lesbisch, feministisch, links? Das war einmal. Inzwischen sind Lesben in der politischen Mitte … angekommen? Eher gelandet, manche durchaus unfreiwillig und andere immer noch paralysiert vom Mainstream-Schock.

In Deutschland war es die eingetragene Lebenspartnerschaft, vor der Urmütter der neue FrauenLesbenbewegungen gewarnt hatten, nach außen wie nach innen: Allzu diffizil schien es damals – und wurde es in der Praxis – zu erklären, dass es zwar eine Homo-Ehe gibt, aber nur mit gleichen Pflichten, nicht mit gleichen Rechten. Die Vorstellung, dass etwas, und sei es nur in der Umgangssprache, Ehe heißt, aber maximal Ehe light ist, widerspricht bürgerlichem deutschem Rechtsempfinden so sehr, dass notwendige Erläuterungen nicht selten in eine Mischung aus staatsbürgerkundlichen Belehrungen und verzweifelten „wenn ich’s doch sage“-Rufen münden. Und was die Folgen in lesbische Szenen hinein betrifft: Mal im Ernst, wer bringt es schon fertig, dem frisch verpartnert-getrauten Paar mitzuteilen, dass sie zum einen nur 2. Klasse-verheiratet sind und zum anderen gerade die Bewegung verraten haben? Na gut, die eine oder andere findet sich sicher auch hierfür.

Wer in lesbischen Zusammenhängen mit Medien zu tun hat, weiß: Seit einigen Jahren gibt es einen regelrechten Hype auf lesbische Paare mit Kindern. Die Anfragen aus (konservativen) Redaktionen, man möge ihnen bitte, bitte, doch das eine oder andere Paar nennen, über die sie eine Homestory, möglichst samt Kita-Besuch, drucken oder senden können, kommen regelmäßig und mit steigender Verzweiflung. Lesben sind im Mainstream, wenn sie so normal wie möglich sind: verliebt, verlobt, verheiratet (so gut es geht) und, ganz Frauen, bekindert. Die Freude über diese Vereinnahmung hält sich in Grenzen.

Bürgerliche Umarmung

Andere Länder, andere Sitten. Während Deutschland sich hinter seiner fast-Ehe versteckt, zu der die Paare ein Recht ums andere durch die Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht und wieder zurück einklagen müssen, finden sich andernorts Lesben von bürgerlichen Regierungen umarmt und getragen:

„Ich bin so froh, dass wir nun Lebenspartnerschaften haben,“

schrieb der konservative britische Premierminister auf Frage von Pink News.uk.

„Sie haben dazu beigetragen, Diskriminierung zu verringern und haben schwulen und lesbischen [Anm.: orig. „gay“] Menschen die Rechte gegeben, die ihnen zustehen. Ich bin offen dafür, die Dinge weiter zu verändern, um Gleichstellung zu gewährleisten.“

Das war im September.

Zwei Monate später wurde Ruth Davidson die neue Vorsitzende von Schottlands Konservativen. Britischen Medien zufolge war sie Premier Camerons Favoritin. Sie ist knapp 33 und war vor ihrem Einstieg in die Politik Berufsoffizierin, Kickboxerin und Journalistin, unter anderem beim Staatssender BBC – und sie lebt in Partnerschaft mit einer Frau.

In Schweden wurde die Lebenspartnerschaft vor zwei Jahren zur Ehe erweitert – mit stillschweigendem Einverständnis der konservativen Regierung, die durch ihre Freigabe der Abstimmung im schwedischen Reichstag gleich beide Flügel bedienten: Neoliberale Eheöffner ebenso wie konservative Heterozentristen. Lesben und Schwule wurden bei diesen politischen Ränkeschmieden durchaus schon mal zur politschen Manövriermasse:

„Christdemokraten haben überproportional große Macht über die Situation von LGBT Personen und es ist deutlich, dass wir eine Gruppe sind, deren Rechte die übrigen Parteien sich immer und immer wieder abverhandeln lassen“,

sagte Ulrika Westerlund, die Sprecherin des schwedischen LGBT Bürgerrechtsverbands RFSL damals.

Spanien ließ seinerzeit das Institut der Lebenspartnerschaft sogar ganz aus und stieg sofort in die Öffnung der Ehe ein – mit dem Vorteil, nur eine Protestwelle von katholischer Seite zu haben statt zwei und der Folge, dass es für Lesben und Schwule noch schwerer geworden ist, Diskriminierung klar zu benennen. Das spanische Vorgehen steht kaum für moderne Antidiskriminierungspolitik, im Gegenteil: Als eine Freundin in den wilden 1970ern mit Töchtern und italienischer Partnerin in deren Heimatdorf auswanderte, war die größte Sorge des Bürgermeisters, für die Frauen eine Heiratserlaubnis zu bekommen, damit alles seine katholische Ordnung hat. Für das Dorf war das damals keine Frage  persönlicher Anerkennung oder gar revolutionären Aufbegehrens, sondern es war eine Frage der Einpassung – auch um den Preis der Veränderung des herrschenden Systems.

Bürgerrechte sind nicht links

Nein, Bürgerrechte sind nicht per se links, und Linke stehen ebensowenig per se für lesbisch-feministisches Empowerment und Gleichstellung – mitunter sogar im Gegenteil, wie der eine oder andere Blick beispielsweise zur Occupy-Bewegung, zu den links-politischen Strömungen innerhalb der Piraten, zu den in Wohlfahrtsverbänden und Institutionen etablierten Alt-Linken, zu Alt-68er Vertretern der Sozialdemokratie zeigt. Gar nicht selten verströmen die Herren ein Höchstmaß großzügiger Toleranz und vermitteln damit doch nur, dass sie sich für besonders fortschrittlich halten, weil sie Homos fast behandeln wie normale Menschen.

Da ist die konservative Mitte schon weiter – aber: wollten wir das überhaupt? Und was ist der Preis? Kostenlos gibt es bei Neoliberalen nämlich nichts.

Lesbischer Feminismus – Speerspitze des Neoliberalismus?

In einem etwas verstörenden Beitrag stellte Nancy Fraser 2009 die Frage, ob die Neue Frauenbewegung wohlmöglich (unbeabsichtigt) eine Allianz mit dem Neoliberalismus eingegangen sei:

„War es bloßer Zufall, dass Neue Frauenbewegung und Neoliberalismus gleichzeitig, sozusagen als Tandem, in Erscheinung traten und gediehen? Oder gab es zwischen ihnen so etwas wie eine unappetitliche, untergründige Wahlverwandtschaft? Diese zweite Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen, ist Ketzerei, gewiss, aber wir schaden uns nur selbst, wenn wir versäumen, ihr nachzugehen.“

Fraser schreibt, dass der Kapitalismus in Umbruchphasen immer Elemente antikapitalistischer Kritik aufnimmt, um sich zu erneuern. In solchen Phasen kommt es zu einer Umdeutung kritischer Elemente, die in die Neugestaltung eingehen – wie der Wandel vom streng hierarchischen Arbeitssystem hin zu horizontalen Strukturen mit ausgeprägter Partizipations- und Diskussionsstruktur, wie sie für IT-Firmen üblich sind.

Vom Lesbenfrühlingstreffen über die FDP in die Führungszirkel von Google?

Gerechtigkeitsforderungen veränderten sich in der Frauenbewegung, schreibt Fraser, von – und spätestens hier gibt es eine große Parallele zur FrauenLesbenBewegung – der Umverteilung hin zur Anerkennung von Identität und kultureller Differenz. Das geschah ausgerechnet in einer Zeit, in der politische Umbrüche radikale Kapitalismuskritik erfordert hätten.

Nun war kaum eine Bewegung aktiver in der Formulierung immer neuer Identitätsfragen als die FrauenLesbenbewegung in all ihren Phasen – und kaum einer ist es gelungen, darüber die großen ökonomischen Themen konsequenter aus den Augen zu verlieren. Beispiele gibt es genügend, aber: Wertlos sind die Zeiten der Identitätskämpfe, der Anerkennungspolitiken, der Orientierung auf Nicht-Regierungs-Organisationen deshalb noch lange nicht, im Gegenteil.

„Meine Schlussfolgerung“,

schreibt Fraser,

„geht vielmehr dahin, dass wir, die den Feminismus vor allem als eine Bewegung für Geschlechtergerechtigkeit verstehen, uns unserer Geschichte bewusster werden müssen, seit auf dem Terrain, auf dem wir uns bewegen, auch unser unheimliches Double agiert.“

Je mehr Identität, desto weniger Revolution

Es ist also kein Wunder, dass die Anerkennungspolitiken, die auch für große Teile der FrauenLesbenBewegungen aus den letzten Jahren im Zentrum standen, besonders in liberal-konservativen Kreisen Früchte getragen haben. Die Öffnung der Ehe, mit allem Gezicke, das dafür in die konservativen Szenen hinein offenbar nötig ist, die Etablierung auch lesbischer bürgerlicher Vorbilder, das sichtbare Interesse an lesbischen bürgerlichen Lebensweisen, sind Zeichen für die Wandlungsfähigkeit kapitalistischer Gesellschaftssysteme. Vielfalt mag ein emanzipatorisches Ziel sein – im kapitalistischen Kontext bewirkt Diversity Management bessere Verwertbarkeit von Arbeitskraft bei gleichzeitiger Erweiterung der Absatzmärkte.

Das muss nicht schlimm sein, wenn es gelingt, die Hoheit über die eigenen emanzipatorischen Ziele zurückzugewinnen. Die italienischen Freundinnen blieben damals, 197*, übrigens unverheiratet und wild, aber eine kleine Veränderung im Dorf blieb ebenfalls, eine Verwerfung im geraden traditionellen Weg. Und letztlich ist es dann die feministische, die lesbisch-feministische Wildheit und Widerständigkeit, die 2010 auch zum Berliner CSD führt, auf dem Judith Butler überraschend den Zivilcouragepreis ausschlägt. Da ging es um die Verweigerung von Verwertungslogiken und um die Weigerung, sich vereinnahmen zu lassen. Sternstunden.

Lesbische Feministinnen können nämlich doch alles haben: Identitätsdiskurse UND Kapitalismuskritik UND ein lesbisch-feministisches Kontinuum.

Links und Quellen:

  • James Park: UK equalities minister Lynne Featherstone officially announces gay marriage policy, pinknews.co.uk, 17. September 2011
  • L-talk: Eherecht in Schweden beschlossen, l-talk.de, 17. Februar 2009
  • L-talk: Judith Butler: CSD nicht antikapitalistisch genug, l-talk.de, 20. Juni 2010
  • Nancy Fraser: Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2009, S. 43ff