Lesbenfrühlingstreffen 2010 in HamburgLustig, politisch und inspirierend

„Lesben Leinen Los – zwischen Hamburg und Südafrika“: Das Workshop-Programm des LFT 2010 vom 21.-24. Mai in Hamburg bietet Anregungen zum Lösen der Leinen und zum Knüpfen neuer lesbischer Netze.

Das Tagesprogramm des diesjährigen Lesbenfrühlingstreffens (LFT) umfasst 5 Ausstellungen und den Kunsthandwerkerinnenmarkt, 5 Themenräume und fast 120 Workshops. Hierzu zählen unter anderem 5 Lesungen, zwei Erzählcafés und eine internationale Podiumsdiskussion. Hinzu kommen die drei LFT-Plena (Eröffnung, Mitte, Abschluss), die Demo mit Kiss-In sowie einige Veranstaltungen unterwegs in der Stadt beziehungsweise auf der Elbe.    

Wie kommt das LFT-Programm zustande?

Das Programm der LFTs wird von vielen gemacht. Die Teilnehmerinnen geben den LFTs auf den Plena von Jahr zu Jahr einen Rahmen. Manche tun sich als Gruppen zusammen und sind beim LFT mit eigenen Café-Räumen vertreten. Die SAFIAs, der Verein der Lesben ab 40, sind dabei, und auch die JungLesben, mit eigenen Veranstaltungen. Die Organisatorinnen überlegen sich, was an Themen und Kontroversen „in der Luft“ liegt und was sie selbst davon für das LFT-Programm am interessantesten finden. Dann gibt die Orgagruppe ihr Motto bekannt und es melden sich Referentinnen und Künstlerinnen, die was anbieten. Die Tagesprogramm-AG im Hamburger Orgateam hat zu einigen Themen von sich aus Referentinnen angesprochen. Bei den Veranstaltungen gibt es diesmal weniger Vorträge und mehr Workshops zum Mitmachen. Darauf darf lesbe spielerisch gespannt sein.

Die Themenschwerpunkte beim LFT 2010

Gastbeitrag von Claudia zum Lesbenfrühlingstreffen 2010Fünf Themenschwerpunkte wurden gebildet, zum Teil mit Filmen. Zunächst ist da das Thema Internationalismus, Migration und Unterwegssein. Scheinbar, so heißt es in den herkömmlichen Medien, lösen sich Grenzen zwischen Ländern und Kulturen zunehmend auf. Im LFT-Programm wird dieses Bild kritisch hinterfragt: Wessen Grenzen bleiben bestehen oder werden sogar verschärft? Und wer gewinnt dabei? Diese Fragen bilden auch die Brücke zum zweiten Themenschwerpunkt, in dem es um Widerstand und Überleben von Lesben geht. Hier gibt es Workshops, in denen individuelle und gesellschaftliche Organisationsformen von Lesben zum Thema gemacht werden. Die Clownerie als Widerstandsform ist inbegriffen, ebenso ein Workshop mit dem Titel „queer-feministisch und lesbisch-separatistisch – zwei Ansätze begegnen sich“. Ein weiterer Schwerpunkt ist zu Finanzen und Armut. Lesbe kann sich hier intensiv mit Fragen befassen wie: Geld und dessen Ausbleiben, Steuern und Finanzpolitik, Vorsorge und Nachsorge. Platz ist auch für kreative Ideen im Umgang mit der Finanzkrise und für lesbische Kritik am Kapitalismus.

Der vierte Themenschwerpunkt dreht sich um Gesundheit und Bewegung. Hierzu finden einige der Veranstaltungen in der Gymnastikhalle statt und es gibt eine Shiatsu-Ecke ebenso wie Workshops zum Singen und Lachen, zum inneren Chaos, zum Umgang mit Krebs, Demenz, Traumatisierungen und „Viele-Sein“ (Film), zur Patientinnen-Verfügung und zum Glück an sich. Workshops zu Tabus in der Lesbenszene bilden den fünften Schwerpunkt. Hier geht es um Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen, um zuviele oder zuwenige Haare, um verschiedene Aspekte von Intersexualität, um die Lesbenszene und Trans* sowie um Bilder von Sexualität und „Weiß-Sein“ (Film). Es wird diskutiert zum Thema „Pornographie – bekämpfen oder genießen?“ und es geht auch um „Keine Lust!?!“ Nicht zuletzt gibt es einen Workshop zum Thema „Tabu – was ich schon immer mal sagen wollte“.

„Themenräume“

Von den vorigen LFTs wird ein Wunsch in die Tat umgesetzt: Es wäre schön, sich zu einem Thema länger austauschen zu können. Denn vielleicht kommt lesbe mit einer anderen bei einem Workshop ins Gespräch und beide möchten dies in konzentrierter Atmosphäre fortsetzen. Oder es gibt wichtige Fragen, zu denen kein eigener Workshop im Programm ist. Also kann eine Spontanveranstaltung konzipiert werden oder es entsteht eine Aktionsgruppe am eigenen Wohnort. Pro Themenschwerpunkt steht beim LFT ein freier Raum ganztägig zur freien Verfügung. Die Themenräume bieten auch Platz, um neue Anregungen in Ruhe zu überdenken. Sie sind ausgestattet mit Tafel oder Flipchart, mit Stiften, Papier und thematischen Anregungen.

Mosaik vollkommen

Ein weiteres Bündel von 25 Workshops stellt sich wie ein ergänzendes Mosaik dar, mit Angeboten zu Beziehung, Wohnen, Alter, Kinder, Coming out, Kreativität, Tod und Trauer, Netzwerke und Spiritualitäten. Hier sind einige der beliebten jährlichen LFT-Workshops wiederzufinden. Auch neue Referentinnen und Themen sind dabei.

Internationalismus: Lesben lösen Leinen und knüpfen Netze

Manche der Internationalismus-Veranstaltungen, etwa die zu illegalisierten Lesben und Transgender in Hamburg, zu Lesben in Polen, in Argentinien und im Iran, sind auf Deutsch. Weitere Veranstaltungen sind auf Englisch und werden seitens der Organisatorinnen ins Deutsche übersetzt: zu Lesben in Südafrika, zu Lesben in St. Petersburg (Russland) sowie die Podiumsdiskussion und auch der Redebeitrag von Phumi Mtetwa aus Johannesburg bei der Kundgebung. Für weitere Veranstaltungen können in verschiedenen Sprachen die Übersetzungswünsche und -angebote von den LFT-Teilnehmerinnen selbst organisiert werden: mit Hilfe ihrer Einträge in die aushängenden Veranstaltungslisten.

Die Podiumsdiskussion: „Zwischen Hamburg und Südafrika“

Am Sonntag um 14:30 ist eine internationale Podiumsdiskussion, die von der Hamburger Journalistin Katrin Jäger-Matz moderiert wird. Es geht um Lebensrealitäten von Lesben in ihren jeweiligen rechtlichen, sozialen und gesellschaftspolitischen Kontexten, inklusive Migration. Als Sprecherinnen eingeladen wurden: Phumi Mtetwa aus Südafrika, sie stellt die Kampagne „Act to end hate“ – Handelt, um Hass zu beenden – vor. Mónica Lastra war 10 Jahre Aktivistin in der Beratung von Frauen und Transsexuellen aus Lateinamerika in Hamburg und lebt seit 4 Jahren wieder in Buenos Aires (Argentinien). Blanca Díaz, ihre Kollegin in der Organisation „Mujeres sin Fronteras“ (Frauen ohne Grenzen), wird über die Situation von Lesben in Spanien berichten. Shadi Amin ist Exil-Iranerin und als Aktivistin und Journalistin in der BRD tätig. Die Künstlerin Hanna Lindenberg lebt nach 22 Jahren in Wales wieder in Berlin. Anna Laszuk wird über Lesben in Polen berichten. Sie ist Protagonistin in dem Film „Yes we are“, zu dem es auch eine eigene Veranstaltung gibt, ebenso wie zu den politischen Themen von Phumi Mtetwa, Mónica Lastra und Shadi Amin.

Führungen und Stadtrundgänge

Vor Ort in Hamburg was erkunden: In der Nähe der Veranstaltungsorte sind im ehemaligen jüdischen Viertel (Grindel) einige der Stolpersteine näher in Betracht zu ziehen. Ein weiterer Stadtrundgang befasst sich mehr in der Innenstadt mit lesbischem Leben in Hamburg. Drittens gibt es eine Führung im „Garten der Frauen“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof, auch dies eine spannende Quelle von Frauengeschichte. Eine weitere Quelle neuer Einsichten ist in der Speicherstadt die LFT-externe „Ausstellung zur Entdeckung des Unsichtbaren“: „Dialog im Dunkeln“. Hier sind am Sonntag um die Mittagszeit zwei Termine für LFT-Besucherinnen gebucht, für die sich jeweils 8 Teilnehmerinnen eintragen können (vor Ort dann 15 Euro extra Eintritt). Weitere Erkundungs-Angebote könnten sich beim LFT spontan ergeben.

Spontanveranstaltungen

Wie jedes Jahr beim LFT gibt es auch in Hamburg Platz für Spontanveranstaltungen. Bei den Infotischen hängt für Ideen, die innerhalb der Veranstaltungsräume statt finden sollen, ein Plan mit Zeiten und Räumen aus, in den die Angebote für Spontanveranstaltungen eingetragen werden können. Je rechtzeitiger diese eingetragen werden, umso besser für diejenigen, die sich mit dem Team der Gebärdendolmetscherinnen für jeweils zwei ausgewählte Veranstaltungen pro Zeitfenster verabreden, um teilnehmen zu können.

Genuss der Zeitlosigkeit: Die Ausstellungen beim LFT

Losgelassen sind die Leinen auch für eine Serie von Ausstellungen und für den Kunsthandwerkerinnenmarkt, denn diese sind nicht zeitlich gebunden, sondern erwarten die Besucherinnen einfach so.

Die LFT-Kunstausstellung feiert in Hamburg ihren 10. Geburtstag in der schönen Aula der Gewerbeschule. Neben der Vernissage zur Eröffnung am Samstag nach der Demo gibt es auch zwischendurch einige Programmpunkte in der Aula, darunter auch akustische. Hauptsache sind allerdings die vielseitigen Werke, die lesbische Künstlerinnen von fern und nah zum LFT beitragen. Manche der Werke sind auch zum Ertasten.

Darüber hinaus laden vier thematische Ausstellungen zum Flanieren, Wägen und Verweilen ein. Zwei von ihnen haben ebenfalls eine Eröffnung: Einführungen gibt es zu den lesbischen Stolpersteinen in der Ausstellung „Homosexuellen-Verfolgung in Hamburg 1919-1969“ und zu der Ausstellung, die sich mit der Geschichte des Jugendkonzentrationslagers für Mädchen und junge Frauen in der Uckermark befasst. Zwei ausgesprochen gegenwartskritische Ausstellungen runden das Programm ab: „HaareGegenMacht – Macht über Frauenkörper durch Körperkonzepte“ und „Alarm!!! Genmais im Elbvorland!“.

Die losgelassenen Leinen gleich zum Knüpfen neuer lesbischer Netze zu verwenden, dafür gibt es viel Gelegenheit beim LFT 2010.

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