Ausgerechnet mit Atemübungen und Meditation möchte Swami Baba Ramdew „unnatürlichen homosexuellen Gelüsten“ ein Ende bereiten, meldet Spiegel online. Grund genug, mal einen Blick auf lesbische Bewegungen in Indien zu werfen.

Konservative Kreise in Indien wollen mit Bezug auf koloniale ebenso wie auf religiöse und kulturelle Traditionen der neuerdings legalisierten Homosexualität Einhalt gebieten. Was hier in Mitteleuropa mit viel Glockengeläut und Gebete vonstatten geht, findet in Indien seine Entsprechung offensichtlich ebenfalls in ortsüblichen Methoden.

Seit einigen Jahren gibt es erst vorsichtige, dann unaufhaltsam wachsende emanzipatorische Ansätze in Indien, sowohl von Lesben als auch von Schwulen. Sie schienen gerade neuen Aufwind zu bekommen: Tatsächlich hat Anfang Juli 2009 das Oberste Gericht in Delhi ein 150 Jahre altes Gesetz aus der Kolonialzeit für verfassungswidrig erklärt, unter dem Homosexuelle mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden konnten.

„Wir erklären den Paragrafen 377 des indischen Strafgesetzes für nicht verfassungsgemäß, da er einvernehmliche, im Privaten durchgeführte Handlungen kriminalisiert“,

hatte der Vorsitzende Richter A. P. Shah dazu erklärt. Ebenso wie der frühere § 175 des deutschen Strafgesetzbuchs, der erst 1994 abgeschafft wurde, stellte das indische Gesetz explizit männliche Homosexualität unter Strafe.

Lesben betrifft die Entscheidung des Gerichts daher politisch und gesellschaftlich – juristisch hat sie jedoch kaum direkte Auswirkungen. In Indien ist lesbische Liebe nicht verboten. Sie wurde nicht wahrgenommen, sie existierte sehr lange einfach nicht. Daher wurde in Section 377 des indischen Strafgesetzes auch nur die schwule Sexualität unter Strafe gestellt. Frauen müssen nicht vor Frauen sondern vor Männern geschützt werden, berichtete Urmila Goel 2003 in Südasien:

Es ist normal, wenn Frauen sich in den Arm nehmen, Hände halten oder ähnliche Formen von körperlicher Nähe zeigen. In diesem Umfeld ist es nicht schwer, lesbische Liebe zu leben. Es darf nur nicht öffentlich werden. Und frau darf sich nicht ihrer Aufgabe, Ehefrau zu werden, entziehen. Unverheiratet zu bleiben ist für die meisten indischen Frauen nahezu unmöglich. Damit aber ist auch ein selbstbestimmtes lesbisches Leben keine Option.

Gerade weil das neue Gerichtsurteil unter progressiven Inderinnen und Indern begeistert gefeiert wurde, ist der konservative Backlash bitter – nicht zuletzt für die Anhängerinnen indischer Weltanschauungen in der westlichen Welt, wo Indisches oft in einen Topf geworfen wird.

Deepa Methas Film „Fire“

Auch in Indien war es eine Frau, deren Engagement eine große Bewegung auslöste. Seit Deepa Methas Film Fire von 1996, dem ersten Teil ihrer berühmten Trilogie, wurden in Indiens Ballungszentren Helplines für lesbische Frauen gegründet. Fire spielt im modernen Indien und wurde sehr kontrovers diskutiert wegen seines schonungslosen Blicks auf die traditionelle Ehe und dem offensichtlich lesbischen Verhältnis zweier Frauen; eine von ihnen gespielt von Shabana Azmi, die zu den wichtigsten indischen Schauspielerinnen der Gegenwart zählt.

Daniela Fohn beschreibt in ihrem Artikel „Frauenliebe“, wie die Österreicherin Sabina Lankisch Ende der 1990er Jahre begonnen hatte, sich mit lesbischen Beziehungen in Indien zu befassen. Nachdem sie in Delhi Kontakt zu der dort ansässigen Schwulen- und Lesben-Helpline Sangini geknüpft hatte, wollte sie selbst initiativ werden. Auf ihren Reisen quer durch das Land, bei denen sie sich immer in den letzten Wagon der Zuges, in das sogenannte Ladies Compartment setzte, begann sie zahlreiche Interviews mit Frauen aus verschiedenen Kasten zu führen und sie „ganz diplomatisch auf ihre sexuelle Orientierung und ihre Sexualität anzusprechen.“

Homosexualität wird in Folge der Diskussionen über Deepa Methas Filme und weitere emanzipatorische Veröffentlichungen der letzten zehn, fünfzehn Jahre in Indien offensiver gelebt und öffentlich besser  wahrgenommen. Das betrifft ausdrücklich Lesben. Zwar war die strafrechtliche Verfolgung auf Männer beschränkt und der Fokus daher auf männliche Sexualität gerichtet – dennoch entwickeln sich in Indien rasant lesbische Szenen und Subkulturen. Der kulturelle Backlash in Folge der Gerichtsentscheidung wird, ebenso wie ein neuer Auftrieb für die Bewegung, Lesben treffen.

Zum Schluss noch mal Urmila Goel zwei Jahre später von ihrer Tour de Queer India, 2005:

Ich traf all diese Lesben, Bisexuellen, Frauen liebenden Frauen, und wie immer sie sich bezeichnen. Ich lernte, queere Frauen zu sagen, und ich war beeindruckt. Ich lernte sehr viel dazu. Die Frauen, die ich traf, waren so viel mehr im queeren Diskurs zu Hause, so viel weiter in der konzeptionellen Entwicklung, so viel aktiver als ich. Es war faszinierend. Die Frauen waren faszinierend.

Links und Quellen:

  • Yoga-Guru will Homosexuelle mit Atemübungen bekehren, Spiegel online 9.7.2009
  • Sieg für Indiens Homosexuelle, taz 2.7.2009
  • Netzwerk Lesben und Buddhismus, lesbenundbuddhismus.de
  • Daniela Fohn: Frauenliebe, anschläge. Das feministischen Magazin, 2006
  • Barbara Tiwari: Frau-Sein / Lesbe-Sein in Indien und Nepal (2), wolfsmutter.com, 30.01.04
  • Urmila Goel: Fire – Lesbische Liebe in Indien und der Diaspora, erschienen in Südasien 2/2003, 63-64
  • Urmila Goel: Tour de Queer India. A German’s fascination with strong women, published in: Scripts 7/ Juni 2005, 25-26