Ottilie Wilhelmine Roederstein wurde am 22. April 1859 in Zürich geboren. Sie war die Lebensgefährtin Elisabeth Winterhalters, der ersten deutschen Chirurgin.

Sie konnte sich mit ihrem Berufswunsch, Malerin zu werden, durchsetzen und wurde ab 1876 zuerst in Zürich, dann in Berlin ausgebildet. 1882 ging sie mit ihrer Freundin Anni Hopf nach Paris, wo sie ihre malerische Ausbildung fortsetzte und ihre erste nachgewiesene Ausstellung hatte. Schon im darauffolgenden Jahr wurden sie in den Pariser Salon der Société des Artistes Francais aufgenommen. Sie stellte weiterhin aus, und konnte sich in der Fachpresse etablieren.

1886 hielt sie sich für die Teilnahme an der Schweizerischen Kunstausstellung in ihrer Heimatstadt Zürich auf. Dort lernte sie die Medizinstudentin Elisabeth H. Winterhalter kennen, die später die erste deutsche Chirurgin wurde. Die beiden Frauen wurden ein Paar und blieben bis zu Roedersteins Tod 1937 zusammen.

Ottilie Roederstein kehrte daraufhin nach Zürich zurück und behielt ihr Pariser Atelier bei, wo sie sich immer wieder für lange Zeiträume aufhielt. Sie nahm sogar 1889 an der Pariser Weltausstellung teil, wo sie eine Silbermedaille errang. Von da an war sie bis zum Ende ihres Lebens künstlerisch weithin anerkannt und in  vielen nationalen und internationalen Kunstausstellungen vertreten.

1891 übersiedelten Roederstein und Winterhalter nach Frankfurt und lebten dort rund 20 Jahre bis zu ihrem Umzug in den Taunus. Ottilie Roederstein nahm sich ein Atelier im Frankfurter Städel. Sie unternahm zahlreiche Reisen, teils gemeinsam mit anderen Künstlerinnen. Als Elisabeth Winterhalter aus gesundheitlichen Gründen den Arztberuf aufgeben musste, folgte der Umzug nach Hofheim / Taunus, der bei Ottilie Roederstein eine neue Schaffensperiode einleitete.

Landlesben lebten damals gar nicht so anders als heute:

„An herrlichen Obstkulturen und farbensymphonischen Blumenbeeten vorüber führt der ansteigende Pfad zur Schaffensstätte. Ob Winterstille oder Vorfrühlingsahnen, ob Sommerglut oder Herbstesfülle: Sinne und Seele erquicken, immer bringt diese kleine Wanderung der Künstlerin Genuss und Augenblicke der Sammlung. Meist übernimmt der Hund die Führerrolle, und meist wird ein Halt am Hühnerhof gemacht. Rasch streift das Auge den waldigen Frieden des Taunus, Hofheim und die nächstliegenden Dörfer und verliert sich in der oft die See vortäuschenden blauen Mainebene, aus der Schornsteine wie Mäste ragen.“

schrieb Clara Tobler über das Leben der beiden Frauen.

Als ihre Freundin, die Malerin, Sammlerin und Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath Ende der 1920er Jahre ebenfalls nach Hofheim zog, bekam Roederstein Kontakt zu bedeutenden Expressionisten ihrer Zeit, der sich auch auf ihre künstlerische Arbeit auswirkte.

Ottilie Roederstein war, ebenso wie Elisabeth Winterhalter, immer auch gesellschaftlich und gesellschaftspolitisch engagiert. Sie unterstützte und förderte junge Künstlerinnen und hatte die Sichtbarkeit von Frauen in der Kunst im Blick, zum Beispiel durch ihre Teilnahme an der Gedok-Ausstellung “Frauen von Frauen dargestellt” in Frankfurt 1930.

Zu ihrer Liebesbeziehung zu stehen, war für das Paar eine Selbstverständlichkeit. Durch ihre Berufe, ihr gesellschaftliches Engagement und ihre öffentliche Sichtbarkeit traten sie als Frauenpaar offen und selbstbewusst auf. Dies wurde bemerkt und anerkannt. 1929 erhielten Ottilie Roederstein und Elisabeth Winterhalter in Anerkennung ihrer Verdienste um die Förderung des künstlerischen, kirchlichen und sozialen Lebens das Ehrenbürgerrecht der Stadt Hofheim.

Ab Ende 1930 erschwerten gesundheitliche Probleme das künstlerische und gesellschaftliche Schaffen. 1931 verfassten Roederstein und Winterhalter ihr gemeinsames Testament. In den Folgejahren zeigten sich die Partnerinnen erschüttert über die Folgen nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland, die auch für viele ihrer Freundinnen erhebliche Auswirkungen hatte. Nach 1934, als Roederstein noch an mehreren Ausstellungen teilnahm, zog sie sich langsam aus dem aktiven Künstlerinnenleben zurück. Wenige Tage nach einem Herzanfall starb sie am 26. November 1937 in Hofheim.  Sie hinterließ ein Testament, in dem sie ihrer Partnerin die Nutznießung ihrer gesamten Hinterlassenschaft vermachte.

Elisabeth Winterhalter überlebte ihre Partnerin um 15 Jahre. Die Lebensgefährtinnen sind gemeinsam in einem Ehrengrab auf dem Hofheimer Waldfriedhof beigesetzt.

Links und Quellen:

  • Texte zu Elisabeth Winterhalter bei L-talk
  • Texte über lesbische Künstlerinnen bei L-talk
  • Barbara Rök: Ottilie W. Roederstein (1859–1937). Eine Künstlerin zwischen Tradition und Moderne. Marburg 1999: Jonas. (Diss. Philipps-Universität Marburg, FB 09, 1997)
  • Petra Hoffmann: Hofheim lebt auf – Die Großstädter kommen aufs Land (1996), Historische Gesellschaft Eschborn e.V., historische-eschborn.de (Download 22.04.2012)
  • Clara Tobler: Ottilie W. Roederstein, Zürich, Leipzig, Stuttgart, Wien 1929, zitiert nach: Petra Hoffmann, 1996, historische-eschborn.de (Download 22.04.2012)
  • Biografische Daten nach Barbara Rök: Ottilie W. Roederstein (1859-1937). Eine Künstlerin zwischen Tradition und Moderne. Hrsg.: Eva Scheid im Auftrag des Magistrats der Stadt Hofheim am Taunus – Stadtmuseum / Stadtarchiv, 1999. 300 S., 250 Abb., Werkverzeichnis auf CDROM. € 20,00 (Jonas Verlag für Kunst und Literatur. ISBN 3-89445-256-0), entnommen aus der Homepage der Stadt Hofheim (Download 22.04.2012)