SPD-Europaabgeordnete Lissy Gröner

SPD-Europaabgeordnete Lissy Gröner

Während an Politik über Lesben kein Mangel herrscht – wir sind, zu unserem Vorteil, häufig kompetent und immer engagiert mitgemeint bei Lesbenspartnerschaft, Erbschaftsteuer oder Patientenverfügung, scheint Politik mit Lesben nicht so einfach zu sein. Fast, als entspreche das Verhältnis von Lesben und Politik dem von Geld und Leben in romantischen Räuberpostillen – eins geht nur. 

Es ist nun nicht so, dass es keine gäbe – Lesben in der Politik: Lissy Gröner mal zuerst genannt, die SPD-Europaabgeordnete aus Bayern oder die Berlinerin Sybil Klotz oder die frühere hessische CDU-Bildungsministerin Karin Wolff. Ganz zu schweigen von jenen, von denen wir’s nicht wissen. 
Früher – als alles besser war – gab es natürlich noch einige weitere ….

Und so viel besser stehen die Männer auch nicht da. Ein paar Super-Promis wie die beiden regierenden Bürgermeister von Berlin und Hamburg, ein FDP-Vorsitzender und der omnipräsente grüne Volker Beck. Mit dem Parteienproporz wenigstens ist – schwul wie lesbisch – alles in Ordnung.

Mit der Prominenz nicht.

Was genau mag es sein, das manche bekannt macht – mitsamt schwuler Identität – und andere nicht?

Sybill Klotz, grüne Stadträtin in Berlin-Tempelhof-Schöneberg

Sybill Klotz, grüne Stadträtin in Berlin-Tempelhof-Schöneberg

Ganz sicher nicht das Maß an Offenheit mit der sexuellen Orientierung: Offener lesbisch leben als Lissy Gröner ist schlicht nicht möglich – und sich noch stärker gegen Diskriminierung und für die Rechte von (sexuellen) Minderheiten einzusetzen auch nicht. Und Sybil Klotz war diejenige, die – neben vielem Anderen – mit der Bemerkung beeindruckte, wer nie im Schrank gewesen sei, müsse auch nicht mit Getöse herauskommen. Das war anlässlich Wowereits spätem Outing bei seiner Kandidatur zum Regierenden Bürgermeister. In seinem Fall kann beim besten Willen kein Mangel an Getöse beklagt werden.

Ziemlich sicher macht auch nicht das Maß an politischer Kompetenz den Unterschied – zumindest unter der Voraussetzung nicht, dass die gleichen Maßstäbe angelegt werden wie bei anderen Politikerinnen und vor allem bei Politikern.

Nun verschwinden immer mal wieder Politikerinnen von der großen politischen Bühne, wie Karin Wolff, die – als einzige aus der früheren Koch-Regierung – gleich nach der Wahl als Ministerin zurücktrat, wie Lissy Gröner, die trotz unbestritten erfolgreicher Arbeit auf dem europäischen Parkett zwar mit großer Mehrheit von ihrem regionalen Verband nominiert wurde, im SPD-Landesverband jedoch mit einem aussichtslosen Listenplatz für die Europawahl kommendes Jahr bedacht wurde.
Das mag ja im Einzelfall sehr ordentliche, nachvollziehbare Gründe haben und ohne jeden Zusammenhang mit L-fragen jeder Art sein. Man kann’s nicht wissen.

Beispiel Wolff:  

Karin Wolff, Ministerin a.D., Hessen

Karin Wolff, Ministerin a.D., Hessen

„Und dennoch hat sie Fehler gemacht. Dass dies auch ihre Partei so sah, wusste Karin Wolff spätestens nach den Wahlen zum CDU-Präsidium am 3. November vergangenen Jahres. Zwar erzielte auch sie ein an untergegangene kommunistische Parteien gemahnendes Ergebnis, doch es war mit 93,9 Prozent das schlechteste, Roland Koch kam auf 99,4. Möglicherweise mag damit aber auch teilweise Wolffs Privatleben abgestraft worden sein: In und um Fulda werden gleichgeschlechtliche Orientierungen nicht mit der gleichen Liberalität zur Kenntnis genommen wie im Rhein-Main-Gebiet. Doch Karin Wolffs Politik hätte für ein bisschen Unfrieden gereicht: zu viel Unruhe an den Schulen, die sich als „Dauerbaustellen“ sahen, zu große Klassen, handwerkliche Mängel bei der Umsetzung von G8.“

(Peter Lückemeier: Das Richtige gewollt, nur teilweise geschafft, faz.net 13.2.2008)

Strukturelle Diskriminierung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es für Einzelfälle oft sehr gute Gründe gibt: Die Diskriminierung von Frauen beim Arbeitseinkommen wird auch nicht in jedem einzelnen Fall deutlich, in dem eine Frau weniger verdient als ihr Kollege, sondern darin dass Frauen insgesamt um – je nach Altersgruppe und Einkommensgruppe schwankend – im Schnitt 30 Prozent weniger Einkommen haben als Männer.

Was ist es also, das lesbische Frauen in der Politik so wenig sichtbar macht:
Strukturelle Diskriminierung?
Individuelle Gründe, Lebensplanung und so weiter?
Oder die schlichte Befürchtung, dass Unterstützung durch andere Lesben – würde sie denn stattfinden – desaströse Folgen hätte?

Oder – ganz anderer Ansatz – vielleicht mangelnder Rückhalt von den eigenen Leuten? Von uns?