Alte Lesben mittendrin: Das ist Yvonne Fords Programm und Ziel  zugleich. Seit Jahren organisiert sie Tagungen für ältere und alte Lesben. Was 2006 als Experiment begann, ist inzwischen Institution geworden. Vom 9. bis 11. November lud Yvonne Ford zum sechsten Mal zu einem Lesbischen Herbst ein. Aus zu diesem bemerkenswerten Anlass fragten wir sie, wie sich die Tagung seit ihrem Entstehen verändert hat.

„Gleich geblieben ist, dass Lesbischer Herbst nach wie vor als private Initiative organisiert ist. Und dass die Zielgruppe Lesben in ihrer zweiten Lebenshälfte sind, also 49 Jahre und älter. Zum Lesbischen Herbst kommen Lesben, die den größten Teil ihres Lebens „out“ sind ebenso wie andere, deren Coming Out vielen Jahren in heterosexuellen Partnerschaften folgte.

Zum zweiten Mal tagt der Lesbische Herbst in der Fachhochschule in Frankfurt. Wir sind sehr froh über die Unterstützung ihres Präsidenten Dr. Detlev Buchholz. Dass wir die Tagung dort veranstalten bedeutet eine Sichtbarkeit, die wir in einer privaten Tagungsstätte nicht hätten. Und da in erster Linie ich für die Organisation verantwortlich bin, freue ich mich, dass zahlreiche Lesben, die an der Fachhochschule arbeiten, mich dabei unterstützen, das Wochenende auf die Beine zu stellen.

Ältere Lesben und ihre Interessen sichtbarer zu machen ist eines der bedeutendsten Ziele des Lesbischen Herbstes. Dieses Jahr kreist unsere Tagung um diese  Frage: Ist die relative Unsichtbarkeit von Lesben in der Öffentlichkeit das Schicksal, das wir mit Frauen im allgemeinen und mit feministischen Aktivistinnen in einer Männer dominierten Gesellschaft teilen? Oder bedeutet diese Unsichtbarkeit auch einen Schutz, den Lesben genießen? Um diese beiden Blickwinkel zu beleuchten, haben wir Elke Amberg und Dr. Marie Sichtermann eingeladen. Elke Amberg ist Autorin von “Schön! Stark! Frei” Wie Lesben (nicht) in der Presse dargestellt werden” und Dr. Marie Sichtermann ist Mitgründerin von Geld und Rosen.

Das Thema Mutterschaft war in diesem Jahr unser zweiter Schwerpunkt, dem wir uns ebenfalls aus zwei Perspektiven genähert haben. Die Mutterrolle wird in unserer Gesellschaft immer noch als zentraler Bestandteil der weiblichen Identität gesehen. Aufgrund des Geburtenrückgangs scheint es wichtiger geworden zu sein, Frauen zu überzeugen, Mütter zu werden. Jahrzehntelang haben Feministinnen sich dagegen gewehrt, dass Mutterschaft die wichtigste Rolle für eine Frau ist und gefordert, dass Frauen auch in anderen Rollen wertvolle Beiträge für die Gesellschaft leisten können. Inzwischen sind zwei Entwicklungen dazugekommen, die den Blick auf Mutterschaft und lesbisches Leben verändern.

Viele junge Lesben wollen Kinder und Familien. Es gibt Möglichkeiten, schwanger zu werden und Kinder zu gebären, die Lesben in früheren Generationen nicht zugänglich waren. Regenbogenfamilien gibt es in ganz Deutschland (und anderswo); ebenso Unterstützung für diese Familien. Lesbisch zu sein bedeutet nicht automatisch, kinderlos zu bleiben, wie es bis vor relativ kurzem der Fall war.

Die zweite Entwicklung sind die scheinbar steigende Anzahl von Frauen, die ihre lesbischen Identität nach Jahren in heterosexuellen Beziehungen entdeckt und eingefordert haben. Viele dieser Frauen sind Mütter erwachsener Kinder und Enkel. Das verändert die Art und Weise, wie sie am lesbischen Leben teilhaben und führt manchmal auch zu Verwerfungen mit Lesben, die viele Jahre früher ihr Coming Out hatten. Diese „Late Bloomer“ sind oft in keiner der beiden „Welten“ zu Hause, weder in der heterosexuellen noch der lesbischen. Ihre spezifischen Anliegen zu verstehen, zum Beispiel Konflikte und Spannungen mit ihren Kindern, ist etwas, das häufig fehlt. Daher haben wir beim Lesbischen Herbst Raum hierfür geschaffen.

Natürlich ist Lesbischer Herbst auch ein Ort der Begegnung und ein Ort des Denkens und Arbeitens. Ich empfinde es als Privileg, Frauen zu treffen, die in lokalen und nationalen Initiativen jahrzehntelang aktiv waren. Wo es so viel positive Energie gibt, überrascht es nicht, dass Frauen sich kennenlernen und verlieben. Eine Handvoll Beziehungen hat bei einer dieser Tagungen begonnen – ein schöner Nebeneffekt.

Was mich bewegt? Lesbischer Herbst ist eine Tagung, an der ich teilnehmen würde, wenn jemand anders sie organisierte! Und die Rückmeldung von Teilnehmerinnen deutet darauf hin, dass Lesbischer Herbst zu der Vielfalt beiträgt, die heute lesbisches Leben ausmacht. Im Januar 2013 werde ich 65, daher ist es Zeit darüber nachzudenken, wie die Zukunft es Lesbischen Herbstes künftig weniger von meiner Energie abhängt.“

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