In diesem Blog geht es auch um Alltagswirklichkeiten inklusive Phantasien und manche davon sind ziemlich lesbisch, auch im Unlesbischen, und sogar am Tag nach dem Welt-Aids-Tag. Trägt eigentlich noch irgendeine diese Schleifen? Oder einer? In unserer Firma lief keiner und keine damit herum, außer mir, obwohl noch vor zwei, drei Jahren Aidsschleifenverweigerung als herzlos, unmoralisch, unsolidarisch und politisch inkorrekt zu dauerhaften Imageverlusten geführt hätte. Jetzt ist alles liberaler, wegen dem Außenminister, sogar das Gewissen. Es ist ja nicht wirklich mein Problem, eher das der schwulen Brüder (und Schwestern). Im Zusammenhang mit dem Welt-Aids-Tag habe ich irgendwo gelesen, dass es weltweit (!) fünf (5!) Fälle gibt, in denen eine Virus-Übertragung in Folge lesbischen Sex nachgewiesen wurde.                     

Eine Erfahrung von der Art Entdeckung (1) – Euphorie (2) – kaum abwarten können (3) – Recherche (3a) – Enttäuschung (4) war Anna Louisa Karsch. In der Zeit Literatur Beilage war sie – nie gehört! – mit folgendem Titel kurz erwähnt: „Die Sapphischen Lieder“. WOW. Jede denkt sich was dabei, stimmt’s?

Zu den Phasen Euphorie und kaum abwarten können gehört das Phantasieren darüber, Konny von Konnys Lesbenseiten, lesben.org, ein einziges Mal einen lesbischen Titel nennen zu können, den sie noch nicht hat … aber Pustekuchen. Anna Louisa Karsch – Kindermädchen, Kuhhirtin, Dichterin – war im 18. Jahrhundert zu einem Herrn Gleim in heißer Liebe entbrannt, der sie flugs zur „deutschen Sappho“ verklärte.

Das bedeutete anno 17xx offensichtlich Anderes als heute, was Herrn Gleim nicht enttäuschen musste, die moderne engagierte Amateurin-Lesbenforscherin hingegen schon. Wenngleich angesichts Karschs Dichtung der Gedanke nahe liegt, sie hätte, wäre sie ein bisschen mehr wie wir (oder wie Sappho), mehr Glück finden können:

Ohne Neigung, die ich oft beschreibe,
Ohne Zärtlichkeit ward ich zum Weibe,
Ward zur Mutter, wie im wilden Krieg
Unverliebt ein Mädchen werden müßte,
Die ein Krieger halb gezwungen küßte,
Der die Mauer einer Stadt erstieg.

Liest sich so wahre heterosexuelle Leidenschaft? Stadtmauern hin oder her. Zum Zweck unserer eigenen geistigen und emotionalen Gesundheit haben wir Lesben, jedenfalls die meisten von uns, seit etwa 1983 die wahnhafte Phase hinter uns gelassen, in der wir dachten, in jeder unglücklichen Hetera stecke eine von uns und es sei unsere Bestimmung und Pflicht (!), sie herauszulocken.

Ist ja nicht mehr nötig, denn wir sind jetzt Mainstream. Der Spiegel beispielsweise war heute frauenidentifizierter und moderner als unsere enttäuschende Poetin:

Mäuse mit zwei Müttern leben länger

überschrieb er einen Artikel, in dem es, wie in einem meiner lesbischen Lieblingsfilme, Finn’s Girl, nur auf mausisch, darum ging, wie vorteilhaft es sein kann, gleich zwei genetische Mütter zu haben.

An Lesben richtete sich der Artikel nicht; uns muss man sowas nicht erzählen.

Der mausische Trick bestand, falls eine das unbedingt nachmachen will, übrigens darin, Erbgut einer reifen Eizelle mit Parthenogenesephantasien für Genetikerinnendem einer unreifen zu verschmelzen. Bislang ging es in der lesbischen omni-parthenogenesischen Phantasie eher um die Verschmelzung zweier reifer Eizellen, oder noch besser, zweier ganzer Lesben, oder, in Vollendung, zweier reifer ganzer Lesben … zu allermindest wenigstens ganzer Eizellen, reif oder nicht. Erbgut allein und für sich genommen ist eindeutig zu wenig.

Mit dem Thema Genetik begann dieses Blog übrigens das Jahr 2009 – höchste Zeit also, das nun knapp vor Toreschluss wieder aufzugreifen.

Die schwulen Brüder kamen am Tag nach dem Welt-Aids-Tag auch nicht zu kurz, für sie hielt Spiegel online den Artikel

Schlechter Geschmack und schwuler Elfensex

bereit – eine Formulierung, die – in der Vorurteilswelt dieser alternden Lesbe – den weit überwiegenden Teil schwuler Lebenswirklichkeit umfassend und erschöpfend beschreibt.

Mehr Lesbisches war dann heute auch nicht. Reichte auch.

Links und Quellen: