, bei dem ich mitgearbeitet habe, und auch keines mir bekannte je Geld von Stadt, Kanton oder Staat erhalten, auch wurde kein Geld für Bildungsurlaube im Hotel zugeschossen. Wir hatten immer einen riesigen Aufwand, um an Geld zu kommen. In allen Projekten in der Schweiz haben wir Kurse angeboten, die in Deutschland mit Geld gefördert worden wären. Zum Beispiel hatten wir im Frauenzentrum Bern 760 Mitfrauen, denn mit weniger hätten wir die Miete für dieses Projekt gar nicht tragen können.

Claudia: Wie ist es heute im Vergleich? Fühlt sich das jetzt also schweizerischer an hier?

Nika: Es ist immer noch so, dass Du in der Schweiz für solche Projekt absolut nichts erhältst, du musst also Stiftungen anschreiben und private Geldgeber.

Tübingen, historische Neckarfront, by Stefan Fussan, CC-BY-SA-3.0 Unported, Quelle: commons.wikimedia.org

Tübingen historisch (1), Foto by Stefan Fussan, CC-BY-SA-3.0 Unported, Quelle: commons.wikimedia.org

Tübingen, Französisches Viertel, Quelle: commons.wikimedia.org, Lizenz: public domain

Tübingen historisch (2), „Französisches Viertel“ nachdem die französischen Truppen weg sind, Quelle: commons.wikimedia.org, Lizenz: public domain

Ne, hier in Tübingen haben wir für das Frauencafe einen städtischen Zuschuss von 10.000 Euro im Jahr – das ist für schweizer Verhältnisse paradiesisch. In Münster hatten wir sogar 12.000, das wurde dann aber in den letzten Jahre bis auf die Hälfte gekürzt, aber immer noch besser als nichts.

Claudia: Also ist Deutschland sowas wie ein Paradies – das hab ich glaub ich noch nie gehört vorher.

Nika: Aus Ehrenamtlichen-Lesben-Sicht schon, hihi. Ich meine, sonst find ich viele Strukturen hier nicht gerade toll.

Claudia: Zum Beispiel?

Nika: Ich bin ja nach wie vor Schweizerin und und gebe darum ca. 4x im Jahr meine politische Meinung an der Urne kund, das finde ich toll, dass ich so viel mitbestimmen kann. Als ich noch in der Schweiz gelebt habe, habe ich gar nicht verstanden, dass die deutschen Frauen, die ich da kannte, nicht mal wählen gingen. Seit ich in D lebe kann ich es nachvollziehen – finde es aber nach wie vor schade, das Argument, „da geb ich so nem Heini, der sowieso nie die Wahrheit sagt, meine Stimme und er macht dann eh was er will – das höre ich oft. In der Schweiz finden sehr viele inhaltliche Diskussionen in verschiedenen Medien aber auch unter den Menschen statt, wenn eine Abstimmung bevorsteht – in Deutschland habe ich oft das Gefühl, dass der Inhalt nicht wichtig ist – wichtig ist nur, dass die andere Partei auf jeden Fall doof ist. So wie PolitikerInnen hier manchmal argumentieren, hätten sie in der Schweiz überhaupt keine Chance, überhaupt gewählt zu werden. Sicher gibt es politische Probleme, die durch das Prozedere der Volksabstimmung sehr viel länger dauern oder gar absichtlich verschleppt werden können. Aber jedes System hat Vor- und Nachteile. Trotzdem würde ich sagen, dass die Vorteile der direkten Demokratie überwiegen.

Claudia: Es kommt auf das Maß des Einflusses der Wirtschaftsinteressen an, vermute ich. Obwohl ich jetzt nicht spontan sagen könnte wie rum jetzt.

Historischer Meilenstein: Ergebnisse der eidgenössischen Volksabstimmung zur Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz vom 7. Februar 1971 (Nota bene: nur Männer waren wahlberechtigt bei dieser "Volks"-Abstimmung); Quelle: commons.wikimedia.org; Lizenz: public domain

Historischer Meilenstein: Ergebnisse der eidgenössischen Volksabstimmung zur Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz vom 7. Februar 1971 (Nota bene: nur Männer waren wahlberechtigt bei dieser „Volks“-Abstimmung); Quelle: commons.wikimedia.org; Lizenz: public domain

Nika: Ja, die Wirtschaft ist immer ein bisschen problematisch – aber wenn man die Bevölkerungsschichten anschaut, die mobilisiert werden können, wenn es um wirklich wichtige politische Probleme geht, dann hat die Wirtschaft auch keine Chance. Abstimmungen sind in der Schweiz eine Kultur – und dadurch weiss man auch wie man Leute aktiviert – nicht unbedingt mit Geld, das ist schon mal ein Vorteil. Immerhin gab es schon einige interessante Volksentscheide. Man war für einen höheren Beitrag der Sozialversicherungen (obwohl das jeden auch traf, der dafür war) und man wollte immerhin mit 35,6% der Stimmen die Armee abschaffen, das gab auch einigen sehr zu denken. Sicher, leider, gibt es auch die Negativ-Beispiele wie das Verbot der Minarette, aber so ist das halt.

Claudia: Beim Votum zur Abschaffung der Armee wäre es doch eine so starke Minderheit wie sie mir geschildert wurde.

Nika: Das 1. Abstimmungsergebniss „Schweiz ohne Armee“, da waren 35,6% der WählerInnen dafür, die Armee abzuschaffen, das ist doch keine grosse Minderheit. Die Armee-Heinis haben gerade noch mal Glück gehabt. Seither gab es weitere Abstimmungen, diese waren dann nicht mehr so deutlich. Aber auch nur, weil nach diesem Ergebnis natürlich etwas passiert ist mit der Armee, die kriegen jetzt weniger Kohle.

Claudia: Wann fällt es dir in Deutschland auf, dass du Lesbe bist, wann in der Schweiz? Sind es in etwa dieselben Situationen?

Nika: Gute Frage. Rechtlich gesehen natürlich, denn die Schweiz hat von Anfang an bei der eingetragenen Partnerschaft das Ehegattensplitting mit drin gehabt. Hier müssen wir ja noch Umwege gehen, mit 2 mal Widerspruch-Einlegen – nervig ohne Ende und absolut unhaltbar. Aber seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 7. Mai 2013 zum Ehegattensplitting gibt es gute Aussichten.

Rechtlich sind D und CH was das Adoptionsrecht angeht aber auf dem gleichen Stand, soviel ich weiss, da bin ich jetzt nicht so drin, da es mich nicht direkt betrifft.
Ich kann mich als Lesbe aber in der Schweiz oder in Deutschland genau so offen bewegen (Pöbeleien sind in beiden Ländern möglich, habe ich aber noch nicht oft erlebt, in beiden Ländern nicht).

Claudia: So ein „Ach, ich bin ja lesbisch“, ist dir das schon passiert?

Lizenz: public domain, Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Skateboard.JPG

Lizenz: public domain, Quelle: commons.wikimedia.org

Nika: Ich habe Situationen erlebt, wo man mich für einen Jungen hielt – (also auch nicht für einen Mann). Kurze Haare, Skateboard dabei – dabei habe ich aber nie gedacht „ach, ich bin ja eine Lesbe“, sondern eher, „was haben die denn wieder für ein Brett vor dem Kopf“. Seit den leicht grauen Haaren wirds besser – vermutlich können sie mich jetzt in gar kein Schublade mehr schmeissen.

Claudia: Und das ist hier wie dort so?

Nika: Ja, komplett identisch. In Bern wollte mich mal eine aus der Damentoilette schmeissen (da war ich 32), in Münster hat mich ein Busfahrer doof angemacht wegen dem Board (da war ich 47). Ich muss dazu natürlich sagen, dass ich jetzt wirklich schon seit 16 Jahren nur noch zu Besuch in der Schweiz bin.

Claudia: Du meinst: In beiden Fällen warst du nicht als Lesbe (Frau) erkannt worden?

Nika: Ja, ich wurde definitiv nicht als Lesbe erkannt. Passte nur nicht in die Schublade Frau und auch nicht Mann, dann nahm man halt Junge. Aber die Vorurteile gegenüber Lesben und Schwulen sind meiner Meinung nach in der Schweiz und Deutschland nicht unterschiedlich.

Fett noch immer im Napf; Foto: public domain

Fett noch immer im Napf; wo ist mein Fuß? Foto: public domain

Claudia: Wir reden bestimmt denmächst wieder miteinander, ich habe noch mehr Fragen an dich!