Lesbischer Herbst im L-talk GesprächL-talk: In ein paar Tagen beginnt das Lesbenfrühlingstreffen in Hamburg. Wozu ist ein gesonderter Lesbischer Herbst nötig? Was ist das Besondere daran?

Lesbischer Herbst: Die Herbsttagung von “Lesbischer Herbst” soll und kann das Lesbenfrühlingstreffen nicht ersetzen. Das Lesbenfrühlingstreffen ist ein Großereignis, das sich mit einem breit gefächerten Programm an Lesben aller Altersstufen richtet.

Lesbischer Herbst ist eine Veranstaltung speziell für ältere Lesben, für Frauen die 49 Jahre und älter sind. Unsere Herbsttagung ermöglicht uns, den Blick auf diese ältere Gruppe zu richten. Es geht immer noch um Partizipation in der Gesellschaft und nicht nur um die Bedürfnisse, die ältere Lesben vielleicht in Bezug auf Gesundheit und Pflege haben. Das Tempo ist ein bisschen ruhiger mit mehr Raum für tiefgründige Gespräche.          
Verglichen mit dem LFT ist der Lesbische Herbst ziemlich klein. Zu unseren ersten Tagungen kamen 120 Frauen. Die Herbsttagung 2010 wird auf 60 Teilnehmerinnen beschränkt sein.

L-Talk: Warum habt ihr die Teilnehmerinnenzahl beschränkt? Was spricht dagegen, jede Interessierte einfach zum Mitmachen einzuladen?

Lesbischer Herbst: Einer der Gründe liegt darin, dass wir miteinander in Dialog treten wollen. Wir wollen in einen Prozess eintreten, in dem wir einander zuhören, von unserer vielfältigen Erfahrungen lernen und vielleicht neue Ideen für die Zukunft entwickeln wollen.
Eine kleinere Gruppe schafft ein besseres Umfeld für diese Art von Synergie. Ein weiterer Grund für die Festlegung der Teilnehmerinnenzahl ist, dass der Lesbische Herbst sich ehrenamtlich organisiert.  Eine kleinere Gruppe von Teilnehmerinnen macht die Organisation einfacher.

L-Talk: Auf eurer Website habe ich gelesen, dass die Veranstaltung in Frankfurt stattfinden wird. In den vorangegangenen Jahren wart ihr in einem Tagungszentrum in Thüringen. Warum habt ihr den Ort gewechselt?

Lesbischer Herbst: Das Tagungszentrum in Thüringen, in dem wir in den letzten Jahren waren, ist uns sehr offen und unterstützend begegnet. Wir waren selbst erstaunt, dass ein kirchliches Zentrum so einladend ist.
Nichtsdestotrotz war es mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen und erforderte eine Menge Arbeit, die Frauen vom Bahnhof zum Tagungszentrum und zurück zu bringen. Die Organisatorinnen mussten großen Aufwand treiben, um alles was wir für das Wochenende brauchten zum Tagungszentrum zu schaffen.
Außerdem war die Unterbringung nicht ideal: Viele Frauen übernachten lieber in Einzelzimmern als in Mehrbettzimmern.

Sichtbar auf dem CSD in Frankfurt 2009Dieses Mal habe ich, weil ich die Vorbereitung koordiniere, entschieden, die Herbsttagung in meine Heimatstadt Frankfurt am Main zu bringen. Ich arbeite an der Fachhochschule in Frankfurt und freue mich sehr, dass der Präsident der Fachhochschule uns eingeladen hat, die Veranstaltung hier durchzuführen.

L-talk: Bist du besorgt, dass etwas vom Geist der Herbsttagung durch den Umzug nach Frankfurt verloren geht?

Lesbischer Herbst: Ich denke, die Tagung wird sich nach dem Umzug sicher anders anfühlen. In Thüringen waren wir die einzigen Gäste im Tagungszentrum. Wir waren an einem sehr kleinen Ort. Aber ich glaube, dass der Geist des Lesbischen Herbstes auch in Frankfurt wirken wird. Die meisten Teilnehmerinnen, die aus anderen Orten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien nach Frankfurt reisen, werden im selben Hotel untergebracht sein. Wir werden im Hotel einen Raum für informelle Zusammentreffen zur Verfügung haben, der auch Teilnehmerinnen aus dem Rhein-Main-Gebiet offen steht. Am Samstagabend werden wir alle gemeinsam in einem Restaurant in der Nähe des Hotels essen.

L-talk: Du hast erwähnt, dass du die Vorbereitung des Treffens organisierst. Ihr wart doch zu Beginn mehrere Frauen, jetzt bist du allein. Was ist geschehen?

Lesbischer Herbst: Jede der Frauen, die im ursprünglichen Team war und nun nicht mehr dabei ist aus persönlichen und/oder beruflichen Gründen zurückgetreten.. Wir arbeiten alle Vollzeit (und mehr!), was bedeutet, dass die Arbeit an einem Projekt wie diesem in der “Frei”zeit stattfinden muss. Die Wirtschaftskrise hat es für die Selbständigen unter uns schwer gemacht, genügend Aufträge zu bekommen. Diese Zwänge haben zur Folge, dass Prioritäten sich ändern.

L-talk: Warum hast du entschieden, den Lesbischen Herbst allein weiterzuführen? Das ist sicher sehr viel Arbeit.

Lesbischer Herbst: Ja, da hast du Recht. Es IST eine Menge Arbeit, aber ich mache sie nicht ganz allein. Ich habe sechs Frauen für einen Beirat gewinnen können. Die Beirätinnen stehen zur Verfügung, wenn es um  Entscheidungen geht, die mit dem Geist – oder die Seele – der Veranstaltung zu tun haben. Wir konnten einige Teilnehmerinnen als Helferinnen für das Team an dem Veranstaltungs-Wochenende gewinnen. Sie werden Frauen im Hotel begrüßen, werden beim Weg zur Fachhochschule behilflich sein, den Konferenzraum herrichten und viele andere Dinge. Einige Frauen haben der Initiative mit ihren Webhosting und PR-Kenntnissen geholfen, das war wichtig für den gesamten Ablauf. Ohne diese Unterstützung könnte ich nicht alles schaffen.

Late Bloomers: Zwei der Aktivistinnen des Lesbischen Herbstes auf dem Frankfurter CSD

L-talk: Ich bin oft erstaunt, dass einige Frauen bereit sind, aufzustehen, Dinge in die Hand zu nehmen und sich für andere stark zu machen, während andere Frauen mit ähnlichem persönlichen und gesellschaftlichem Hintergrund das nicht tun. Was bringt eine Frau, was bringt dich dazu, dich für andere Lesben einzusetzen?

Lesbischer Herbst: Ich habe mich mein ganzes Leben lang engagiert, in den USA, wo ich geboren wurde und aufwuchs, in Kanada, wo ich sieben Jahre lebte und in Deutschland, das mein Zuhause geworden ist. Ich halte kleine unabhängige Initiativen für ziemlich effektiv, wenn es darum geht, Ziele zu erreichen und Herausforderungen zu begegnen, daher will ich mich dort engagieren. Weil ich mein „coming out“ erst spät im Leben hatte, habe ich einen großen Teil lesbischer Geschichte in Deutschland natürlich nicht selbst mitgemacht. Es ist daher gut, auf die Erfahrungen und die Weisheit der Beirätinnen zurückgreifen zu können.

L-talk: Ihr habt mit dem neuen Konzept einen stark von Therapeutinnen geprägten Beirat. Lesben und Therapie: Gehört das zusammen?

Lesbischer Herbst: Jede der Frauen im Beirat hat an einer oder an mehreren Herbsttagungen teilgenommen. Sie haben ihre Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass der Lesbische Herbst eine besondere Rolle in der lesbischen Kultur in Deutschland einnehmen wird. Und jede von ihnen war bereit, eine Rolle bei der Fortführung der Initiative zu übernehmen. Jede dieser Frauen war in ihrem eigenen Bereich viele Jahre lang aktiv und hat Visionen über die Möglichkeiten von Lesben in der zweiten Lebenshälfte.

L-talk: Gibt es „die“ Lesbenszene und wer gehört dazu?

Lesbischer Herbst: Ich glaube, dass lesbische Kultur immer vielfältiger war als sie erschien. Bestimmte Elemente aus der Frauenbewegung und der Lesbenbewegung der letzten 50 Jahre waren sichtbarer und vielleicht hörbarer in der Gesellschaft als andere lesbische Untergruppen. Ich glaube nicht, dass es DIE einheitliche lesbische Community gibt.  Lesbische Identitäten sind vielfältig und manchmal nicht leicht zusammenzubringen.

L-talk: Die Sichtbarkeit von älteren Frauen, älteren Lesben spielt konzeptionell eine wichtige Rolle beim Lesbischen Herbst. Wird der Wunsch nach Sichtbarkeit von den Teilnehmerinnen geteilt?

Lesbischer Herbst: Ich möchte gern glauben, dass Lesben Schritte hin zu mehr Sichtbarkeit in unserer Gesellschaft unternehmen können. Die vielen verschiedenen Lebensformen  von Lesben können die Vorstellungen darüber bereichern was lesbisch sein bedeutet, und sie können Stereotypien widerlegen. Ich hoffe, dass Lesben mehr als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft akzeptiert werden. Obwohl Deutschland liberaler ist als viele andere Staaten ist auch hier noch einiges zu tun. Die Gespräche die ich mit Teilnehmerinnen geführt habe zeigen, dass auch sie diese Vision teilen.

L-talk: Ursprünglich entstand der Lesbische Herbst im Jahre 2005 aus dem Wunsch, dass auch die Frauen gehört und gesehen werden sollen, die schon sehr lange lesbische Zeiten durchlebt haben. Nun sind sehr viele Late Bloomers dabei: Frauen, die erst spät entdeckt haben, dass sie lesbisch sind oder lesbisch leben möchten. Passen die beiden Gruppen zusammen?

Late Bloomers - Frauen, die spät im Leben ihre Liebe zu Frauen entdeckenLesbischer Herbst: Late Bloomers ist ein US amerikanischer Begriff für Menschen, die bestimmte Fähigkeiten erst spät in ihrem Leben entwickeln. In den letzten Jahren wird der Ausdruck auch verwendet um Frauen zu beschreiben, die ihre tiefe Anziehung und Liebe zu Frauen spät im Leben entdecken und beginnen zu leben, oft nach Jahren in heterosexuellen Beziehungen. Ich glaube, dass diese Frauen daran interessiert sind, sich zu treffen und Unterstützung von anderen mit ähnlichen Erfahrungen zu bekommen. Und viele von ihnen finden ihren Platz in der lesbischen Community.

Der Aufbau und Geist von unserer Herbsttagung ermöglicht Lesben mit unterschiedlicher Geschichte sich in einer Atmosphäre von Toleranz und Respekt zu begegnen. Ich denke, das ist einer der Gründe dafür, dass Late Bloomers normale Teilnehmerinnen bei der Herbsttagung geworden sind.

L-talk: Was ist mit Lesben, die seit langem im der Lesbenszene aktiv sind? Sind sie auch beim Lesbischen Herbst vertreten?

Lesbischer Herbst: Ja, mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen sind Lesben mit einer langen lesbischen Lebensgeschichte. Auch für sie ist die Möglichkeit interessant, später in ihrem Leben als Lesben aktiv zu sein und sie freuen sich über die Gelegenheit, neue Lesben kennenzulernen und ihre Bekanntschaften mit Frauen zu erneuern, die vor Jahren Teil der Frauenbewegung waren.

L-talk: Wie sieht die Zukunft aus?

Lesbischer Herbst: Ich denke, dass wir die Herbsttagung alle zwei Jahre anbieten werden. Das gewährleistet, dass die Arbeit daran uns Haupt-Organisatorinnen nicht überrollt. Gleichzeitig ist es häufig genug, um Kontakte aufrecht zu erhalten und sie in der Zeit zwischen den Tagungen auszubauen. Die Zukunft wird von dem Engagement der Frauen abhängen, die diese junge Tradition am Leben halten wollen.

L-talk: Vielen Dank für den Austausch und viel Erfolg mit eurer Tagung!

Lesbischer Herbst: Vielen Dank für die Möglichkeit, die Geschichte des Lesbischen Herbstes zu teilen.

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Links und Quellen: