Lesben in Tunesien, Teil 2

von | 21. Februar 2014 | Identitäten | 0 Kommentare

[Diesen Artikel zu Lesben in Tunesien schrieb ich für die Hamburger Lesbenzeitung escape, Ausgabe April 2012, ich blogge ihn aus aktuellem Anlass: Neue tunesische Verfassung seit dem 31. Januar 2014]

Lesben in Tunesien nicht nur als Touristinnen, sondern als ständige Bewohnerinnen?

Vue_Tunis.jpg 2006; by Moumou82/Iunity; commons.wikimedia.org; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

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Seit sich der nun berühmte tunesische Gemüsehändler mit Uni-Abschluss in Informatik, Mohammed Bouazizi, am 17. Dezember 2010 aus wirtschaftlicher Verzweiflung selbst verbrannte, hat sich nicht nur in Tunesien viel ereignet. Auch heute [April 2012] werden viele junge Leute Mitte zwanzig mit dem Verkaufen von Gemüse sechs Geschwister und die Eltern ernähren, von umgerechnet 125 Euro im Monat. Und auch heute wird diese Summe nicht reichen, um obendrein eine Lizenz zu bezahlen. Und auch für das Bestechungsgeld würde es nicht reichen, um von der Polizei nicht öffentlich gedemütigt zu werden – wie 2010 im Fall von Herrn Bouazizi. Mit den Verbrennungen hat er noch drei Wochen gelebt und vielleicht hat er noch gehört, dass fast alle der 8000 Rechtsanwält*nnen des Landes am 6.1.2011 in den Streik getreten sind als Reaktion auf den Schlagstockeinsatz der Polizei gegen ca. 1000 Teilnehmer*nnen an einer Kundgbung von Ärzt*nnen, Lehrer*nnen und Postangestellten in Tunis in der Woche zuvor.

Ich wünschte, Mohammed Bouazizi hätte das Weitere auch noch erlebt. Aber wünsche ich dem jungen Mann wirklich, dass er das erlebt hätte? Nehmen wir an, er war schwul und seine sozial angeratene Gefährtin, sofern er im Überlebenskampf seiner Familie überhaupt Zeit für eine Beziehung hatte, lebt weiterhin in Tunesien und sie ist lesbisch…

Bewegung in welche Richtung?

Ein aktives Wahlrecht für Frauen gibt es in Tunesien seit 1956. In einem Interview, das zum 8. März 2012 beim politischen Kollektiv-Blog nawaat.org publiziert wurde, äußert die Frauenrechtlerin Sophie Bessis die Einschätzung, dass es allerdings kein Fortschritt sei, wenn Frauen nur 23% der Sitze im Parlament innehätten, wenn es doch ein Gesetz für paritätische Wahllisten gegeben hätte. Nota bene: Im deutschen Bundestag haben Frauen derzeit [April 2012] 32,8% der Sitze inne, in der CDU/CSU-Fraktion liegt der Anteil mit 20,1% unter dem tunesischen Durchschnitt. Auch in der Regierung, betont Sophie Bessis, seien Frauen mit nur einer Ministerin (für Frauen…) zuwenig vertreten. Also sei es in den letzten Monaten trotz der großen öffentlichen Beteiligung von Frauen keineswegs schnell genug vorangegangen. Immerhin habe sich im Parlament eine interfraktionelle Frauengruppe gegründet, berichtet Sophie Bessis, und dies sei eine interessante Initiative. Erhöhte Aufmerksamkeit sei geboten beim Formulieren der neuen Verfassung. Hier habe die Zivilgesellschaft mit ihren vielen Vereinen eine besonders wichtige Aufgabe, indem sie die politische Klasse auch für mehr Frauenrechte unter Druck setzen… von Lesbenrechten keine Rede.

Im Gegenteil. Der Minister für Menschenrechte und Übergangsjustiz war von amnesty international (ai) aufgefordert worden, seine Aussagen vom 4. Februar 2012 zurückzunehmen (die ich hier bewusst nicht wiederhole). In der ai-Pressemitteilung vom 1.3.2012 heißt es dazu: „Diese Bemerkungen sind extrem enttäuschend, v.a. da sie von eben der Person stammen, die sicherstellen sollte, dass die Menschenrechte aller Tunesier geschützt sind“, sagte Hassiba Hadj Sahraoui, stellvertretende Direktorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International. „Das sind nicht nur Worte. Die stillschweigende Hinnahme von Diskriminierung auf Grundlage der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität ist ein Blanko-Scheck für die schwersten Menschenrechtsverletzungen.“ Es ist in Tunesien also Schlimmstes zu befürchten.

Lesben äußern sich (lieber nicht)

Die tunesischen Blogs von 2009 sind nicht mehr vorhanden oder nicht mehr frei zugänglich, nur bei facebook haben sich einige tunesische LGBT- oder Toleranz-Gruppen Platz geschaffen. Im Blog bei http://lgb3t.forumotion.net schreibt boyishLesbo_ am 29. Juni 2011 als Antwort auf eine Interviewanfrage über Lesbischsein in Tunesien: „Ich denke, dass wenn die Gesellschaft offen genug sein wird mit ihrer gedanklichen Einstellung (esprit) und fähig sein wird, „das Fremde“ so zu akzeptieren wie sie es von sich schon jetzt sagen, dann könnten wir viel miteinander reden, aber derzeit haben wir gewissermaßen nicht dieselbe(n) Geschichte(n), aber natürlich gibt es immer auch Ausnahmen :-).“

L-talk.de: Lesben in Tunesien (Teil 1), gebloggt am 18. Januar 2011