Beim Fest, Foto: c kinsue

Foto: c kinsue

In diesen Tagen nun geht’s los für kinsue: nach Kinshasa fliegen. Vor einigen Wochen haben wir Teil 2 dieses Interviews fertiggestellt und ich danke kinsue, dass sie mich teilhaben lässt an ihrem, naja, Abenteuer, denn es ist ja schon eines, wie mir scheint.

Claudia: Du reist mit „Dienste in Übersee“, also mit einer evangelischen Organisation, und du gehst zu einer christlichen Organisation, habe ich das richtig verstanden?

kinsue: Ja, doch setzt dies bei mir keine Mitgliedschaft in einer Kirche voraus. Für mich geht es um das Weltbild, die innere Haltung, die Suche, und auch um etwas wie in Rosa Luxemburgs wichtigem Satz „die Freiheit ist immer die Freiheit des [für mich „der“] Andersdenkenden“. Ich finde es nicht einfach auszudrücken: ich bin bewusst 1974 aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Von meinen Eltern, besonders meiner Mutter, habe ich eine frei-reformpädagogisch-evangelische Prägung erfahren, die ich (mit einigen Brüchen in meiner Biographie) in der Grundhaltung nie abschütteln wollte – allerdings einiges Verquastes, habe als junge Erwachsene auch konkrete schlechte Erfahrungen mit der Institution Kirche (evangelische wie katholische) gemacht. Heute empfinde ich mich eher als frauenlesbenidentifiziert-spirituell (gibt es das Wort noch?) denn kirch-christlich verbunden, ich gehe ab und zu gerne in Kirchen und schätze im Alltag sehr die Arbeit einiger kirchlicher Institutionen. Ich habe mich lange mit Ritualen, mit rituell-meditativem Tanz und mit feinstofflicher Energiearbeit beschäftigt. Das hilft mir, mich konkret in Kinshasa in eine Kultur mit vielfältigem Glauben hineinzuleben, die mir fremd ist, v.a. katholisch, muslimisch, gemischt mit ureigenen alten Glaubensweisen: Wahrnehmen öffnen… – ich staune zunehmend über einige für mich untragbare Dogmen und mitunter belustigende Widersprüche im „Rahmen Kirche“ – salopp gesprochen.

Chutes de zongo, Foto: c kinsue

Chutes de zongo: Bei den Zongo-Wasserfällen, Foto: c kinsue

Claudia: Wie wird Spiritualität im Alltag konkret aussehen, hast du da schon eine Ahnung?

kinsue: Um mich in Kinshasa sozial zu integrieren, werde ich anfangs recht regelmäßig sonntags in eine Kirche gehen. Dazu habe ich Lust, es ist anders dort. Ich bin gespannt auf die Erfahrungen. Ich mag ja meditieren, singen, rituelles Gestalten… Allerdings werde ich mit gemeinsamen Gebeten achtsam bleiben. Worte wirken! Vor allem bin ich neugierig auf die Menschen – Frauen, Männer und Kinder, zunächst vor allem auf die People of Color, doch werde ich auch mit weißen Expats zu tun haben (das ist die Bezeichnung für diejenigen Weißen, die wie ich aus anderen Ländern eine Zeit lang zum Arbeiten ins Land kommen). Es gibt so viel zu lernen, zu erfahren, und ohne Wertschätzung und neugierige Achtsamkeit kann nichts Positives entstehen…

Claudia: Wenn ich richtig informiert bin, ist christlicher Fundamentalismus weit verbreitet und damit einher gehen ernste Menschenrechtsprobleme.

kinsue: Ja. Übersehen kann ich nicht und werde ich nicht, dass die Pfingstkirchen seit Jahren einen stärkeren Einfluss bekommen. Sie praktizieren u.a. Exorzismus. Das trifft überwiegend Mädchen und Frauen, die in der Familie aus Armut nicht ernährt werden können und die als „Hexen“ stigmatisiert werden. Sie werden in „Reinigungsritualen“ körperlich-seelisch misshandelt und bei „Misserfolg“ aus dem Familienbund ausgestoßen. Vielleicht können sie noch halbtot flüchten, um z.B. als Prostituierte überleben zu können. Mit diesem sensiblen Problem werde ich auch beruflich konfrontiert sein, denn es geht ja um Traumabewältigung. Es gibt natürlich noch viel mehr Hintergründe – viele Themen…

Claudia: Für dein „mal weg von hier“ sind auch kollegiale Verbindungen wichtig, die du schon hast, richtig?

Details eines Kirchenbildes in Kinshasa, Foto: c kinsue

Details eines Kirchenbildes in Kinshasa, Foto: c kinsue

kinsue: Ja, meine Entscheidung hat schon mit bestimmten Frauen vor Ort sehr wesentlich zu tun, unabhängig von ihrer sexuellen Identität. Ihr Engagement hat mich fasziniert. Wir haben 2006 und 2007 gesponnen, einen Mädchen- und Frauensportverein zu gründen. Na denn!

Claudia: Wie weit ist es von dir zuhause dann bis zur „Arbeit“? Und wie kommst du von da nach dort?

Siedlung an gebogener Landstraße mit PKW und Holzlaster; Regenwaldbäume werden abgeholzt. - Foto: c kinsue

Siedlung an gebogener Landstraße mit PKW und Holzlaster; Regenwaldbäume werden abgeholzt. – Foto: c kinsue

kinsue: Wie weit es zur Arbeit sein wird, das weiß ich noch nicht. Ich muss mir in Kinshasa ein Allrad-Auto kaufen – privat, wahrscheinlich sehr teuer. Anders geht es gar nicht. Öffentlichen Verkehr gibt es in unserem Sinn noch gar nicht wieder. Seit April gibt es etwa 80 neue Busse, doch das ist ein Tröpfchen auf den heißen Stein, aber ein Anfang immerhin.

Claudia: Wie ist es mit Radfahren in einer afrikanischen Millionenstadt?

Stadtansicht Kinshasa - Foto: c kinsue

Stadtansicht Kinshasa – Foto: c kinsue

kinsue: Ich will zwar mein Rad mitnehmen, doch damit dann durch die Straßen Kinshasas zu fahren, ist nicht nur wegen der täglich neuen Schlaglöcher fast Selbstmord. Ein Projekt „Räder für Afrika“ gibt es schon für einige Länder. Ich wünsche mir viele gespendete Fahrräder für Kinshasa. Als integrierte Fachkraft bei einer NGO werde ich allerdings alles Engagement gemeinsam im Team abstimmen: „malembe“ heißt „langsam“ auf Lingala (eine der Ursprungssprachen), ein schönes Wort! Gerne würde ich das Projekt zusammen mit anderen für Kinshasa verbreiten – denn die alten, von Europa importierten Autos verstopfen alles. Frauen und Männer werden zu maximal 29 plus Fahrer in einem alten VW-Bus pannenreich transportiert – JA, ich habe es gezählt! Fahrräder also als Antigewalt-Maßnahme, für die Umwelt und für freie Beweglichkeit. Gerade viele Frauen kommen völlig dehydriert bei ihrer Arbeit an, denn da sie bei den 3-4 Stunden Anfahrt nicht aufs Klo können, trinken sie viel zu wenig.

Botanische Pracht in Kinshasa, Foto: c kinsue

Botanische Pracht in Kinshasa, Foto: c kinsue

Claudia: Apropos, das Dehydrieren mal symbolisch gesehen: Kennst du vor Ort dann andere Lesben?

kinsue: Ja, ich kenne eine andere, nicht offen lebende Lesbe. Wir haben persönlich darüber bislang noch nie gesprochen, doch wissen wir voneinander. Ich schätze sie sehr. Sie lebt allein – was für Kongolesinnen noch sehr ungewöhnlich ist. Sie ist eine sehr kluge Frau und wohnt in einem sehr kleinen Zimmer direkt an der Straße. Sie bekam bislang wegen „mangelnder familiärer Bindungen“ kein Besuchsvisum nach Europa! Reisefreiheit ist für viele KongolesInnen noch lange nicht gegeben. Ich hoffe, ich lerne über die ganzen NGOs auch andere Lesben aus verschiedenen Staaten kennen. Ob ich Zugang zu der nicht offenen LGBT-Community in Kinshasa bekomme, weiß ich nicht: malembe, malembe.
Claudia: In welcher Sprache verständigst du dich im Alltag?

kinsue: Ach so, mein größtes Hindernis: Französisch. Das konnte ich bisher kaum. Deshalb habe ich als Vorbereitung nach einem vierwöchigen Superintensivkurs in Frankreich noch sechs Wochen in Bad Honnef bezahlt bekommen. In Kinshasa werde ich berufsbegleitend weiter Französisch haben, dazu Lingala lernen. Bisher habe ich nur schwer Sprachen gelernt. Auch dies ist für mich eine Motivation: meine Sprachbarrieren loszuwerden. Ich bekomme also in diesen sechs Monaten Vorbereitungszeit in meinem „hohen Alter“ noch mal ganz viel und DARF in und mit meinem eigentlichen Beruf etwas Neues anfangen. Das empfinde ich als eine tolle Chance! Ich freue mich auf die Herausforderung, das Leben, die Arbeit. Klar habe auch Ängste und noch sehr viele praktische Dinge zu lösen, bevor ich Ende Juni fliege.

Bonobos bei der Arbeit fürs Reservat, Foto: c kinsue

Bonobos bei der Arbeit fürs Reservat, Foto: c kinsue

In wissenschaftlichen Worten... Foto: c kinsue

In wissenschaftlichen Worten… Foto: c kinsue

Bonobo-Mama mit Jungem, 2006, Foto: c kinsue

Bonobo-Mama mit Jungem, 2006, Foto: c kinsue

Bananenstaude, Foto: c kinsue

Bananenstaude, Foto: c kinsue

Und: Ich freue mich so sehr auf die Bonobos – es ist schwer zu beschreiben.

Claudia: Die Bonobos? Wer sind sie? Jetzt bin ich neugierig!

kinsue: Bonobos sind diejenigen Menschenaffen, die uns am nächsten sind. Sie haben ein spannendes Sozialverhalten und halten sehr zusammen, lösen zum Beispiel Konflikte sofort über Zuneigung und Sexualität, kreuz und quer. Oder eine Bonobo-Mutter schickte ihr Kind über einen Baumstamm regelrecht vor und wartete dahinter mit großem Abstand, damit es alleine übt, doch wenn es in den Teich fällt, holt sie es blitzschnell wieder raus. Vor allem durch den Hunger der Menschen sind Bonobos – wie alle essbaren Tiere – so gut wie ausgerottet. Die Französin Claudine André hat für diese Menschenaffen eine Auffangstation, „Lola Ya Bonobo“, am Rande von Kinshasa aufgebaut, ein riesiges Gelände, wo die vielen Bonobo-Waisenkinder in Einzelbetreuung zunächst aus den größten Traumata herauskommen und aufgepeppelt werden. Die Bonobo-Mutter auf dem Foto (von 2006) hat als erste in dem Gehege Nachwuchs bekommen und lebt noch immer in einem sehr großen Freigehege. 2013 soll endlich die erste Auswilderung passieren, wo Bonobos wirklich geschützt und ganz frei sind. Aber noch immer werden die alten Affen gefangen, sie werden auch für Zoos weltweit und für „Studien“ gefangen.

Claudia: Sag mal, noch was Anderes, Alltäglich Wichtiges in einer großen Stadt: Was für ein Bett wirst du haben?

kinsue: Da fragst Du was! Schlafen immer mit Moskito-Netz und Laken oder Seidendecke wegen der Klimaanlage, in einer möblierten und bewachten Wohnung, die ich mir erst noch suchen muss. Und ich werde eine(n) Hausangestellte(n) haben. Es ist etwas bizarr: Es ist sozial wichtig und nahezu unumgänglich, eine schwarze Person anzustellen. Mit einer/m Angestellten ernährst du halt eine ganze Familie, du hilfst einerseits, aber du stabilisierst damit auch die alten Zustände. Ich werde sehen, wie ich damit zurecht komme.

Claudia: Ich habe vor, mit dir in Kontakt zu bleiben, mal horchen, was du so berichtest.

kinsue: Wird schon gut gehen, ich nehme u.a. Luisa Francias Rat von 1993 mit in meinen Notfallkoffer: „Wenn du also unbekannte Wege gehen willst, eigne dir die Fähigkeiten der Wegkundigen an: Sei scharfsichtig wie die Eule, beobachte aus dem Hintergrund wie die Hüterin der Kreuzwege, entscheide nach deinem Gefühl und nicht nach der stärksten Beeinflussung. Und sei dir klar darüber, dass das Ziel des Weges du selbst bist.“

Kinshasa 5X5 Montage (2004) von Marie-Françoise Plissart, screenshot by unknown, commons.wikimedia.org, Lizenz: Licence Art Libre

Kinshasa 5X5 Montage (2004) von Marie-Françoise Plissart, screenshot by unknown, commons.wikimedia.org, Lizenz: Licence Art Libre

Mal weg von hier, Teil 1, publiziert am 10. April 2013:
http://www.l-talk.de/alltage/mal-weg-von-hier-teil-1.html