Letztlich ist es nur ein Preis. Keine große Sache.

„Ich weiß nicht, was Queer-Sein heißt aber ich weiß, was es bedeutet, Teil einer Allianz zu sein, die unser Leben lebbarer macht.“

sagte Judith Butler bei ihrem Vortrag in der Berliner Volksbühne am 18. Juni – einen Tag bevor sie schließlich den Zivilcouragepreis des Berliner CSD ausschlug.

L-talk hat Judith Butlers Begründung dokumentiert, und sie ist ziemlich differenziert. Es geht um Vielfalt und um Umgang mit dem Fremden, um Krieg, Frieden und um den Preis, für den die einen bereit sind die Rechte anderer preiszugeben. Das alles in gut drei Minuten.

Afghanistan-Krieg versus Homo-Rechte

Tatsächlich gibt es bei vielen Organisationen – von GRÜNEN bis LSVD – die sich LGBT Rechte auf die Fahnen geschrieben haben, Auseinandersetzungen darüber, was diesen Rechten entgegensteht. Nicht immer werden diese Auseinandersetzungen sehr klug geführt. Da muss man nicht gleich so weit gehen, dass der Afghanistan Krieg mit den Rechten von Frauen oder Homosexuellen gerechtfertigt wird. Es reicht schon, ersthaft zu behaupten, dass das Tragen eines Kopftuchs per se antifeministisch sei oder dass „die“ (jetzt ein Adjektiv einsetzen, z.B. patriarchale, islamistische, autoritäre, fremde usw.) Kultur bestimmter Gruppen von Migrantinnen und Migranten für Übergriffe auf Lesben, Schwule, Transpersonen oder queers verantwortlich ist und daher bekämpft werden müsse.

Ein Aufrechnen von LGBT Rechten gegen die Menschenrechte Anderer ist schäbig. Die Rechte von Lesben und Schwulen dürfen jedenfalls nicht Ausrede dafür sein, dass in Afghanistan, Irak oder Gaza Krieg geführt wird:

„Wenn du meine Homo-Ehe (oder Ehegattensplitting, Stiefkindadoption, Antidiskriminierungsgesetz) akzeptierst, sage ich nichts zu deinem Flüchtlingslager (oder Luftangriff, Folter oder der Ehefrau von den Philippinen, für die du einem Vermittler viel Geld bezahlt hast)“

… so ein Deal darf nicht sein. Er führt auch zu nichts.

Deshalb greift die taz daneben:

„Butlers Kritik könnte für den CSD ein notwendiger Anstoß sein: Mehr Politik und weniger Ikea, bitte!“

Darum geht es nicht. Wenn, beispielsweise, doppelt so viel oder siebzehneindrittel mal so viel von immer derselben Politik – was auch die Einzelnen darunter verstehen – auf dem CSD stattfände, wäre der CSD nicht vielfältiger, sondern nur langweiliger. Wer kann das schon wollen?

Opferstatus versus Handlungsfähigkeit

Auch lohnt der Streit nicht, wie wer Ausdrücke wie rassistisch, sexistisch, homophob, transphob definiert. Einige Gruppen haben dem Berliner CSD vorgeworfen, sich nicht von rassistischen Aussagen distanziert zu haben und der Berliner CSD fand das beleidigend.Wow. Der große Berliner CSD Verein O-P-F-E-R einer kleinen radikalen Minderheit. Sich selbst zum größeren Opfer erklären, wenn andere protestieren, dass sie nicht vorkommen, hört sich jedenfalls ziemlich billig an. Auch ein typisch Butler, und jetzt machen wir weiter im Programm zeugt nicht von Handlungsfähigkeit.

Dass eine Bewegung sich etabliert aber sich immer noch für jung, modern und offen hält ist ja nichts Neues, dass sie sich in der Wahl der Bündnispartner vergreift, auch nicht:

„dann schüttelt man auch schon mal Heino die Hand, lächelnd,
hallo Kollege,
du in Windhuk vor den Siedlern, ich in Brokdorf vor den Sudlern“,

dichtete Heinz Rudolf Kunze vor Jahrzehnten … schon damals ein Anlass für heiligen Schrecken.

Und für heute das letzte, worum es nicht geht: Natürlich ist feiern in Ordnung und irgendwie ist so ein großer CSD ein bisschen wie Loveparade, die immerhin auch eine Art politischen Anspruch hatte: Frieden, Liebe und so weiter. Gerade hier bei L-talk haben wir den CSD und die Chance für die Sichtbarkeit lesbisch-feministischer Forderungen öfter kritisch betrachtet, weil immer wieder die Medienwelt inklusive taz und Frankfurter Rundschau auf die toll zurecht gemachten Drag Queens und Ledermänner schaute, während das Politische zur Randbemerkung wurde. Eine Randbemerkung, die, nebenbei erwähnt, für die Veranstalter*nnen bares Geld bedeutet, denn für eine politische Demo gelten sehr viel großzügigere Regelungen als für eine kommerzielle Veranstaltung.

Kommerz versus Politik

Alles mal so bedacht, muss aber die Frage erlaubt sein, ob eine kommerziell vermarktete Großveranstaltung nicht auch irgendwo ihren legitimen Platz hat. Aber sie soll nicht die politischen Auseinandersetzungen verdecken oder gar ersetzen, und bei diesen Auseinandersetzungen gibt es einfach mehr und wichtigeres zu bedenken als allein das Ehegattensplitting für Lebenspartnerschaften.

Deshalb waren Judith Butlers dreieinhalb Minuten auch dieses Mal wieder ein echter Aufreger.

Wie immer: Diese Meinung ist noch nicht fertig. Kommentare und Gastbeiträge sind herzlich willkommen!

Links und Quellen:

  • Judith Butler: CSD nicht antirassistisch genug, L-talk, 20. Juni 2010
  • judith butler. philosophe en tout genre, ARTE, 25. Oktober 2008, Teil 1 bis 6 bei YouTube
  • Nina Apin: Mehr Politik und weniger Ikea, bitte! Der CSD hat den politischen Anspruch verloren – und bedient nur noch Klischees, taz.de, 20.6.2010
  • Heinz Rudolf Kunze: Ich bin gegen den Frieden, 1984
  • CSD Berlin, csd-berlin.de