Seit diesem Jahr fördert die Hirschfeld-Eddy-Stiftung die Lesbenorganisation Freedom and Roam Uganda (FARUG).

Im März 2012 hatte die Organisation direkt in Genf die erste Debatte des UN-Menschenrechtsrats verfolgt, bei der es um Gewalt an Homosexuellen und an Transsexuellen ging – eine Debatte, die für viele Staaten schon zu viel Offenheit und Toleranz bedeutete. Eine der Aktivistinnen von FARUG, Ssenfuka Warry, reiste Ende März auf Einladung der Hirschfeld-Eddy-Stiftung nach Berlin und fand Zeit für einen Abstecher nach Köln. Dort besuchte Ssenfuka Warry den Bundesverbandstag des Lesben- und Schwulenverbands LSVD und ließ uns an der Menschenrechtsarbeit ihrer Organisation in Uganda teilhaben.

L-talk hat bereits zweimal über die Arbeit von FARUG und ihre Mitgründerin und Vorsitzende Kasha Jaqueline Nabagesera berichtet. Persönlich gesprochen hatten wir noch keine der FARUG-Aktivistinnen und so nutzen wir die Gelegenheit, Ssenfuka Warry zum Mittagessen einzuladen und sie fast alles zu fragen, was wir über Lesben in Uganda wissen wollten. Wir haben – soviel vorweg – viele der Themen ausgelassen, die anderswo dokumentiert sind und haben weiterhin, weil es immer spannender wurde, für die Fortsetzung ein Mail-Interview vereinbart, das wir später hier bei L-talk veröffentlichen werden. Die Amtssprache in Uganda ist Englisch, das macht die internationale Lobbyarbeit leichter für beide Seiten.

Aktuelle Situation in Uganda

Homosexualität ist in Uganda nach wie vor illegal. Seit Jahren ist ein Gesetz in der Schwebe, das Homosexualität mal mehr, mal weniger streng bestraft. Im aktuellen, letzten Entwurf vom Anfang diesen Jahres  fehlt die Androhung der Todesstrafe. Dennoch sind Verfolgung und Bedrohung allgegenwärtig. Unterstützt wird die politische Stimmung durch Hassprediger aus den USA, die mit massivem Mitteleinsatz homophobe Politiken in Kirchen in Uganda tragen. Die Menschenrechtsgruppen in Uganda leisten eine breit angelegte Arbeit, von Forschung über Information und konkreter Unterstützung bei Bedrohung oder Verfolgung bis hin zu Aufklärungsarbeit. Forschungsprojekte müssen bei konkreten Bedrohungslagen immer wieder zurückstehen, dabei wäre Hintergrundinformation von zentraler Bedeutung, sagt Ssenfuka Warry:

„Wir sind immer noch dabei, Informationen zu sammeln: Informationen über Lesben, Schwule, Transidente und Intersexuelle in Uganda, über ihre Lebenssituation, ihre Lebensweisen, ihre Wünsche und Forderungen, ihre Bedürfnisse. Wenn wir so weit sind, werden wir uns international stärker an Diskussionen beteiligen und konkrete Kooperationen eingehen.“

Frauen in der Menschenrechtsarbeit

Lesbische Frauen spielen eine wichtige Rolle im Kampf für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transidenten und Intersexuellen in Uganda. Das trifft auf alle gemischten Gruppen zu, die sich seit Jahren aktiv mit Geschlechterrollen befassen, Frauenkommittees unterhalten und eine enge Vernetzung von Frauen aller Organisationen fördern. Seit 11 Jahren gibt es auch eine reine Frauen-Organisation. Freedom and Roam (~Freiheit und Freizügigkeit) Uganda, abgekürzt FARUG,  wurde am 4. Juli 2003 von drei Lesben gegründet, die mehrere Ziele verfolgten: Sie wollten eine Selbsthilfeorganisation ins Leben rufen, um sich gegenseitig zu unterstützen, hatten  Aufklärungsarbeit und Information über lesbisches Leben in Uganda selbst in den Blick genommen und als dritten Schwerpunkt die nationale und internationale Lobbyarbeit für die Rechte von Lesben, Schwulen, Trans- und Intersexuellen Menschen geplant. In jeder Hinsicht war die Organisation ein Erfolg, auch international: Nachdem Kasha Jaqueline Nabagesera 2010 beim Oslo Freedom Forum aufgetreten war und 2011 einen international bedeutenden Menschenrechtspreis erhalten hat, sind die Menschenrechtszustände in Uganda weit mehr in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit gerückt. Das hat nicht jedoch nur positive Wirkungen, berichtet Ssenfuka Warry:

„Internationale Unterstützung ist sehr willkommen. Wir brauchen sehr dringend Geld, um wenigstens ein kleines Büro mit Energiekosten, Alarmanlage, Computer und Internet zu unterhalten. Wir haben Reisekosten, wenn wir über Land fahren und Flugblätter verteilen. Es fallen Druckkosten an, Telefonkosten und so weiter. Wir unterstützen auch konkret Frauen, die bedroht werden und beispielsweise umziehen müssen. Geld ist also sehr wichtig. Ein weiterer Punkt ist die politische Arbeit auf diplomatischer Ebene. Für uns ist sehr hilfreich, wenn unsere Regierung weiß, dass aus dem Ausland kritisch auf den Zustand der Menschenrechte in Uganda geschaut wird.“

Gar nicht hilfreich sind dagegen finanzielle Druckmittel, beispielsweise bei humanitärer Hilfe und als Wirtschaftssanktionen, wie sie von einigen Politikerinnen und Politikern westlicher Staaten in die Diskussion gebracht werden:

„Wenn Europa oder die USA drohen, wegen der Rechte von Lesben, Schwulen, Trans- und Intersexuellen die Hilfen zu kürzen, fällt das auf uns zurück. Zum einen sind viele Menschen, auch LGBTI Personen, von diesen Hilfen abhängig. Auch von uns haben viele Aids oder andere Krankheiten, die nur durch die internationalen Hilfen behandelt werden können. Zum anderen erhöht sich der Druck auf uns, wenn wegen uns andere Menschen hungern müssen oder keine medizinische Hilfe bekommen. Daher finden wir Spenden und diplomatische Einflussnahme von außen gut, finanzielle Sanktionen schaden uns jedoch.“

Lesben in Uganda leben oft in komplexen, schwierigen Verhältnissen. Viele sind verheiratet, andere leben versteckt mit ihrer Partnerin und / oder Kindern zusammen. Sehr wenige sind offen lesbisch. Wir haben konkret nach der Situation von Butch Lesben und von Transmännern gefragt.

„Transpersonen sind in Uganda extrem von Gewalt bedroht, sowohl Frauen als auch Männer. Das Sichtbarmachen einer unerwarteten Geschlechterrolle scheint für einige Menschen so bedrohlich zu sein, dass sie mit unmittelbaren dramatischen Gewaltexzessen reagieren. Dazu kommt, dass Trans-Identitäten in Uganda sehr oft durch den Kleidungsstil und das Geschlechterrollenverhalten gelebt werden. Geschlechtsangleichende Operationen sind eher selten, weil sie sehr teuer sind. Man muss dafür nach Südafrika reisen, in Uganda selbst werden diese Eingriffe nicht gemacht.“

Zusammenarbeit und Vernetzung in Uganda

FARUG ist eine lesbische Organisation, die explizit Transmänner und Intersexuelle einschließt. Aktiv sind zurzeit rund 60 Frauen. Sie arbeiten in unterschiedlichen Bereichen. Ssenfuka Warry gehört dem Sicherheitskommittee von FARUG an.

Die Organisation ist in Uganda sehr gut vernetzt. Zusammenarbeit gibt es vor allem mit anderen LGBTI Organisationen, darunter Queer Youth Uganda (junge LGBTI Personen), Sexual Minorities Uganda SM-UG (eine Art Dachorganisation), Icebreakers Uganda (Forschung und Jugendrechte), Spectrum Uganda (Schwerpunkt HIV / Aids), Trans Support Initiative Uganda (Transpersonen), Fem Alliance (Empowerment von Lesben) und Kampus Liberty Uganda, Klug (LGBTI Personen an Universitäten).

Hate No More – gegen Hassverbrechen

Die „Hate No More“ Kampagne, die FARUG mit initiiert, stellt auf die Bekämpfung von Hassverbrechen und von öffentlichen Aufrufen zur Tötung von Aktivistinnen und Aktivisten ab. Ihre Methoden sind die öffentliche Benennung von Menschenrechtsverstößen und die Information über konkrete Unterstützung für Lesben, Schwule, Transidente oder Intersexuelle.

„Hate No More“ ist so entstanden, dass wir 2008, 2009 gesehen haben, dass wir dringend eine Strategie brauchen, um mehr alltägliche Rechte zu erhalten. 2009 wurde dann das Anti-Homosexualtiäts-Gesetz eingebracht, so dass sich unsere Aktivitäten bis 2010 auf den Widerstand gegen dieses Gesetz konzentrierten. Seit 2011 liegt der Schwerpunkt unserer Aktivität auf der Aufklärungsarbeit: „Jeder und jede Homosexuelle ist ein Sohn oder eine Tochter.“ Wir wollen die Öffentlichkeit informieren und die Familien unterstützen.“

Mit oder ohne Absicht?

Der Alltag wird allzuoft von sehr einschränkenden Bestimmungen geprägt. So ist es in Uganda beispielsweise keineswegs verboten, wenn zwei Frauen sich umarmen. Allerdings steht die Umarmung dann unter Strafe, wenn sie mit homosexueller Absicht geschieht – das gleiche gilt für öffentliches Händchenhalten, Küsse und so weiter. Hinzu kommt, das Dritte, denen eine homosexuelle Absicht bekannt wird, verpflichtet sind, diese zur Anzeige zu bringen. Gerade diese Vorschrift setzt die Familien massiv unter Druck – und noch mehr die Frauen, die es vorziehen, heimlich und versteckt zu lesbisch leben, um ihre Familie nicht in die Situation zu bringen, für sie gegen das Gesetz zu verstoßen und zu lügen.

Auch wenn die Interpretation einer absichtsvollen Umarmung absurde Züge hat, können die Folgen erheblich sein. Oft nimmt die Polizei die Delinquentinnen dann fest und behält sie eine Weile in Haft, um sie nach einiger Zeit, früher oder später, wieder freizulassen – ohne gerichtliche Anordnung, ohne die rechtsstaatlichen Verfahren, die eigentlich vorgeschrieben wären. Die betroffenen Frauen werden von FARUG unterstützt.

Rechtsstaatliche Mittel gegen Verfolgung und Unterdrückung

Eine weitere wichtige Aktivität von FARUG ist die gerichtliche Auseinandersetzung. So verklagte Ssenfuka Warry einen Minister, der kurzfristig einen FARUG-Workshop in einem Hotel hatte auflösen lassen. Eine weitere sehr öffentlichkeitswirksame Klage richtet sich gegen den evangelikalen US-Prediger Scott Lively. In dieser Anklage, die von der Organisation Sexual Minorities Uganda erhoben wurde und von weiteren Gruppen, darunter FARUG, unterstützt wird, geht es um den Vorwurf der Aufhetzung. Danach hat Herr Lively seit 2002 mit religiösen und politischen Kräften in Uganda zusammengearbeitet mit dem Ziel, eine anti-homosexuelle Hysterie zu entfachen. Die Kläger argumentieren, die Aktivitäten von Herrn Lively hätten in Uganda zur Verfolgung, Inhaftierung, Folter und Mord an Schwulen und Lesben geführt.

„Unsere Organisationen werden ständig ausgeraubt. Aktivistinnen und Aktivisten werden verfolgt und bedroht“,

sagt Ssenfuka Warry.

Spenden

Die Eddy Hirschfeld Stiftung sichert zu, Spenden mit konkretem Verwendungszweck 1:1 weiterzuleiten. Spenden sind steuerabzugsfähig, alle Spenderinnen und Spender erhalten eine Spendenbescheinigung.

Spendenkonto
Hirschfeld-Eddy-Stiftung
Stichwort: Uganda
Konto 50 100 00
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ 370 205 00
www.hirschfeld-eddy-stiftung.de

 

Links und Quellen:

  • … mehr über die Arbeit von FARUG bei L-talk
  • Freedom and Roam Uganda FAR-UG
  • Queer Youth Uganda, queeryouth.org.uk
  • Sexual Minorities Uganda SM-UG, smug.4t-com
  • Spectrum Uganda, spectrumuganda.org
  • Kampus Liberty Uganda Klug, klug.cfsites.org
  • Renate Rampf: “Das größte Problem sind Unwissenheit und Vorurteile”, Bericht der Eddy Hirschfeld Stiftung über eine Veranstaltung mit Ssenfuka Warry in Berlin am 19. März 2012, lsvd-blog.de
  • Laurie Goodstein: Ugandan Gay Rights Group Sues U.S. Evangelist, Bericht über die Anklage von Sexual Minorities Uganda gegen den evangelikalen Prediger Lively in der New York Times, 15.03.2012 (Download 15.04.2012)
  • Emily Gray: ‘I am because you are’ – the first ever UN panel on sexual orientation and gender identity, Amnesty International, amnesty.org, 23.03.2012
  • Hirschfeld-Eddy-Stiftung, Stiftung für die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender, hirschfeld-eddy-stiftung.de