Schweden ist ein mittelgroßes Land im Norden mit einer kleinen Bevölkerung von nur 9,1 Mio. Einwohnerinnen und Einwohnern. Es ist bekannt für Offenheit in Fragen sexueller Selbstbestimmung – außerdem für ausschweifende Mittsommerfeste, die besten Zimtkringel der Welt und Wälder, Wälder, Wälder.

Lesbisches Leben in Schweden gab es sicher immer schon, genauso wie woanders. Schwedische Wikingerinnen, die Warägerinnen, könnten vermutlich auch etwas darüber erzählen. Aber überliefert sind Geschichten über lesbisches Leben in Schweden ebenso wie in anderen Ländern vor allem aus zwei, drei Gründen:

  • die Frauen waren sehr berühmt zu ihrer Zeit – so berühmt, dass Diskriminierung und Verfolgung ihnen nichts anhaben konnten
  • es gibt Gerichtsakten zu einem Strafprozess
  • es gibt Militärakten

Königin Kristina (auch: Christina von Schweden) (1626-1689; Regierungszeit 1632-1654) ist die am besten bekannte lesbische Frau der frühen Neuzeit. Sie soll, das ist umfangreich dokumentiert, eine Beziehung mit ihrer Zofe Ebba Sparre (1626 – 1662) gehabt haben. Berühmt wurde Kristina auch durch den Hollywood-Streifen „Queen Christina“ von 1933, mit Greta Garbo in der Titelrolle.

Kristina (Christina von Schweden) wurde am 18. Dezember 1626 in Stockholm geboren. Sie war von 1632 bis 1654 Königin von Schweden.

Lespress schrieb 2003 über die Königin:

„Ungewöhnlich waren zum Beispiel ihr Aussehen und ihre Gestalt. Christina mit ihrer tiefen Stimme, die sich gerne schlicht, fast männlich kleidete, wurde geschmäht, sie sei ein Zwitterwesen, also geschlechtlich nicht zuzuordnen. (Nach ihrem Tod wurde ihr Körper daher gleich zwei Mal obduziert, um festzustellen, dass „keinerlei Abnormitäten“ zu finden waren). Eine Cousine Ludwigs XIV. zum Beispiel hielt Christina für einen „verführerischen, hübschen Knaben“.
Überlieferter Klatsch wie dieser lassen ahnen, dass auch Christinas Privatleben von der zeitgenössischen Gesellschaft argwöhnisch beäugt wurde. Christina vertrat die Maxime: „Die Leidenschaften sind das Salz des Lebens, wir sind glücklich oder unglücklich je nach ihrer Heftigkeit.“ Nachdem dies öffentlich geworden war, verbreitete sich schnell die allgemeine Annahme, dass die Schwedin „unersättlich“ und ständig auf der Suche nach neuen Sexualpartnern sei. Es ist überliefert, dass unter diesen auch viele Frauen waren. Vor allem Christinas langjährige (1644-62) Liebschaft mit ihrer Hofdame Ebba Sparre, die erst mit deren Tod ein Ende fand, war Christinas Zeitgenossen durchaus in Erinnerung geblieben. Die zahlreichen gleichgeschlechtlichen (und durchaus auch gegengeschlechtlichen) Affären der ehemaligen Königin sind in zeitnahen Quellen gut dokumentiert.“

Zum ganzen Artikel: http://www.lespress.de/012003/texte012003/zeitreise012003.html

In Köln gibt es einen nach Kristina von Schweden benannten eingetragenen Verein Königin-Christine-Gesellschaft. Zweck des Vereins ist die Förderung der Wissenschaft sowie der Bildung und Erziehung; Forschung zu schwul-lesbischen Themen zu fördern und die Allgemeinheit über wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Homosexualität in den Medien aufzuklären.

Es gibt weitere historische Beispiele.

Carin du Rietz (*1766) soll ihr Zuhause als Mann gekleidet verlassen und bei der Wache am Königlichen Hof angeheuert haben. Sie hatte sich angeblich mit ihren Eltern überworfen, weil sie zu viele Romane las … und beim dritten Versuch, von zu Hause wegzulaufen, kleidete sie sich als Mann und wurde in das Königliche Regiment am Stockholmer Hof aufgenommen. Während ihrer Zeit beim Militär soll sie sowohl von Männern als auch von Frauen zahlreiche amouröse Avancen erhalten haben, so dass sie schließlich keinen anderen Ausweg sah, als König Gustav III um Hilfe zu bitten, der ihr, angeblich sehr amüsiert, half und sie schließlich mit einem Gefolgsmann verheiratete. (Wenn das kein Filmstoff wäre!)
LINK Carin du Rietz bei Wikipedia

Andere Frauen in Männerkleidern wurden Soldaten in der schwedischen Armee oder heuerten als Bedienstete an, unter ihnen

Ulrika Eleonora Stålhammar (1688 – 1733) war Soldatin im Großen Nordischen Krieg. 1713 trat sie unter dem Namen William Edstedt in Kalmar als Artillerist in die Armee ein. 1716 verliebte sie sich in eine junge Frau namens Maria Lönnman und heiratete sie. Nachdem Ulrikas Schwester von ihrem neuen Leben Kenntnis bekommen hatte, musste das Paar fliehen. 1718 schrieb Ulrika von Dänemark aus an die schwedische Regierung und wurde, nach Schweden zurückgekehrt, vor Gericht gestellt. Die Richter fanden im schwedischen Recht keinen justiziablen Vorwurf und verurteilten sie schließlich wegen Verstoß gegen das Gebot Gottes zu einigen Monaten Haft, die vom schwedischen König Friedrich von Hessen-Kassel (Fredrik I) auf einen Monat reduziert wurde. Ihr Fall erregte damals Aufsehen. Sie kam aus dem südschwedischen Småland, wie die legendäre Kriegerin Blenda und sie überzeugte durch die Zeuginnenaussage ihrer Ehefrau Maria, die schwor, es habe keine sexuelle Beziehung zwischen den beiden gegeben.
LINK Eleonora Stålhammar bei Wikipedia

LINK Eleonora Stålhammar, Projekt Runeberg

Brita Christina Hagberg, geborene Nilsdotter, alias Petter Hagberg (1756 – 1825)
LINK Brita Hagberg bei Wikipedia

Lisbetha Olsdotter, die unter dem Namen Mats Ersson lebte und so erfolgreich durchkam, dass sie, mit allen kirchlichen Feierlichkeiten, Kerstin Ersdotter heiratete. Genau das trug maßgeblich dazu bei, dass sie schließlich zum Tode verurteilt und 1679 hingerichtet wurde.
LINK Lisbetha Olsdotter bei Wikipedia
LINK Lisabetha Olsdotter beim Projekt Runeberg

Margareta Elisabeth Roos
LINK Margareta Elisabeth Roos bei Wikipedia

Und, mit einem großen Schritt ins 19. Jahrhundert:
Die Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf (1858 – 1940) soll, auch das ist gut dokumentiert, ein lesbisches Leben geführt haben. Ihre Liebesgeschichten handeln von heterosexuellen Paaren, aber spiegeln viele der Konflikte und Ambivalenzen wieder, die von ihren lesbischen Erfahrungen geprägt sein mögen.
Sie wurde am 20. November 1858 in Schweden geboren, mitten in Värmland (was – nicht dass ich voreingenommen bin – ohnehin zu den schönsten Regionen Schwedens zählt).

Selma Lagerlöf engagierte sich insbesondere in Frauenfragen.
1911 hielt sie auf dem 6. Kongress der International Women’s Suffrage Alliance in Stockholm ihre erste öffentliche und international berühmte Rede, Hem och stat („Heim und Staat“), in der sie die „weibliche“ Schöpfung des Heimes, in dem Frieden und Geborgenheit herrschen, der „männlichen“ Schöpfung des von Macht und Gewalt geprägten Staates gegenüberstellt. Dass eine weltbekannte Frau, Nobelpreisträgerin und Gutsbesitzerin, sprach, der das elementare staatsbürgerliche Recht, nämlich das Wahlrecht, verweigert wurde, machte ihren Auftritt besonders brisant.
Auch Selma Lagerlöf war eine „erste“. Sie war die erste Frau, die den Literaturnobelpreis erhielt.
1894 lernte sie die Schriftstellerin Sophie Elkan kennen. Die beiden Frauen waren den Großteil
der darauf folgenden 25 Jahre zusammen.
Selma Lagerlöf hatte zwei weitere enge Beziehungen zu Frauen. Die eine war Volborg Olander, eine Expertin im Unterrichten der schwedischen Sprache. Eine weitere intime Freundin war Anna Hammilton-Gete.
Von 1911 an arbeitete sie in der Faluner Gesellschaft zur Erlangung des Frauenwahlrechts mit. In ihrer Geschichte Mamselle Fredrika (enthalten im Erzählband Unsichtbare Bande) beschreibt sie eine Messe, die abgehalten wird, um das Leben und Werk von Fredrika Bremer, Schwedens erster Feministin zu feiern.

 

Zum Weiterlesen und -schauen:

  • Rose Collis: Verschleierte Porträts, Göttingen (Daphne), 1995
  • Wikipedia-Eintrag zu Selma Lagerlöf
  • ein Porträt
  • die Nobelpreisrede, die Lagerlöf anlässlich der Verleihung hielt (auf schwedisch und in englischer Übersetzung)

BILD: Selma Lagerlöf und Sophie Elkan, Wikipedia