Wie lesbisch war 2010?Wie lesbisch war 2010?, fragten sich L-talk Autorinnen am Sylvesterabend.

In Kürze: 2010 war viel lesbischer, als wir zuerst dachten. Einen „Bogen von Party bis Politik“ machte Gini Bez aus. Und erstaunlich viel davon kam bei L-talk vor. Joni.T musste in der Rubrik Filme gleich berichten, dass ihr liebster Streifen lediglich eine lesbische Nebenhandlung hatte, aber was für eine: I Am Love mit einer umwerfenden – und wie im richtigen Leben heterosexuellen – Tilda Swinton in der Hauptrolle wartete mit einer beeindruckenden lesbischen Tochter auf, die für die Heldin erst Katalysator zu ihrer eigenen Entwicklung wurde.

Lesbische Filme

L-talk Bücherfachfrau und Rezensentin Nicole war von The Kids are Allright angetan, dem Blockbuster über das lesbische Paar Jules und Nic, der angeblich Aussicht auf den einen oder anderen Academy Award hat. Jules und Nic leben mit ihrer Familie ein bürgerliches und ziemlich gewöhnliches Leben, als die beiden Kinder auf die Idee kommen, Kontakt zu ihrem biologischen Vater aufzunehmen, mit dessen Samenspende beide gezeugt wurden. Na ja, und dann …

Gini Bez entdeckte die erste Staffel von The L-Word, in der alles anfängt und Bette Porter, gespielt von Jennifer Beals, *diese* Affäre mit der Schreinerin Candace Jewell hat (Folge 11, Looking Back – dt. Coming Out). Eine Wiederentdeckung steuert auch Konny bei. Sie hat sich zum Jahresende die Filmbox Gay History – Emanzipationsgeschichte des 20. Jahrhunderts geschenkt, und hat Verzaubert wiedergefunden: ein Filmprojekt aus den 1992er Jahren und der erste Film über Schwule und Lesben im Deutschland der NS-Zeit und der frühen Bundesrepublik.

Astrid war beeindruckt von Hannah Free mit Sharon Gless in der Hauptrolle: Hannah darf im Alter nicht bei Rachel, der Liebe ihres Lebens, sein, als diese im Sterben liegt. Mit Witz, Mut und großer Eloquenz gelingt es Rachels Enkelin, schließlich doch noch einen Weg zu finden, der – typisch Film – manche Kurve dreht und unerwartete Erkenntnisse beschert.

In der Rubrik Kurzfilm steuert Konny noch Herzlichen Glückwunsch, Daisy Graham bei, einen verstörenden Kurzfilm über eine schwer kranke Lehrerin, die keinen anderen Ausweg weiß, als ihre demente und unselbständige langjährige Lebenspartnerin zu töten, bevor sie selbst stirbt.

Bücher

Buchtipps 2010 von L-talk Autorinnen Romane und Sachbücher lasen L-talk-Autorinnen in Mengen, umso schwieriger war die Entscheidung. Gleich zwei Frauen, Konny und Nicole, erklärten Leise Töne zu ihrem Top-Tipp. Autorin Karen Susan Fessel wird sogar am 25. Februar 2011 im Kieler Literaturhaus lesen, was sich ihre L-talk-Fans sicher nicht entgehen lassen. Auch bei den Sachbüchern gab es eine Doppelnennung: Angela Steideles Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens wird von Astrid und von Joni.T genannt. Anhand vieler bisher unveröffentlichter Quellen schildert das Buch die langjährige Liebesbeziehung zwischen der Schriftstellerin und Künstlerin Adele Schopenhauer und der Köln/Bonner Archäologin und Kunstsammlerin Sibylle Mertens-Schaaffhausen. L-talk wird im Januar noch ausführlich über dieses Buch schreiben.

Die einzige Judoka unter den L-talk Autorinnen, Gini Bez, empfiehlt ein Sportbuch von der ersten deutschen Judoweltmeisterin Barbara Claßen: Judo, der sanfte Weg. Sie galt als „Pionierin“ des bundesdeutschen Frauenjudo, wurde 1982 Weltmeisterin und war fünffache Europameisterin sowie Olympiadritte. 1990 nahm sie sich im Alter von 32 Jahren das Leben.

Und Astrid steuert noch zwei englischsprachige Romane bei: den neuen Karin Kallmaker: Above Temptation und Ash von Malinda Lo. Das Buch schildert – sehr frei nach Aschenputtel – die Geschichte von Aisling, genannt Ash.

lesbische Töne

Lesbische Töne, gehört von L-talk AutorinnenNicole beklagt Misstöne im Lesbenchor, der im kommenden Jahr hoffentlich wieder zur alten Form zurückfindet. Gini Bez gelang es 2010 nicht, endlich mal den Song Blue von Joni Mitchell zu hören, Konny fand das neue Gossip-Album Music For Men mit Frontfrau Beth Ditto, Nathan Howdeshell alias Brace Paine und Kathy Mendonca große Klasse und Joni.T verträumte sich bei Mary Gauthiers neuem Album The Foundling, das eine traurige Geschichte erzählt, die bei L-talk auch schon berichtet wurde.

Sportlesbentum

Sportlich hat Gini Bez und Konny am besten ihr gemeinsamer Triathlon in Frankfurt gefallen Lesben im Sport(je eine Stunde Nordic Walking, Radfahren und Schwimmen). Joni.T ergänzt eher auf der Meta-Ebene die späte Klärung der Startberechtigung für Caster Semenya, die junge Südafrikanerin, auf deren Rücken die Sportverbände 2009 und 2010 weltweit ihre Probleme mit allzu starren Gender-Definitionen ausgetragen haben. Und dann war da noch die Handball-Europameisterschaft, in der die Norwegerinnen mit der lesbischen Sport-Ikone Gro Hammerseng den Sieg geholt haben! Und natürlich die Aktion gegen Homophobie des Frankfurter Sportvereins, die Astrid besonders beeindruckt hat.

Wichtigste L-Ereignisse 2010

Die genannten Events könnten allein einen Beitrag füllen … tatsächlich haben sie alle auch bei L-talk stattgefunden, und wir sind total stolz und glücklich, dass wir ein so aufregendes lesbisches Jahr erlebt und dokumentiert haben.

Rück(An)blick beim Stockholm Pride 2010Nur mal so eben aufgezählt:

Konny nannte als Highlights (!) die Denkwerkstatt des Lesbenrings, das Lesbenfrühlingstreffen 2010 in Hamburg, den Vortrag von Christine Klapeer Zur Un/Möglichkeit Lesbischer Staatsbürgerinnenschaft im Rahmen der Frankfurter Denkräume im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum, das Lescafé-Sommerfest in Frankfurt und den Femme Workshop in Hamburg.

Für Nicole war 2010 am Wichtigsten, dass sie verliebt war.

Die Teilnahme am Stockholm Pride war der Höhepunkt des lesbischen Jahrs von Joni.T, außerdem das Filmwochenende der Rosa Linse im November in Kiel. Genau wie Konny nahm sie auch an der beeindruckenden Feier 20 Jahre LSVD in Berlin teil, das war ein großartiges Fest zu einem bedeutenden Anlass.

Gini Bez erinnerte sich besonders an den Sommerempfang im Hessischen Landtag, der von Landtags-Vizepräsidentin Sarah Sorge ausgerichtet wurde. Der Runde Tisch zum Thema Regenbogenfamilien im Hessischen Sozialministerium war ein Highlight für sie; ebenso die Teilnahme am Workshop Homophobie, Devianz und weibliche Homosexualität im Nationalsozialismus, Geschichte und Gedenken im Oktober 2010, veranstaltet von der Gedenkstätte Ravensbrück und dem LSVD.

Astrid besuchte dieses Jahr den Frauen-Lesben-Buchladen in Provincetown, Massachusetts, USA, WOW!

Lesben in Recht und Politik

Bei der Bewertung der politischen Ereignisse in Berlin gab es keine großen Unterschiede: L-talk Autorinnen finden die Gleichstellung für Lebenspartnerschaften bei der Erbschaftsteuer 1A und sind verärgert, dass der Bundestag sich nicht auf eine Gleichstellung im restlichen Steuerrecht, sprich: bei der Einkommensteuer verständigen kann. Da wird das Urteil des niedersächsischen Finanzgerichts aus dem letzten Monat hoffentlich noch Folgen haben: Bei der Bevorzugung der Ehe, stellte das Gericht fest, kommt es nämlich auch nicht darauf an, ob Kinder da sind, sondern die Ehe wird ganz unabhängig davon privilegiert. Das müsste dann entsprechend auch bei Lebenspartnerschaften möglich sein.

Die Fortschritte bei der Gleichstellung im Beamtenrecht bei Bund und Ländern sind prima, auch wenn eine etwas kritische Haltung zur Lebenspartnerschaft insgesamt bleibt.

Absolut umwerfend und herausragend sind die beiden Lesben, die in diesem Jahr ganz große Karriere gemacht haben:

Prof. Dr. Susanne Baer wurde zur Richterin am Bundesverfassungsgericht ernannt und Marlies Bredehorst wurde Staatssekretärin in der neuen rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westphalen.

Unsere bevorzugten Links 2010

Zuerst möchten wir sagen: Unsere Lieblingsseiten sind Konnys Lesbenseiten lesben.org sowie unsere eigene Seite, L-talk.

Außerdem fanden L-talk Autorinnen 2010 folgende Seiten klasse:

Ein Schlusswort von Astrid:

Auf dass 2011 (noch) lesbischer werde!