Leben bedeutet Veränderung. Manche Lesben bewegen sich dabei selbst. Zum Beispiel nach Kinshasa, der Hauptstadt des riesigen zentralafrikanischen Landes DR Kongo. Teil 1 eines Interviews mit kinsue.

Kinshasa 5X5 Montage (2004) von Marie-Françoise Plissart, screenshot by unknown, commons.wikimedia.org, Lizenz: Licence Art Libre

Kinshasa 5X5 Montage (2004) von Marie-Françoise Plissart, screenshot by unknown, commons.wikimedia.org, Lizenz: Licence Art Libre

Claudia: Ich las, dass du weggehst von hier. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

kinsue: Ich gehe für 3 Jahre als Fachkraft für Entwicklungszusammenarbeit nach Kinshasa/DR Kongo, für Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst (BfdW/EED). Ich hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, ein paar Mal in Kinshasa zu Besuch zu sein, dabei zweimal Kurzzeit-Einsätze in einem Projekt gemacht, also jeweils 5 Tage vor Ort mit Frauen und Männern gearbeitet. Währenddessen habe ich „die Menschen“ ins Herz geschlossen. Nein, nicht alle – es gibt auch sehr unangenehme Männer, Polizisten z.B., und aggressiv bettelnde Jungs.

Claudia: Ach so, Dein Interesse entstand also über persönliche Verbindungen?

kinsue: Ja, trotzdem wäre ich bis März letzten Jahres nicht auf die Idee gekommen, für länger nach Kinshasa zu gehen. Aus privaten wie beruflichen Gründen entstand immer mehr der Gedanke, eine Vorstellung, ein Bild: Ja, es könnte Sinn machen, nach Kinshasa zu gehen. Der ganze Prozess dauerte dann noch Monate – ich habe einfach jeden Schritt weiter gemacht – mit sehr, sehr vielen Ängsten durchmischt.

Claudia: Das klingt mir nach einer wichtigen Entscheidung für dich. Sag, was wird in deinem Leben anders sein als bisher?

Stadtpanorama von Kinshasa, 2007, Foto: c kinsue

Stadtpanorama von Kinshasa, 2007, Foto: by Irene2005 from Cary, North Carolina, USA, commons.wikimedia.org, Lizenz: cc-by-2.0-USA

kinsue: Hihi: Hitze und unerträgliche Schwüle. Die klimatischen Bedingungen – auch Benzinabgase – sind in Kinshasa nahezu unerträglich. Und der Einfluss der katholischen Kirche ist recht groß im Kongo, also auch von daher…. nun, es ist nicht einfach, als Lesbe in „den“ Kongo zu gehen. Gleichzeitig fürchte ich mich nicht. Ich kann/könnte ja meine Identität als Lesbe verstecken/tarnen – was schwarze Menschen hier oder Menschen überall mit sichtbaren Handicaps nicht können. Gerade aus diesem solidarischen Grundverständnis heraus gefällt es mir nicht, mich zu tarnen. Allerdings ist auch klar: in einem Umfeld mit schwarzen Frauen und Männern bin ich immer sichtbar – auch wenn ich mich selber schon nach kurzer Zeit des Zusammenseins mit Schwarzen oft gar nicht mehr als nicht-schwarz wahrnehme. Doch meine Aufgabe ist es, in dem Projekt zu arbeiten und nicht meine Identitätsfahne zu schwingen. Ich lasse es – behutsam – auf mich zukommen.

Claudia: Hast du bestimmte Erwartungen?

kinsue: Was ich „erwarte“, das ist eine schwierige Frage: Die Menschen, die Frauen des YWCA-R.D.C. und eines anderen Projektes (das ich schon kenne), sie WOLLEN etwas, sie BRAUCHEN etwas. Das ist dringlich, braucht gleichzeitig Zeit für die eigene Entwicklung. Für mich macht es Sinn, es gibt mir Energie, diesen Schritt jetzt zu tun. Ein Stück hat dies sicher mit meiner eigenen Biografie zu tun: 1932 ging meine Mutter mit 17 Jahren als Stenotypistin nach Salvador da Bahia/Brasilien. Im Ausland sein hatte immer eine große Bedeutung in unserer Familie, beruflich und privat reisen. Ich bin immer gerne gereist, doch klappte es bisher nie mit einem längeren Auslandsaufenhalt bzw. war ich nie entschieden genug. Jetzt kamen Stelle, emotionales inneres Gefüge, Möglichkeit und Bereitschaft zusammen. Speziell die Entwicklungszusammenarbeit stellt eine große Herausforderung dar. Hierbei mich einzubringen, hineinzuknien, macht einen großen Reiz aus – durch Kurse vieles in der Vorbereitungszeit „erwerbsarbeitsfrei“ dazu lernen zu dürfen ist zudem eine tolle Chance. Natürlich spielen für meine Erwartungen durchaus auch Aspekte wie Natur, Tiere kennenlernen, also Wissensdurst stillen qua Leben in einer fremden Kultur eine große Rolle.

In Kinshasa auf der Straße bei Geschäften, Foto: by Irene2005, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

In Kinshasa auf der Straße bei Geschäften, Foto by Irene2005, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Claudia: „Ausland“ schafft neue Freiräume, auch für Ältere, oder?

kinsue: Naja, ich bin weißhaarig und dort wohl eine „Maman“, da kann ich mir schon etwas mehr „leisten“. Ich glaube bei mir spielten die weißen Haare hier kaum eine Rolle. Manchmal das Ältersein – doch/oder/und: Ich fühle mich in vielen Bereichen wieder jünger, oder auch: klarer, lebendig halt. Ich habe eine erwachsene (Pflege-)Tochter aus der Beziehung mit meiner früheren Lebensgefährtin. Ein Kind zu haben ist moralisch gut angesehen in afrikanischen Ländern, doch die Frage nach dem Vater, weiterer Co-Mutter usw. – ach Du meine Güte. Selbst da werde ich mir was überlegen, denn lügen möchte ich so wenig wie möglich – und gleichzeitig gibt es oft an anderen Punkten eine ganz andere Offenheit als ich sie hier bisher erlebt habe.

Claudia: Was wollen die Frauen, mit denen du zusammen arbeiten wirst?

kinsue: Einige Frauen beim YWCA_R.D.C. kenne und schätze ich sehr. Sie sind sehr aktiv und qualifiziert. Mein erster Arbeitsauftrag lautet: eine Gruppe Trauma-BeraterInnen weiterzubilden in Körper, Bewegung, Tanz, Theater der Unterdrückten, KörperCoaching u.a., die schon von der früheren Fachkraft im Parallelprojekt (Familienzentrum) unterrichtet worden sind. Das beginnt natürlich mit einer Konzeptentwicklung. Dann soll ich ein weiteres Frauenortkonzept mit entwickeln, möglichst umsetzen, aber drei Jahre sind in Kinshasa eine kurze Zeit. Darüber hinaus möchte ich gerne mit Mädchen arbeiten (u.a. WenDo, Ballspiele) und Taiji für Erwachsene anbieten etc. Na, ein Labyrinth wird sicher auch entstehen… Oh ja, wichtig ist, mich nicht zu überfordern und ganz vorne steht, mit der Partnerorganisation, den Beteiligten vor Ort genau abzustimmen, was für sie im Augenblick bedeutsam ist. Als Fachkraft bin ich integriert, das ist Grundlage – auch Herausforderung. Ich bin Gast im Land, gleichzeitig Angestellte. Das Projekt will konkretes Wissen/Fähigkeiten von mir. Wichtig ist also, zunächst ganz viel zuzuhören und zu fragen.

Claudia: Bewegung anleiten auf vielerlei Art, das habe ich mir dir erlebt: freut mich, dass du daran weiterarbeitest!

kinsue: Ja, ich unterrichte für mein Leben gerne – gerade auch mit der Gruppe der KongolesInnen hat mir das super Freude gemacht – vielleicht auch, weil ich ein bisschen etwas weiß von erlebten Traumata, ihren Mut nicht aufzugeben bewundere und wertschätze. Einige in der Gruppe sagten damals, dass sie „kaum etwas von ihrem Körper wissen“. Doch die Lebendigkeit, die für mich oft sehr überraschende Genauigkeit der Wahrnehmung, der Kontakt in der Bewegungsarbeit von Frauen und Männern mit und ohne körperliche Handicaps miteinander hat mich sehr berührt. Wir haben damals täglich „Durch die Welt“ – in kongolesischer Variante! getanzt – allein beim Gedanken daran bekomme ich Freudetränen. Ich war jetzt 5 Jahre nicht in Kinshasa – manches hat sich verändert, anderes nicht. Wie es konkret derzeit dort ist, werde ich erst vor Ort sehen können. Zu Bewegung will ich ergänzen: Für mich werde ich trotz der klimatischen Bedingungen einiges extra tun müssen – speziell meine Beinmuskeln leiden sonst sehr. Als Ex-Leistungssportlerin, die nicht abtrainiert hat, kann ich bei einem Couch-Potato-Wochenende nach wie vor in depressionsnahe Zustände kommen.

Foto: by Rachel Strohm, 2009, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Foto: by Rachel Strohm, 2009, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Claudia: Kannst du dir vorstellen, neue Freiheiten zu entdecken in Kinshasa?

kinsue: Kinshasa, mittlerweile eine Stadt mit über 9 Millionen EinwohnerInnen, ist im Aufbruch, im Umbruch – nach wie vor gibt es sehr viel Armut, Gewalt und Korruption. Die Folgen der belgischen Gewaltherrschaft sind oft noch zu spüren (ein sehr komplexes, kaum zu durchschauendes Thema), ein weiterer männlicher „Bürger“krieg zu Lasten von zunächst Frauen und Kindern kann schnell nach Kinshasa kommen. Da wird es also ein ganz anderes Leben und Arbeiten sein und ständiges Hören auf offizielle Nachrichten und „radio trottoir“. Faktisch habe ich in Deutschland zweifellos mehr Freiheit, Ordnung und Sicherheit – doch mir macht diese Struktur hier, Abbau der Sozialleistungen, oftmals Verrohung von Kommunikation und und… zunehmend mehr aus. Ich möchte jetzt etwas für mich (!) Sinnvolles tun. Allein diese innere Haltung gibt mir mehr Freiheit. Ich habe bereits im Laufe des Prozesses auf meine Entscheidung hin und jetzt in den ersten Vorbereitungskursen Frauen und Männer aus vielen Ländern kennengelernt, neue Blicke, Zusammenhänge, Themen, Standorte. Manchmal schaue ich mir etwas erstaunt selber zu: die spielerische Tiefe, Freude, Weite meiner verwurzelten feministischen Identität kommt wieder mehr heraus. Bin auch sehr gespannt: YWCA ist weltweit die größte Frauenorganisation – die Frauen sind wirklich sehr aktiv in Aktionen und Fortbildungen vor allem in Bezug auf Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Sie haben sich z.B. bei „One Billion Rising“ eingeklinkt. Das gefällt mir gut. Gleichzeitig spüre ich deutlicher meine Verankerung in Deutschland, pflege bewusster meine FreundInnenschaften oder besuche etliche meiner Orte noch einmal. Leben ist so kostbar.

Claudia: Mehr Freiheit durch das Tun von Sinnvollem. So etwa?

kinsue: Ja, etwas Sinnvolles tun und etwas, was ich kann, was ich mich traue. Die Entsendeorganisation ist letztlich „Dienste in Übersee“.

Claudia: Du reist also mit einer und zu einer christlichen Organisation?

kinsue: Ja, doch setzt dies bei mir keine Mitgliedschaft in einer Kirche voraus. Für mich geht es um das Weltbild, die innere Haltung, die Suche, und auch um etwas wie in Rosa Luxemburgs wichtigem Satz „die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Ich finde es nicht einfach auszudrücken: ich bin bewusst 1974 aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Von meinen Eltern, besonders meiner Mutter, habe ich eine frei-reformpädagogisch-evangelische Prägung erfahren, die ich (mit einigen Brüchen in meiner Biographie) in der Grundhaltung nie abschütteln wollte – allerdings einiges Verquastes, auch konkrete schlechte Erfahrungen als junge Erwachsene mit der Institution Kirche (evangelische wie katholische). Heute empfinde ich mich eher als (gibt es das Wort noch?) frauenlesbenidentifiziert-spirituell denn kirch-christlich verbunden – und gehe ab und zu gerne in Kirchen, schätze im Alltag sehr die Arbeit einiger kirchlicher Institutionen. Ich habe mich lange mit Ritualen, rituell-meditativem Tanz, feinstofflicher Energiearbeit beschäftigt – vieles ist Teil meines Alltags und meines Berufes geworden. In den letzten Jahren sind zwei katholische Frauen und ein Seelsorger in mein Leben getreten: Mit dem Seelsorger habe ich 8 Jahre in der Klinik häufig zusammengearbeitet. Er hat mir z.B. für meine Bewerbung beim EED eine wunderbare Referenz geschrieben und mir bei meinem Abschied einen Segen geschenkt. Eine der Frauen ist eine sehr agile franziskanische Ordensschwester, die andere hat u.a. katholische Theologie studiert. Glaube ist etwas sehr Wichtiges für jede von ihnen, beide sind sehr frauenparteilich. Ich bin neugierig, frage viel. Auch diese Freundinnenschaften tragen mich ein Gutteil mit in den Kongo, führen mich zu einer vertiefenden Auseinandersetzung mit meiner eigenen Spiritualität. Das hilft mir, mich konkret in Kinshasa in eine mir fremde Kultur mit vielfältigem Glauben (v.a. katholisch, muslimisch, gemischt mit ureigenen alten Glaubensweisen, hineinzuleben: Wahrnehmen öffnen…- staune eher zunehmend über einige für mich untragbaren Dogmen, mitunter belustigenden Widersprüche im – salopp gesprochen – „Rahmen Kirche“.

Foto: by FredR, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Foto: by FredR, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Um mich in Kinshasa in das soziale Netzwerk zu integrieren, werde ich anfangs recht regelmäßig sonntags in eine Kirche gehen müssen. Dazu habe ich Lust, es ist anders dort. Ich bin gespannt auf die Erfahrungen. Ich mag ja meditieren, singen, rituelles Gestalten… Allerdings werde ich vorsichtig mit gemeinsamen Gebeten bleiben.
Vor allem bin ich neugierig auf die Menschen, die Frauen, die Männer, die Kinder – zunächst die People of Color, doch werde ich auch mit weißen Expats zu tun haben (den Weißen, die von woanders herkommen, so wie ich selbst). Es gibt so viel zu lernen, zu erfahren, und ohne Wertschätzung, neugierige Achtsamkeit, kann nichts Positives entstehen… Doch übersehen kann und werde ich nicht, dass die Pfingstkirchen seit Jahren einen stärkeren Einfluss bekommen. Sie praktizieren u.a. Exorzismus. Eine Folge ist, dass Mädchen/Jungen und Frauen, die in der Armut nicht ernährt werden können, als „Hexen“ körperlich-seelisch grausam misshandelt und dann aus dem Familienbund ausgestoßen werden – vielleicht dann noch flüchten können. Mit diesem sensiblen Problem werde ich auch beruflich konfrontiert sein, denn es geht ja um Traumabewältigung. Es gibt natürlich noch viel mehr Hintergründe. Viele Themen…

Claudia: Kannst du etwas beschreiben, mit welchem Selbstverständnis du diesen Verhältnissen begegnen wirst?

kinsue: Mit einem aufgerichtet-demütigen christlichen als auch daoistischen Diensttun kann ich sehr viel anfangen. Da ist in den letzten rund 9 Jahren in mir viel gewachsen zwischen Arbeit in einer Krebs-Reha-Klinik, Kongo, Taijilernen, dem Tod meiner Mutter, Konflikten in meinem Umfeld, dem Thema Krankheit, nicht zuletzt dem Anschauen von und bewegen in meiner „inneren Landschaft“. Einige Themen haben mich ziemlich durchgerüttelt, so die aktuelle Verortung meiner lesbisch-feministischen Heimat, wie es sich anfühlt, lang getragene Meinungen zu prüfen, inneren Ballast zu lösen, dabei Humor neu zu entfalten. Hinzu kommt sicher eine veränderte Bewusstheit meiner Privilegien. Auch spüre ich viel Wut über viele Zustände hier – beispielsweise beim System der Krankenversorgung, das für mich als darin Handelnde moralisch oft kaum aushaltbar ist. Auch nimmt meines Erachtens die Trennung von Kirche und Staat in Deutschland eher ab. Hier nehme ich – verkürzend – globalisierten Nebel auf vielen Ebenen wahr. In Kinshasa hingegen – durchaus nicht fern der Globalisierung u.a. – geht es oft um das Schaffen elementarer Lebensbedingungen. Für mich ist dort vieles fremd und manches hart. Meine Entscheidung hat viel mit meiner inneren Verbindung mit „dem“ Kongo zu tun. Ich werde viel Chaos, Stress oder Stromausfälle erleben, doch ich freue mich auf die Begegnungen, das Arbeiten miteinander: Das ist es! Und sowohl mit der YWCA als NGO als auch mit Brot für die Welt/EED als Trägerin fühle ich mich ethisch in Bezug auf Entwicklungszusammenarbeit wohl.

Möbelgeschäfte, Foto by Irene2005, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Möbelgeschäfte, Foto by Irene2005, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Claudia: Wessen Ideen fühlst du dich dabei verbunden?

kinsue: Wichtige Begleiterinnen mit ihren Werken und Lebenswegen sind für mich seit Jahrzehnten Audre Lorde, Adrienne Rich, Christa Reinig, Tina Thürmer-Rohr und, durch den Film aktualisiert in Kopf und Bauch herausgefordert mit der Frage nach der „Banalität des Bösen“: Hannah Ahrendt. Auch trage ich Ute Schirans „Menschenfrauen fliegen wieder“ oft bei mir. Im traumatherapeutischen Bereich sind u.a. Louise Reddemanns Bücher eine wichtige Stütze und achtsame Hinweisgeberin. Ein mich derzeit oft tragender Satz Hilde Domins ist: „Ich setzte den Fuss in die Luft und sie trug.“

Claudia: Gibt es etwas, wovon du dich jetzt erstmal verabschiedest für die nächsten drei Jahre?

kinsue: Ja, meine hier gelebten FrauenLesbenzusammenhänge, kein Frauenmusikfestival dieses Jahr, mal eben an Nord- oder Ostsee reisen zu können, dort Rad fahren und schwimmen können – oder Frühling, Schnee, klassische Musik… ach je. Doch ich freue ich mich z.B. sehr auf die existierende Gruppe „Kinshasa Symphonie“ (einige haben sicher den Film gesehen). Ich habe einfach vor einigen Jahren angefangen, nach meiner Aufgabe, meinem Platz im Jetzt neu zu fragen. Ich hatte – und habe als Sonderurlaub – eine sehr gute Stelle. Letztes Jahr öffnete sich die Tür Kin. Der Prozess hat durchaus in mir sehr viel Angst ausgelöst. Natürlich war dabei eine tragende Frage: wirklich die Bequemlichkeit und örtlich nahen Zusammenhänge verlassen? Einige Freundinnen fanden mich mit 58 Jahren zu alt für so ein Projekt. Letztlich hat sich ein lachend-stockschwingendes Ich durchgesetzt: wenn ich mit 58 schon SO denke, wie soll ich mich von dem Lebensmut meiner Mutter, die mit fast 92 sehr rege starb, die nächsten 30 Jahre nähren?! In dem Ausreisekurs, den ich gerade absolviert habe, war der jüngste Teilnehmer 50. Wir waren zweifellos eine außergewöhnlich „alte Gruppe“, die anderen für mich glücklicherweise schon öfter „draußen“. So konnte ich als Neue in der Entwicklungszusammenarbeit sehr profitieren – gemeinsam teilen wir ein Privileg: so entscheiden zu dürfen und es zu können. Alles wirkend Kostbare bleibt auch in der Ferne verbunden.

Mal weg von hier, Teil 2, publiziert am 3. Juli 2013:
http://www.l-talk.de/alltage/mal-weg-von-hier-teil-2.html