Die Bundesregierung richtet eine Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ein. Sie soll durch die Förderung von Bildung sowie von Wissenschaft und Forschung

  1. die nationalsozialistische Verfolgung Homosexueller in Erinnerung halten,
  2. das Leben und Werk Magnus Hirschfelds sowie das Leben und die gesellschaftliche Lebenswelt homosexueller Männer und Frauen, die in Deutschland gelebt haben und leben, wissenschaftlich erforschen und darstellen und
  3. einer gesellschaftlichen Diskriminierung homosexueller Männer und Frauen in Deutschland entgegenwirken.

Zu dem Konflikt um die Verfolgung von schwulen Männern und lesbischen Frauen im Nationalsozialismus ist schon viel gesagt worden, auch hier bei L-talk. Knapp zusammengefasst, lässt sich sicherlich mit der Sprachregelung leben, dass schwule Männer wegen ihrer Homosexualität systematisch verfolgt wurden, während lesbische Frauen weit weniger im Fokus des faschistischen Regimes standen. Beiden Gruppen gemein war, dass das offene Alltagsleben kaum möglich war und dass sie gesellschaftlich und politisch ausgegrenzt und diskriminiert wurden.

Nun soll es also eine Stiftung geben, die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, die sich außer der Erforschung Magnus Hirschfelds auch Lebenswelt- und Diskriminierungsfragen widmen soll. Sie ist vom Bundeskabinett beschlossen, offenbar sind die Vorbereitungen innerhalb der Regierung schon ziemlich weit fortgeschritten. Doch hoppla, wo sind die Lesben?

Mal wieder mitgemeint?

Lesbische Frauen sind in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung immer in Gefahr, nicht wahrgenommen zu werden und unsichtbar zu sein. Das beginnt mit der Berichterstattung über Christopher Street Day Paraden, die allzuoft den Fokus ausschließlich auf homosexuelle Männer richtet, es findet seine Fortsetzung in der politischen Repräsentation, beispielsweise bei der Benennung zu Anhörungen, und es führt neben vielem anderen dazu, dass in der Benennung einer wichtigen Stiftung mit einem Männernamen Frauen wieder einmal mitgemeint sind.

Das Gegenteil, dass Männer als Gruppe sich in einer Johanna Elberskirchen Stiftung (um beispielhaft eine prominente und historisch gut dokumentierte Wegbereiterin lesbischer Identität in Deutschland herauszugreifen) angenommen und repräsentiert fühlen würden, ist nur schwer vorstellbar. Tatsächlich tun sich Männer sehr schwer damit, sich unter einem Thema zu versammeln, dass für sie ein Frauenthema ist … allein all die lesbischen Frauen, die es selbstverständlich finden, in Sachen Aids immer für die Rechte der Betroffenen zu kämpfen, während das Aufkommen schwuler Männer in Sachen Brustkrebs wirklich gering ist …. Nun ist nicht alles was hinkt ein Vergleich, aber das Engagement schwuler Männer für Themen, die Lesben betreffen, lässt wirklich zu wünschen übrig. Sofern sie lesbenspezifische Themen überhaupt wahrnehmen.

Wenn es nun eine Bundesstiftung Magnus Hirschfeld geben sollte, die sich mit der Situation schwuler Männer im Nationalsozialismus befasst, wäre gar nicht viel dagegen einzuwenden. Das wäre eine gute Sache, man könnte klar benennen, worum es geht und es gäbe keine Missverständnisse in Bezug auf die Ausrichtung der Stiftung. So ist es aber nicht. Explizit werden homosexuelle Männer und Frauen im Stiftungzweck benannt. Wenn es bei der Stiftung auch um Frauen gehen soll, wäre es richtig,

  • einen Namen für die Stiftung zu wählen, mit dem lesbische Frauen ebenso wie schwule Männer repräsentiert werden,
  • Frauen und Männer nicht unter dem Begriff Homosexuelle zu subsumieren …. denn darunter werden allzuoft ausdrücklich schwule Männer verstanden und
  • lesbische Themen aufzugreifen.

Mitgenannt oder mitgemeint reicht nicht aus

Intersektionalität – also gleichzeitige Diskriminierungserfahrungen wegen der Zugehörigkeit zu mehreren Gruppen – ist für lesbische Frauen ein großes Thema. Frauen, gerade lesbische Frauen, sind als Migrantinnen in Deutschland Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt und ihre Interessen finden auch in den internationalen Aktivitäten der Bundesrepublik nicht immer die Berücksichtigung, die dem Grad ihrer Betroffenheit von Repression und Benachteiligung entspräche. Daher wäre konkret für die Aufnahme in die Satzung das Thema der Mehrfachdiskriminierung, besonders in Bezug auf Migration, aber auch für Frauen mit anderen Diskriminierungsmerkmalen, wichtig gewesen.

Zu guter Letzt: Fachverbände sind bei der Vorbereitung der Stiftung nicht wirklich gefragt worden. Sicher hätten der Lesben- und Schwulenverband LSVD oder der Lesbenring im Vorfeld einiges beitragen können, wenn man sie gelassen hätte. Ist aber unterblieben.

Was bleibt, ist ein unschöner Eindruck davon, dass sich hier wichtige, wichtige Leute einen weißen Fuß machen wollen und dass Lesben – mal wieder – genannt sind, damit sie dazu beitragen, ein schlecht gemachtes Konzept zu legitimieren. Lesbische Interessen sind bei der Stiftung jedenfalls nicht ersichtlich und so sind wir wieder einmal mitgenannt, aber nicht mitgemeint … oder mitgemeint, aber nicht berücksichtigt. Auf jeden Fall zu wenig.