[Diesen Artikel zu Lesben in Japan schrieb ich für die „escape“ für die Ausgabe Juli 2009, ich blogge ihn aus aktuellem Anlass: Erdbeben, Flut- und Nuklearkatastrophe]

Weit weg, das Land? Ja, aber Lesben in Japan sind uns viel näher als wir wohl meist denken. Impressionen einer kurzen Reise im Web.

In Japan gibt es seit 1909 Frauenuniversitäten, also seit 100 Jahren. Das ist etwa so lang wie es in deutschsprachigen Ländern das Frauenstudium in gemischt-hierarchischen Verhältnissen gibt. In Japan geht das Frauenstudium nach offizieller Geschichtsschreibung auf die Initiative eines Mannes zurück, der sich als Reformator des Bildungswesens engagiert hat. Für die, die gern mit Frauen lernen, klingt die Idee einer Hochschule für Frauen vielleicht auch lesbisch vielversprechend. Könnte sein. Einen eigenen japanischen Begriff für Lesben, „rezubian“, gibt es seit den 1960er Jahren. „Rezubian“ bezeichnet heute Frauen, die andere Frauen als Partnerinnen begehren.

Die Rolle von Autoritäten

In Deutschland ist das Denken traditionell pyramidenförmig, nach dem Motto: oben ist am wichtigsten, alles darunter muss schlüssig aufgebaut sein. In Japan kommt es meist nur darauf an, dass eine, die ihrer Aussage Geltung verschaffen möchte, einen Meister benennen kann, vielleicht auch eine Meisterin. Daran wird der Wert einer Aussage bemessen. Dies macht auch deutlich, wie wichtig es für Lesben ist, im politischen Geschehen auf eine Meisterin verweisen zu können.

Kanako Otsuji publizierte zum Pride in Tokyo 2005 ihre lesbische Autobiografie „Coming Out“. Zuvor war sie seit 2003 im Präfekturparlament von Osaka, der drittgrößten Stadt Japans. 2007 kandidierte sie bei der nationalen Parlamentswahl als offen lesbische Kandidatin der Demokratischen Partei (Minshuto). Zwar erhielt sie keinen Sitz im Parlament, sie hat aber durch ihre politische Kampagne als offene Lesbe im Wahkampf viel Aufmerksamkeit erlangt. Zu ihrer Verpartnerungszeremonie 2007 erhielt sie unter anderem ein Glückwunschschreiben ihres Parteivorsitzenden. Kanako Otsuji ist Trägerin von Schwarzgurten in Karate & Tae-kwon-do und heute 35 Jahre alt. Ihrer Website sind leider keine aktuelleren Einträge zu entnehmen.

Rechtliche Lage

Weitgehend wird Homosexualität in Japan stillschweigend toleriert. Das ist auch traditionell so, denn außer durch den vorübergehenden Einfluss des deutschen Strafgesetzbuchs (ab 1907) war Homosexualität in Japan nicht kriminalisiert. Allerdings gibt es andererseits auch keine rechtliche Handhabe, um gegen Diskriminierung vorzugehen. Stillschweigen auch da.

CSDs finden in Japan seit 1996 statt. In Sapporo, mit knapp 2 Millionen EinwohnerInnen die fünftgrößte Stadt, heißt der CSD „Rainbow March“ und hat im Land die längste Tradition: im Mai 2009 hat er zum dreizehnten Mal statt gefunden. Der Bürgermeister von Sapporo hält seit 2003 eine Ansprache beim CSD. In der Hauptstadt Tokyo hatte es 2007 noch einen großen CSD gegeben, 2008 jedoch keinen und der von 2009 war ohne Parade, weil Interesse und Unterstützung fehlte.

LOUD in Tokyo

Website von LOUD Tokio, „Lesbians of Undeniable Drive“

In Tokyo gibt es aber LOUD, in lateinischen Buchstaben. Das steht für ‚Lesbians of Undeniable Drive‘ (Lesben mit unbestreitbarer Dynamik) und soll sicher auch „laut“ sein, eine Untugend für Frauen, dort wie hier. Die selbstorganisierte Initiative wurde 1995 von 3 Lesben gegründet. Heute zählen sich 3 Teamleiterinnen und 7 Assistentinnen zum ehrenamtlichen Team. Sie bieten der lesbischen und bisexuellen Community sowie befreundeten anderen Gruppen eine Möglichkeit, sich in ihren Räumen zu treffen, neue Leute kennen zu lernen, aus der Bibliothek Bücher auszuleihen sowie welche zu kaufen. Ferner können bei LOUD Zeitschriften, T-shirts, Kalender und Accessoires erworben werden. Finanziert werden die Aktivitäten über diese Einnahmen, über Mitgliedsbeiträge, Veranstaltungen und Raummieten.

Zwei Benefiz-Events finden regelmäßig statt: An jedem zweiten Sonntag im Monat gibt es nachmittags einen Open Day. Im Eintritt von 500 Yen (ca. 4 EUR) sind Snacks enthalten. An jedem vierten Samstag von 19-23 Uhr findet eine Candle Night (Kerzen-Nacht) statt, für 1.000 Yen inklusive einem Getränk. Der Open Day ist für alle offen, die Candle Night für Frauen. Eine vorherige Reservierung ist bei beiden Veranstaltungen nicht nötig. Auf der Website wird die angenehme Atmosphäre geschildert. Hier bei LOUD sei es entspannender als im Gay Nachtclub-Distrikt von Tokyo. Sie schreiben eingangs auch, dass es in den meisten anderen großen Städten in Europa, Amerika und Australien Lesbisch-schwule Zentren gebe und dass auch diese mal klein angefangen haben. Wünsche sowie Anregungen dazu, wie sie am besten den Bedürfnissen der Community entgegen kommen können, nehmen die LOUD-Aktivistinnen gern entgegen.

Links:

LOUD Tokio (Lesbians of Undeniable Drive), http://www.space-loud.org/loud/