Südafrika: Eine der höchsten Gewaltraten gegen Frauen, das von der Aids-Epedemie am stärksten betroffene Land und 2010 die Männer-Fußball-WM (sicher noch mehr Vergewaltigungen). Wie Lesben sich wehren.

Lesben in SüdafrikaSüdafrika war 1994 der erste Staat, in dem die Gleichstellung für Lesben und Schwule explizit in der Verfassung verankert wurde. Allerdings brachte die von Weißen gelenkte Emanzipationsbewegung fast ausschließlich Stimmen zu weißen Belangen in die Öffentlichkeit. Die Anliegen von schwarzen Lesben fehlten in den Berichten über die Probleme und Kämpfe von Lesben und Schwulen. “Infolgedessen standen wenige von uns im Rampenlicht, im Untergrund aber operierten viele”, sagt Zanele Muholi.

Schwarze Lesben sichtbar machen
Die Fotografin Zanele Muholi

Zanele Muholi versteht sich als Community-Arbeiterin.  Als Fotokünstlerin will sie mit ihren Portraits ein positives Bild von schwarzen Lesben zeichnen. Ihre Arbeiten machen die Lebensweise und den Widerstand der schwarzen lesbischen Community in der südafrikanischen Gesellschaft sichtbar und sind ein Beitrag zur demokratischen und queeren Geschichte und Gegenwart des Landes. Die Fotografien zeigen Innenansichten einer lesbischen Gemeinschaft, die den Verlust von Freundinnen durch Erkrankung oder durch Gewalttaten als kollektive Erfahrung kennt.

Einige derjenigen Lesben, die mit Zanele Muholi zusammengearbeitet haben, leben inzwischen nicht mehr. Ihre individuellen Spuren werden mit den Fotografien auf eine längere Dauer hin spürbar und stiften Andenken daran, wie Lesben zu einem bestimmten Zeitpunkt in bestimmten Zusammenhängen gelebt haben.

Visueller Aktivismus

Im Laufe der Zeit hat Zanele Muholi mit vielen Lesben zusammengearbeitet, unterwegs in den Townships der Provinz Gauteng, in Alexandra, Soweto, Vosloorus, Katlehong, Kagiso und weiteren. Lesben leben offen zusammen trotz der homophoben Ächtung, die ihnen als Außenseiterinnen entgegenschlägt. Es sei wichtig, jedem Problem offen ins Gesicht zu sehen, sagt Zanele Muholi, der ihr Engagement viele schlaflose Nächte bereitet hat. Es sei schwer, angemessen mit den Erzählungen von Verletzungen umzugehen und nicht erneut zu verwunden, sondern würdevolle Portaits zu schaffen, um sich zu wehren. Werde die Kamera lediglich von Außen genutzt, seien meist nur Sensationen das Thema, etwa Hassverbrechen. Mit ihrem Fotoaktivismus hingegen setzt Muholi auf gegenseitige Verständigung und macht die Vielfalt von Charakterzügen und beruflichen Rollen sichtbar. Gemeinsam wird mit den Fotografien an der Frage gearbeitet: was bedeutet es, eine Frau, eine Lesbe und eine Schwarze im heutigen Südafrika zu sein? “Wir werden uns unseren Erfahrungen stellen, wie immer sie aussehen mögen, und wir werden weitermachen”, sagt Muholi.

Kontroverse:
Kulturministerin verweigert Eröffnungsrede

Freie Meinungsäußerung ist in Südafrika ebenso in der Verfassung verankert wie die Gleichstellung und Respekt für Vielfalt. Auch das Forum for the Empowerment of Women (FEW, Forum zur Stärkung von Frauen) hatte im März 2010 Anlass, sich zu wehren. Bei einer Foto-Ausstellung von Zanele Muholi verweigerte die Kulturministerin Lulu Xingwana (ANC) ihre Eröffnungsansprache. Eine persönliche Meinung stünde Xingwana natürlich zu, meint FEW, aber in ihrer Rolle als Ministerin habe sie die Verfassungsgrundsätze zu respektieren. Indem sie sich ablehnend zu den künstlerischen Fotos äußere, die Lesbenpaare erotisch ohne Kleidung sichtbar machen, schüre sie Feindlichkeiten gegenüber schwarzen Lesben. FEW fasst diese Äußerungen als Homophobie auf und sagt, dass Hassverbrechen durch mangelnde Toleranz motiviert seien.

Kampagne “Act to end hate”
am 22.5. bei Demo in Hamburg

Gegen Hassverbrechen arbeitet auch das Lesbian and Gay Equality Project (Projekt für Gleichheit) in Johannesburg. Mit der Kampagne “07-07-07 Act to end hate” („Handelt, um Hass zu beenden“) errang die Organisation einen großen Erfolg im Frühjahr 2009, als erstmals ein Hassverbrechen zu einer Verurteilung führte. Die Kampagne läuft weiter, denn sie bleibt aktuell, vor allem zu Zeiten einer Männer-Fußball-WM, in deren Umkreis durch Vergewaltigungen auch ein drastisches Ansteigen der HIV-Rate befürchet wird.

„Lesben in Südafrika” ist aktuell auch Thema beim LFT 2010 vom 21.-24 Mai in Hamburg (Uni/Eimsbüttel). Dank der Förderung durch filia. die frauenstiftung wird Phumi Mtetwa, die Leiterin des Lesbian and Gay Equality Project, live vor Ort sprechen: Unterstützung für die Kampagne „Handelt, um Hass zu beenden“ in zwei Veranstaltungen beim LFT und bei der Kundgebung Nähe Hamburger Rathausmarkt am Pfingstsamstag, 22.5., 12 Uhr.

Vielen Dank an Camera Austria (No. 100/2007), an Antke Engel (Queer Institut Hamburg/Berlin) und vor allem an Zanele Muholi, zanelemuholi.com

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Zanele Muholi über ihre Kunst, über Gewalt und über die Sichtbarkeit von Lesben:

Enraged by a picture


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