ältere Lesben unterwegsNun, eine neue Gattung wie zum Beispiel homo sapiens lesbianesis sind sie nicht, aber etwas ganz Besonderes schon: Lesben, die erst spät ihre Liebe zu Frauen entdecken.

Über die Entstehung sexueller Orientierungen gibt es eine Reihe von Untersuchungen und viele gehen davon aus, dass Menschen schon sehr früh wissen, zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen fühlen und diese Präferenz ein Leben lang beibehalten – auch wenn manche Menschen sie nicht aktiv leben. Heterosexuell oder Late Bloomers: eine Frage der Erkenntnishomosexuell geboren zu sein und in der Folge „nichts dafür zu können“ gehört besonders in den USA zu den zentralen Argumenten von Bürgerrechts- und Menschenrechtsorganisationen, die sich für Gleichstellung stark machen.

„Manche Frauen verlieben sich nach vielen Jahrzehnten eines relativ „normalen“ Lebens im Alter von 40, 50 oder 60 zum ersten Mal in eine Frau. Einige sind einfach nur erleichtert, endlich zu wissen, wer sie sind. Andere durchleben ein Wechselbad der Gefühle – von Glück und Begeisterung bis hin zur schweren Identitätskrise. Für die meisten – ob Feministinnen oder nicht – führt diese späte Erkenntnis, lesbisch zu sein, über kurz oder lang zu der Entscheidung, ihr Leben vollkommen zu verändern.“

schreibt Yvonne Ford, Gründerin der Initiative Late Bloomers. Aber geht es tatsächlich um Erkenntnis; darum, schon immer jemand Bestimmtes zu sein, und das erst spät im Leben aufzudecken?

Professorin Lisa Diamond (Bildquelle: University of Utah)Lisa Diamond, Professorin für Psychologie und Geschlechterforschung an der Universität von Utah, hat sich der Frage angenommen, ob das für Frauen überhaupt zutrifft. Bereits zum Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere stellte sie fest, dass viele Grundlagen auf Beobachtungen bei jungen Männern basieren und einfach für Ältere und für Frauen übernommen wurden. Das reichte ihr nicht. Die Forschung über weibliche Liebe und Leidenschaft mit einem völlig neuen Ansatz brachte überrraschende Erkenntnisse.

In einer Langzeitstudie beobachtet und interviewt Lisa Diamond seit inzwischen 15 Jahren Frauen und stellt fest, dass Identitäten sich ändern:

„Ich fand schnell heraus, dass die ganz gradlinige Entwicklung diese Frauen nicht im Geringsten beschreibt. Sicherlich beschreibt sie einige, aber das wurde bisher völlig über-generalisiert. Ich stellte fest, dass Frauen ihrer Identitäts-Labels ändern. Sie verliebten sich in Leute, von denen sie das nicht gedacht hätten, ob das heterosexuelle Frauen sind, die sich auf Frauen einlassen oder Lesben, die etwas mit ihrem männlichen besten Freund anfangen, es gab einfach eine große Bandbreite von Erfahrungen, die diesen klaren, geraden Weg einer sich entwickelnden Identität herausforderten.“

Also ist nichts dran an dem Argument, dass Frauen, die erst spät im Leben lesbisch werden, es im Grund genommen schon immer waren aber sich nie getraut haben?

Frauen mit dieser Erfahrung gibt es natürlich . Aber eben auch Frauen, die sich definitiv in früheren Jahren nicht zu Frauen hingezogen fühlten, und dann, wenn die Richtige auftaucht, Feuer und Flamme sind. Frauen merken vielleicht nicht spät im Leben, dass sie von je her lesbisch sind, sondern einige werden es erst dann?

Eine neue, bereichernde Sichtweise ist das für Frauen, die zu ihrer heterosexuellen Vergangenheit stehen wollen, zu ihren männlichen Lieben, zu den gemeinsamen Kindern und zu ihren Entscheidungen, die sie in früheren Lebensabschnitten getroffen haben: dass es „normal“ ist, all das gehabt zu haben und nun ohne wenn und aber lesbisch zu leben. Der Blick auf eine fließende, lebendige Veränderung von sexueller Attraktion nimmt auch den Druck, eine eigene heterosexuelle Vergangenheit mit negativen Attributen belegen zu müssen, wie Verdrängung, Unterdrückung, Verleugnung. Für einige mag es zutreffen, dass sie nicht lesbisch gelebt haben, weil sie unterdrückt wurden. Für andere ist das vielleicht ganz anders.

Eine großen Errungenschaften der FrauenLesben Bewegung ist, dass wir Frauen ermuntert haben, sich nicht unterdrücken zu lassen und zu ihrem selbstbestimmten Leben zu stehen. Das Beste an Lisa Diamonds Ansatz ist vielleicht, dass keine sich mehr über die vergeudete Zeit grämen muss, in der sie nicht lesbisch gelebt hat. Es ist gut möglich, dass sie damals einfach noch nicht lesbisch war.

Wo kann das also alles enden?

Lisa Diamond:

Großartig wäre es, wenn eine Dreizehnjährige im Gesundheitsunterricht vermittelt bekäme: „Du bist am Beginn einer aufregendenden Reise. Ich werde dir einige Werkzeuge und Strategien mitgeben, damit du herausfinden kannst was du willst und wie du es bekommst. Aber du stehst am Anfang eines Abenteuers und es wird großartig sein!“ Das wäre eine wirklich tiefgreifende Umsetzung.

Links und Quellen:

  • Lisa Diamond: Sexual Fluidity. Understanding Women’s Love and Desire, Harvard University Press, 2009
  • Troy Williams: Sexual Fluidity. The Lisa Diamond Interview, Queer Gnosis, 6.8.2010
  • ‚Late-Life Lesbians‘ Reveal Fluidity Of Sexuality, npr.org, 7. August 2010  (mit Audio-Interview Lisa Diamond)
  • Late Bloomers. Eine Initiative des Lesbischen Herbstes, late-bloomers.de