Ahh, heute war vom Kopf her der stressigste Tag.

Es ging gleich um 9 Uhr heftig los mit dem Workshop „Queer-feministisch vs. Lesbisch-separatistisch

Hierbei handelte es sich nicht um einen Vortrag, sondern eher um eine Diskussionsrunde. Die Referentin bat uns 12 Frauen zunächst, uns entlang einer imaginären Linie zwischen den beiden Extremen queer-feministisch und lesbisch-separatistisch zu positionieren und dann noch mal entlang einer gedachten Linie des Alters.

Das Ergebnis war für uns alle doch überraschend. Die Verteilung nach Ersterem stand nicht wirklich im Verhältnis zum Zweiten. Nicht alle Jüngeren waren eher bei queer-feministisch zu finden und nicht alle Älteren bei lesbisch-separatistisch.

In der anschließenden Diskussion stellte sich rasch heraus, dass fast alle Anwesenden Schwierigkeiten mit dem queeren Ansatz hatten, aber darum rangen, diese Idee zu verstehen, positive Ansätze darin zu sehen und die „Abschaffung der Geschlechter“ als Fernziel zu akzeptieren. Doch die meisten waren der Überzeugung, dass Theorie und Praxis hier weit auseinander klaffen und es im täglichen Leben oft einfach nicht hilfreich ist.

Eine Frau aus Wien (es waren insgesamt 5 Österreicherinnen und eine in Italien lebende Lesbe da) betonte zum Beispiel, dass sie es für enorm wichtig hält, dass es Frauenräume gibt. Denn diese Räume ermöglichen es Frauen, sich zu entfalten und sich geschützt zu fühlen.

Wir haben uns ganz intensiv mit unseren eigenen Vorstellungen, Vorteilen und auch Vorurteilen gegenüber den beiden Extrempositionen auseinandergesetzt. Dabei war es den Frauen auch wichtig, dass die lesbischen Interessen in der ganzen Queerdiskussion nicht untergehen. Es ergab sich auch die Frage, warum sich ausgerechnet die Lesben so mit der Aufhebung der Geschlechter befassen sollen. Im Idealfall haben sie doch die Geschlechterkategorien bereits gesprengt. Wäre die ganze Queer-Frage nicht eher ein Thema mit dem sich Heterosexuelle mehr beschäftigen sollten?
Beantwortet wurde die Frage nicht.

Anschließend war Mittelplenum angesagt.

Hatte ich schon berichtet, dass Beschlüsse, die beim Abschlussplenum abgestimmt werden sollen, jetzt zunächst beim Mittelplenum vorgestellt und diskutiert werden müssen? Wenn nicht, habe ich es jetzt geschrieben, wenn ja, habt Ihr bis hierhin doppelt gelesen. Kann passieren.

(Zunächst sollte noch kurz Lob und Kritik ans Orga-Team weitergegeben werden, damit evtl. noch Verbesserungen vorgenommen werden können. Es gab aber keine Kritik, dafür Lob für die schöne Atmosphäre.)

Der Antrag der gestellt wurde, war, dass die christlichen Lesben sich wünschten, dass auf den LFTs immer die Möglichkeit eingeräumt würde, einen Gottesdienst abhalten zu können, auf den dann auch im Programmheft hingewiesen wird.

Es hatte in den vergangen Jahren wohl immer einen Gottesdienst gegeben, der auch im Programmheft stand (weiß ich nicht, habe ich nicht drauf geachtet).

Die Hamburgerinnen hatten entschieden, dass sie die Ankündigung für einen Gottesdienst nicht ins Heft nehmen wollten, da sich die Mehrheit der Orga-Gruppe für das Tagesprogramm sich dafür nicht interessierte und einige aus dem Team es sogar ablehnten, darauf im Heft hinzuweisen.

Es entspann sich dann eine heftige Diskussion unter den anwesenden Lesben, ob ein Gottesdienst offizieller Bestandteil des LFT sein sollte oder nicht. Schließlich handelt es sich beim Christentum immer noch um eine patriarchale Religionsgemeinschaft, die zum größten Teil Lesben unterdrückt, verbietet, diskriminiert.
Ich bin mal wirklich gespannt, wie diese Angelegenheit morgen ausgeht!

Danach ging es gleich weiter im Programm und zwar mit dem Thema Out in Politik und Öffentlichkeit – Sichtbarkeit von Lesben stärken.

Geleitet wurde diese Diskussionsrunde von Anja Kofbinger, MdA, Uta Kehr von der Hirschfeld-Eddy-Stiftung und Renate Rampf vom LSVD. (Die hatte gleich ein Fähnchen mit dem Logo des LSVD an einem Tisch aufgehängt, setzte sich dann aber geschickterweise im Verlauf der Diskussion selbst davor, he, he).

Kofbinger erzählte zunächst, dass es im Berliner Senat durch aus einige Lesben gibt, geoutet ist aber nur eine, nämlich sie. Außerdem gäbe es 7 Schwule, die offen leben. Und das in einer Stadt wie Berlin, die doch als Hochburg für Lesben und Schwule gilt und trotz eines schwulen Bürgermeisters! Sie bedauerte dabei am meisten, dass Lesben so nicht zu einer Normalität in der Öffentlichkeit werden, sie sind eine Ausnahme.

Es kamen dann verschiedene Fragen auf, z..B.

  • was ist Öffentlichkeit?
  • Betrifft das nur sogenannte „Berühmtheiten“?
  • Inwiefern treten wir selbst in der Öffentlichkeit auf?
  • Befördert das Verschweigen des Lesbisch-seins, das Vorurteil, das sei etwas Schlechtes?
  • Kann Lesbisch-sein als politischer Begriff gesehen werden oder handelt es sich hierbei um eine private Angelegenheit?
  • Ist das im Schrank bleiben nicht auch ein Zeichen der eigenen Angst und Homophobie?
  • Gibt es etwas zu sagen zum  lesbischen Leben?
  • Sollten alle Lesben, die geoutet sind, zu lesbischen Fragen Stellung nehmen?
  • Ist es nicht wichtig, dass lesbenspezifische Themen von kompetenten Lesben in die Öffentlichkeit getragen werden?

Schlussfolgerungen, zu denen wir kamen:

Es kann nicht die EINE lesbische Repräsentanz geben. Wenn ich will, dass die Themen, die mich interessieren, beschäftigen, betreffen, in der Öffentlichkeit behandelt werden, und es mir nicht gefällt, wie andere das machen, muss ich schon selbst den Mund aufmachen.

Und wenn wir nicht in die Öffentlichkeit gehen, werden wir auch nicht gesehen und auch nicht beachtet.

Plädoyer an alle: macht Euch bekannter, stellt Euch in die Öffentlichkeit, damit nicht immer nur dieselben drei Lesben in Deutschland gefragt werden, was wir denn jetzt wollen!

Um 14.30 Uhr sind wir dann zur Podiumsdiskussion „Zwischen Hamburg und Südafrika“ gegangen.

Auf dem Podium saßen:

  • Shadi Amin, Exiliranerin, Aktivistin, Journalistin
  • Blanca Diaz, Spanierin, Mitfrau „Mujeres sin Fronteras“
  • Mónica Lastra, Buenos Aires/Argentinien
  • Hanna Lindenberg, Berlin, nach 22 Jahren in Wales
  • Phumi Mtetwa, Johannesburg/Südafrika

Moderation: Kathrin Jäger-Matz, Hamburg, Journalistin

Kathrin stellte die Frauen auf dem Podium vor und bat sie dann, von sich selbst und ihrer Arbeit zu berichten.
Blanca und Hanna erzählten allerdings nicht viel. Denn sie als Europäerinnen haben doch viel weniger Probleme aufgrund ihres lesbischen Lebens als die anderen Frauen.

Interessant bei Blanca war wieder das Phänomen, dass das von der Regierung erlassene Gesetz der völligen Gleichstellung homosexueller Beziehungen mit der Ehe noch lange nicht dazu führt, dass Lesben und Schwule in der Gesellschaft mehr akzeptiert und nicht diskriminiert werden.

Mónica hat lange Zeit in Hamburg gelebt und ist vor ein paar Jahren wieder zurück nach Buenos Aires gezogen. Als sie damals in Deutschland ankam, hatte sie das Gefühl, es gäbe zwei Mónicas: die Lesbe, die endlich frei und offen leben konnte, und die Migrantin, die Schwierigkeiten aufgrund ihrer Herkunft hatte. Das letztere überwog dann schließlich doch, und sie ging zurück nach Argentinien.

Sie berichtete, dass das lesbische Leben in Argentinien fast ausschließlich im Internet stattfindet. Dort gibt es Blogs, Diskussionen, Chats, etc., die sich mit lesbischen Themen befassen, die in der Welt außerhalb des Netzes nicht stattfinden. Lesben sind unsichtbar.

Im letzten Jahr hat zum ersten Mal überhaupt ein Lesbenwagen am CSD teilgenommen. Schwule hingegen sind viel sichtbarer. Während die Frauen im Hintergrund die Arbeit machen, werden sie wahrgenommen.

Shadi setzt sich für die Rechte von Lesben und Frauen aus dem Iran ein und steht auch im engen Kontakt via Internet mit Frauen im Iran. Nachdem sie aufgrund ihrer politischen Arbeit verhaftet wurde, flüchtete sie nach Deutschland. Hier war sie längere Zeit mit einem Mann zusammen und empfand Lesben als ekelhaft. Sie hatte die Ablehnung allen Lesbischen so stark verinnerlicht, dass sie sich selbst so verhielt. Allmählich aber war sie in der Lage, sich mit diesem Teil ihrer selbst wieder auszusöhnen.

Sie ist empört darüber, dass in Medien der Iran als „Paradies für Transsexuelle“ dargestellt wird. Die Zwangsumoperationen von Homosexuellen zwecks „Heilung“ ihrer Perversion wird vom Staat bezahlt, Transsexuelle aus anderen Ländern würden das wohl ausnutzen. Die Gewalt, die dabei Lesben und Schwulen angetan wird, wird mal wieder übersehen.

Phumi berichtete kurz davon, dass sie für einige Jahre nach Ecuador gegangen ist, um sich dort politisch zu engagieren. Leider war keine Zeit mehr für ausführlichere Informationen hierzu, da die Zeit knapp wurde. Es wurde aber vorgeschlagen, ihren Vortrag sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch auf den Seiten des LFTs zu veröffentlichen. Mal gucken, ob das klappt.

Es kamen dann noch einige Fragen aus dem Publikum an die Frauen, vorwiegend an Phumi und Shadi. So unter anderem danach, was wir tun können. Phumi antwortete, dass es am wichtigsten ist, dass die Auseinandersetzung auf Augenhöhe stattfindet, dass die betroffenen Lesben/Frauen gefragt werden, was sie von uns brauchen und dass am besten Migrantinnen hierzulande unterstützt werden sollten, anstatt wild an Organisationen im Ausland zu spenden, was diese nämlich durchaus in Schwierigkeiten bringen kann, z.B. im Iran den Vorwurf des Einflusses durch den amerikanischen Imperialismus.

Bei den letzten drei Veranstaltungen waren Schatzi und ich zusammen. Heute morgen war sie hier und berichtet:

„Bewegungen in der lesbischen Szene in St. Petersburg“ mit Polina Korchagina und Tatiana Lehatkova

Zwei junge Lesben aus St. Petersburg berichteten über die Situation in ihrer Stadt, der – wie sie sagen – liberalsten Russlands.

Bis 1993 mussten homosexuelle Männer mit 3-5 Jahren Gefängnis rechnen, Lesben mit Psychiatrie. Nach einer Umfrage von 2007 lehnen 47% aller RussInnen Lesben und Schwule ab, 87% kennen keine homosexuelle Person, 77% lehnen den GayPride ab. Die Homophobie in der russ. Bevölkerung hat sich seitdem eher verstärkt.

Es gibt in St. Petersburg 4 LGBT-Organisationen, u.a. „Gender L“ – eine lesbisch-feministische Organisation, die sich mit Bildung und Forschung beschäftigt. Seit 2005 gibt es jährlich die „Week against Homophobia“, seit 2008 den „Day of Silence“, seit 2009 das „International Queer Culture Festival“. Die durchschnittliche TeilnehmerInnenzahl liegt zwischen 50 und 300 pro Veranstaltung.

2009 nahmen 50 LGBTs erstmals am „March against Hate“ teil. Dies ist eine genehmigte und geschützte Menschenrechtsdemo. Die Teilnahme gilt als Meilenstein für die LGBT-Bewegung in St. P. Leider sind auch viele MenschenrechtsaktivistInnen homophob.

LGBT-Veranstaltungen werden oft von Nazis bedroht, von der Polizei nicht geschützt oder sogar drangsaliert. Es wurde aber auch von vereinzelten positiven Kontakten zu Behörden berichtet. Es gibt in Russland 30 sogenannte Rainbow-Städte – Kommunen mit LGBT-Aktivitäten.

Der Vortrag war sehr informativ und mit ca. 25-30 Lesben für Samstagmorgen um 9.00 Uhr auch recht gut besucht. Auch die Moderation durch Orga-Teamfrau Claudia war sehr gut.

Wir könnten noch stundenlang weiter erzählen, aber der Beitrag ist jetzt schon extrem lang.

Deshalb höre ich jetzt lieber auf.

Morgen ist noch Abschlussplenum und dann war’s das schon wieder mit LFT.

Der Bericht folgt dann morgen abend, wenn wir wieder zuhause sind.