Viel Sonne und Meer, Toskana, Tralala und Homophobie, steile Berge, große Städte und politische Talfahrten – was sollte eine da lesen bezüglich Lesben in Italien? Natürlich Liebesbriefe.

1908 fand der erste italienische Frauenkongress in Rom statt, organisiert vom Bund der italienischen Frauenvereine („Consiglio Nazionale delle Donne Italiane“), dem zu dieser Zeit etwa 100 Vereine angehörten. Eingeladen ist auch Sibilla Aleramo (1876-1960), die 32-jährige Autorin von ‚Una donna‘ (‚Eine Frau‘), dem ersten feministischen Roman in Italien (1906, auf Spanisch publiziert 1907, auf Schwedisch, Englisch, Französisch und Deutsch schon 1908).

Sibilla Aleramos Tagebücher erscheinen 1940 / 1945 und 1981 dann eine Biografie mit unveröffentlichten Briefen („Sibilla Aleramo e il suo tempo“).

Sibilla Aleramo (1917), Foto von Mario Nunes Vais (Wikimedia Commons)

Die Begegnung

Beim Frauenkongress in Rom, schreibt Sibilla Aleramo in der Rückschau, „begegnet mir eines Tages eine außergewöhnliche menschliche Gestalt, die mich grüßt.“ Sie fragt sich, ob sie in ihrem Gegenüber ungelebte eigene Aspekte aus ihrer Teenie-Zeit erkennt: „Ist es diese nostalgische Wunde, die mich hinzieht zu dieser männlichen jungen Frau? Sie betrachtet mich und sagt, sie habe mich gesucht und erwartet, sie biete mir ihr Leben an… Was verbirgt sich hinter ihrer Erscheinung?“

Lina Poletti (1885-1971) ist aus Ravenna, wo Sibilla Aleramo sie im Sommer 1908 besucht. Sibilla liebt an Lina „die Jugendlichkeit der beschwingt herzlichen Stimme, die reinen Hände voller Blumen… und ich küsse sie auf den Mund, an einem reinen, sonnigen Morgen. Ihr Mund hatte schon von Liebe gesprochen, meiner leicht und sachte in diesem Kuss, von einer Liebe noch voller geflügelter Träume. Und ich spüre, wie ihre Lippen zittern. Auch in mir regt sich ein Schauder. Ich schließe die Augen: regt sich in mir die Erinnerung an andere Küsse? Und eine Vorahnung auf jene, die sie mir noch nicht gegeben hat? … erneut küssen wir uns und Heftigkeit und Leidenschaft vermischen sich in unseren Herzen und lassen nach. Es ist in ihren Augen etwas Trübes. Meine ganze Seele wird eingenommen von einem wilden Schrecken, der vage und unendlich ist.“

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Lina Poletti an Sibilla Aleramo

Lina Poletti schreibt an Sibilla Aleramo am 8. März 1909: „Ich habe einen furchtbaren Tumult in der Seele … aber ich liebe dich und ich trage dich mit mir am weiten Busen unserer gemeinsamen Mutter, der heiligen Natur, von der kommend ich unverfälscht rebelliere gegen die Gesellschaft der Männer, ich trage dich mit mir in meiner Verachtung und meiner Wut, weit, weit, Sibilla, immer weiter… Schon binnen einiger Tage hast du dich meiner bemächtigt, und du sitzt jetzt in der Mitte meines Herzens, wo meine Mutter und mein Gemahl ihren Platz haben, meine liebe Erobererin… Für dich meine Blumen, für dich meine Arbeit … und ich küsse deine Hände in hingebungsvollem Respekt, umkränze deine Stirn mit Rosen und erflehe von der Sonne für dich die Wärme des Ruhmes.“

Sibilla Aleramo an Lina Poletti

Im November 1909 schreibt Sibilla Lina von einem wundersamen Traum: „Lina, meine liebe Lina, beginnt für meinen Geist ein neues Leben? Ich habe bisher noch nie übernatürliche Empfindungen gehabt. Ich bin etwas bestürzt.“ Und später: „Du bist die erste Frau, die ich liebe.“

Lina, Elenonora Duse und Sibilla

Lina Poletti wendet sich von Sibilla Aleramo ab, weil sie Angst um Sibillas Seelenruhe hat. „Wir bringen sie noch um“, schreibt sie an deren Freund Giovanni Cena, von dem sich Sibilla im Jahr zuvor getrennt zu haben glaubte, den sie aber dennoch ebenfalls liebte.

Nach 1910 verlieren sich die Spuren von Lina Poletti in dieser Brief-Biografie von Sibilla Aleramo, aber in ihrer schriftstellerischen Arbeit bleibt Sibilla der Begegnung treu: 1919 erscheint ‚Il Passaggio‘, deren Abschnitt ‚La Favola‘ von ihrer Liebe zu Lina inspiriert ist.

1909 lernt Lina Poletti die 27 Jahre ältere Schauspielerin Eleonora Duse (1858-1924) kennen und lieben. Zwei Jahre leben sie zusammen in Florenz, dann trennt sich Lina von Eleonora.

‚Die Duse‘ wiederum, die ungeschminkte Revolutionärin der Darstellungskunst, wird 1922 ein Liebesgedicht an die 14 Jahre jüngere und inzwischen berühmte Feministin Sibilla Aleramo schreiben, das endet mit: „… ich liebe das Licht, das in Ihnen ist.“

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Über Lina Poletti wird noch mehr zu sagen sein. (Fortsetzung folgt)

Links und Quellen: