„… es wäre unkorrekt zu sagen, dass Lesben mit Frauen zusammen sind, Liebe machen, leben, denn „Frau“ hat nur Bedeutung im heterosexuellen System des Denkens und in heterosexuellen ökonomischen Systemen. Lesben sind keine Frauen.“

(Wittig, 1978)

Monique Wittig wurde am 13. Juli 1935 in Dannemarie, Frankreich geboren. Sie wäre heute 75 Jahre alt geworden.

Lesben sind keine Frauen

Sie war Feministin, Theoretikerin und befasste sich intensiv mit der Überwindung von Geschlechterbegriffen.

„Lesbianismus ist das einzige Konzept, das ich kenne, welches jenseits der Kategorien Geschlecht (Frau und Mann) ist, denn das benannte Subjekt ist keine Frau, weder ökologisch noch politisch, noch ideologisch. Denn was eine Frau ausmacht, ist eine spezifische, soziale Beziehung zu einem Mann …, eine Beziehung aus der Lesben ausbrechen, indem sie sich weigern heterosexuell zu werden oder zu bleiben. Lesben sind keine Frauen.“

Wittig engagierte sich sehr im Umfeld der Revolten im Mai 1968. Ihr wurde, wie auch Simone de Beauvoir und vielen anderen Frauen, schnell klar, dass die revolutionären Anführer der Bewegung nicht im geringsten beabsichtigten, ihren Führungsanspruch zu teilen. Wittig gehörte zu den ersten Theoretikerinnen und Aktivistinnen der neuen feministischen Frauenbewegung – einer Bewegung, die aus dem radikalen politischen Umfeld heraus den Anstoß zu dem Buch gab, das viele für ihr einflussreichstes und wichtigstes halten: Les Guérillères, 1969 erschienen.

Lesbischer Feminismus als Zukunftsentwurf

Monique Wittig: Die Verschwörung der Balkis, Klappentext der Frauenoffensive-Ausgabe von 1980Das Werk mischte den jungen lesbisch-feministischen Diskurs ziemlich auf. Es war der Auftakt zu einer breiten Welle lesbisch-feministischer Zukunftsentwürfe, die radikal hergebrachte Literaturformen in Frage stellten, ebenso die üblichen Vertriebswege, Verlagsstrukturen, Inhalte und – vor allem – Werte.

Revolutionär in seiner Form ebenso wie im Inhalt, wurde Les Guérillères umgehend in zahlreiche Sprachen übersetzt, breit diskutiert und bildete eine der Grundlagen für die lesbisch-feministischen Diskurse der folgenden Jahre. Auf Deutsch erschien es unter dem Titel Die Verschwörung der Balkis erst 1980 bei Frauenoffensive, kursierte jedoch schon vorher in zerlesenen englischen oder französischen Exemplaren.

„Was ist die wirkliche Bedrohung, die Lesben repräsentieren? Sie sind der lebende Beweis, dass Frauen nicht als natürliche Sklavinnen der Männer geboren sind.“

(Monique Wittig, zitiert nach Andrea Schroeder)

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Ausschnitt aus dem Theaterstück „Le Voyage sans fin“/“The Constant Journey“, das Monique Wittig gemeinsam mit ihrer Partnerin Sande Zeig in Szene setzte.

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Revolutionär Feminismus: ’68 und danach

1968 / 1970 war Wittig an der Gründung der Féministes Révolutionnaires beteiligt – einer Gruppe, die sich deutlich von der marxistisch geprägten Theorie des Nebenwiderspruchs distanzierte, und ebenso von hierarchischen Strukturen: „pour les femmes et avec toutes les femmes“ sollte die Befreiung stattfinden. Die Féministes Révolutionnaires können durchaus für sich in Anspruch nehmen, Begründerinnen der europäischen Variante der Selbsterfahrungsgruppe zu sein; die groupes des prise de conscience waren für sie – nach der Gruppenbildung an sich – ein zweiter Schritt zur Befreiung. (Eine Beschreibung der Féministes Révolutionnaires – und vieler anderer Frauengruppen der 68er – findet sich in Kristina Schulz‘ Der lange Atem der Provokation.)

Tatsächlich anerkannt wurde Wittig als Literarin in Frankreich und als Wissenschaftlerin in den USA.Guérillères reloaded - Cover der US-Ausgabe von 2007

1970 veröffentlicht sie in der Pariser Anarcho-Zeitschrift L’idiot international mit drei anderen Frauen den Text „L’an zero„. 1973 erscheint Le corps lesbien. Mit Aus deinen zehntausend Augen, Sappho, erschienen im Amazonen Buchverlag (auch eine schöne Erinnerung), machte sie 1977 auch hierzulande Furore.

Desillusionierung und Separatismus-Kritik

Sie war zunehmend desillusioniert von der Trennung zwischen dem psychoanalytisch orientierten Feminismus und dem Feminismus der sozialen Reform, zog sich aus vielen Gruppen zurück und konzentrierte sich auf ihre wissenschaftliche Arbeit. 1976 veröffentlichte sie Brouillon pour un dictionnaire des amants und immigrierte dauerhaft in die USA. 1977 kollaborierte sie mit Simone de Beauvoir und Christine Delphy, einer sozialistischen Ökonomin, die bereits bei den Féministes Révolutionnaires mit ihr zusammengearbeitet hat und als eine Urheberin des Prinzips der Selbsthilfegruppe gilt, bei der Zeitschrift Questions feminists.

1986 promovierte Wittig in den Sprachwissenschaften und von 1990 bis zu ihrem Tod lehrte sie als Dozentin im Women’s Studies Program an der University of Arizona at Tuscon.

Monique Wittig starb am 3. Januar 2003 in Tucson, Arizona.

Sie wäre am 13. Juli 2010 75 Jahre alt geworden.

Von Monique Wittig zum queer Denken

Ob Judith Butler, ob Dekonstruktion von Geschlecht, ob Queer Theory, ob das in Frage stellen von Heteronormativität ohne Monique Wittigs Texte möglich gewesen wären?

Vielleicht. Aber anders.

Monique Wittig erlaubte sich – und anderen – widerständig im Widerstand zu sein. Sie steht für das Infragestellen aller Formen und Figuren und ihr frühes Werk war Katalysator für zahlreiche lesbisch-feministische Strömungen.

Sie selbst war explizit keine Separatistin.

„I understand that separatism is necessary for certain women; but I, as a writer, cannot function in separatism.“

wird sie 1999 von Stephanie Mazzarella zitiert. Gleichzeitig forderte sie das Recht auf Separatismus ein. In Die Verschwörung der Balkis haben sich die Frauen in ein Frauenkollektiv zurückgezogen; das fand in den folgenden Jahren Eingang in viele utopische Entwürfe, darunter Marion Zimmer Bradleys Darkover-Roman Die zerbrochene Kette, Sandi Halls Feuer auf der See, Marockh Lautenschlags Araquin, Sally Miller Gearharts Wanderland und Nicola Griffith‘ Ammonit. Separatismus war bei den meisten dieser Autorinnen als Phase angelegt, als Übergang zur Schaffung einer neuen Gesellschaft, als Zeit der Besinnung in der Frauengesellschaft ebenso wie der Äußeren oder als vorübergehender Schutzraum.

Von Zwangsheterosexualität bis Heteronormativität

Gender Trouble, Judith Butlers Klassiker von 1990, greift Wittigs Theorien auf und stellt sich in die selbe Tradition. Sowohl Wittig als auch Butler begreifen Geschlecht als soziale Konstruktion … und das bezieht sich keineswegs auf das im modernen Alltagsfeminismus etablierte soziale Geschlecht Gender, sondern ausdrücklich auch auf das biologische Geschlecht Sex. Die Begriffe Frau und Mann sind, sagt Butler

„nach Wittig Ausdruck einer aufgezwungenen Heterosexualität und ergeben nur in diesem Zusammenhang einen Sinn – losgelöst von ihrem heterosexuellen Kontext verlieren sie jede Bedeutung. Es gibt keinen Grund, die menschlichen Körper in das männliche und das weibliche Geschlecht aufzuteilen; außer diese Aufteilung paßt zu den ökonomischen Bedürfnissen der Heterosexualität und verleiht der Institution der Heterosexualität einen naturalistischen Glanz.“

(Das fiktive Geschlecht)

Im Nachhinein, Jahrzehnte später und mit altem Blick auf die eigene Biografie, die wandelnden Überzeugungen und zerlesene Lieblingsbücher, ist es kaum zu glauben, dass die großen Theorien, mit denen Butler in den 1990er Jahren auch lesbische Identitäten aus den Angeln gehoben hat, uns in Form einer zerfledderten Ausgabe von Les Guérillères all die Jahre begleitet und darauf gewartet haben, dass wir sie endlich wahrnehmen, während wir Lesbensommercamps genossen, Männer gehasst und an die Wahrhaftigkeit eines lesbisch-feministischen Kontinuums geglaubt haben.

Wirklich nur eine Phase?

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Links und Quellen:

Veröffentlichungen / Bücher von Monique Wittig:

  • 1964, L’Opoponax (prix Médicis), dt. Opoponax, Reinbek b. Hamburg : Rowohlt, 1966
  • 1969, Les Guérillères, dt. Die Verschwörung der Balkis – München : Frauenoffensive, 1980
  • 1973, Corps Lesbien, dt. Aus deinen zehntausend Augen, Sappho, Berlin : Amazonen-Frauenverlag, 1977 und 1984
  • 1976, Le Brouillon d’un Dictionnaire des Amantes, (mit Sande Zeig, ihrer Lebensgefährtin), dt. Lesbische Völker: e. Wörterbuch, München: Frauenoffensive, 1983
  • 1985, Virgile, non
  • 1992, La pensée straight, engl. The straight mind, Beacon Press, 1992 – Essays
  • 1999, Paris-la-Politique