Judith erzählt aus ihrer Zeit als Studentin an einem traditionsreichen College in New Hampshire, an der Ostküste der USA: Wie sich Lesbischsein irgendwie anders anfühlte als in Deutschland.

Claudia: Kannst du dich erinnern, was anfangs das lesbischste Ereignis war, als du in die USA zum Studieren gingst?

Judith: Das ‚lesbischste Ereignis’? Haha! Vor meiner Zeit in Dartmouth war ich nur im Urlaub in den USA, wobei Lesbischsein nie wirklich Thema war. Was mich am College-Leben in Amerika am meisten überrascht hat – obwohl ich davon im Vorfeld eigentlich wusste – war die Tatsache, dass es an der Uni so ein großes Angebot für die LGBTQ-Community gab, z.B. einen Club, der sich jede Woche traf und auch Events organisiert hat. Da bin ich dann gleich in der ersten Woche hin. Das war aufregend!
Dartmouth-College-celebrate-Pride_public-domain

Claudia: Ja, das klingt super, was war daran aufregend?

Judith: Überhaupt zu so einem Treffen gehen zu können. Ich komme aus einer Kleinstadt, da gab es so etwas nicht. Und an der Uni, an der ich vor meinem USA-Aufenthalt studiert habe, gab es zwar auf dem Papier eine LGBT-Hochschulgruppe, aber die war schon eine Weile nicht mehr aktiv, als ich angefangen habe zu studieren. An US-Colleges spielt sich dagegen das ganze Leben am College ab, daran musste ich mich generell gewöhnen. Und das heißt dann eben auch, dass es für alles Gruppen und Organisationen gibt, denen man beitreten kann. Das hat mir wirklich gefallen. Lesbischsein, Schwulsein, Queersein, das war plötzlich etwas, was nicht nur stillschweigend akzeptiert wurde (mehr oder weniger), sondern etwas, das auch thematisiert wurde. Es gab eine Pride-Week, und Drag-Shows, Diskussionsrunden, und dann in meinem zweiten Jahr sogar eine große DGALA-Reunion, d.h. ein großes Treffen auf dem Campus für alle Mitglieder der „Dartmouth Lesbian, Gay, Bisexual & Transgender Alumni/ae Association“. Das war großartig!

Claudia: Erzähl mal, was war so großartig?

Judith: Das mag komisch klingen, aber ich hatte noch nie in meinem Leben eine so große Menge lesbische und schwule Menschen aller Alterstufen an einem Ort gesehen. Besonders bewegend und interessant für mich war, als ältere Alumni von ihren Erfahrungen erzählt haben, d.h. Frauen die in den ersten Jahren in den 1970ern mit Beginn der Koedukation in Dartmouth studierten, und Männer, die in den 60ern oder gar schon in den 50gern am College waren.

Claudia: Wie alt, meinst du, waren die ältesten Ehemaligen, die da waren und die ältesten, die erzählt haben?

Judith: Ein paar vereinzelte Alumni waren sicher in ihren 80gern. Gesprochen hat unter anderem ein Herr, der etwa 70 Jahre alt war und Gründer der Vorläuferorganisation von DGALA. Er war nach seinen College-Jahren nach Philadelphia gezogen, hatte dort einen der ersten Gay & Lesbian Bookstores der USA überhaupt eröffnet. An alle Detail erinnere mich leider nicht mehr. Ich war von dieser Reunion nämlich so unglaublich überwältigt, dass ich einen Großteil der Zeit gar nicht wusste, wohin mit mir. (-:

Claudia: Wie kommt’s?

Judith: Durch die Geschichten der älteren Alumni, wurde mir erst wirklich bewusst, wie viel Glück junge Lesben, die wie ich Mitte der 80er geboren sind, doch hatten, auch wenn einem das eigene Outing vielleicht hier und da doch noch ein paar Probleme bereitet hat. Für uns Studierende auf der DGALA-Reunion war es natürlich unglaublich aufregend zu sehen, wie groß und lebendig die Community ist, und wie weit es einige der Alumni im Leben gebracht haben. Für einige der älteren Alumni, war die Freude über die Feier aber auch sichtbar durch Wehmut getrübt. Eine etwa 60-jährige Dame, meldete sich z.B. bei einem Vortrag zur Geschichte der LGBT-Community in Dartmouth zu Wort, um auszudrücken, wie sehr es sie bewegte, so viele Gleichgesinnte an ihrem alten College zusammenkommen zu sehen. Sie sprach auch darüber, was es für sie in ihrer Studienzeit bedeutet hätte, eine solche Gemeinschaft erleben zu dürfen und wie schwer es für sie in den 1970er Jahren am College war, als noch niemand offen schwul oder lesbisch in Dartmouth lebte.

Claudia: Hat sie in ihrem Beitrag auch ein paar Beispiele gegeben, was schwer war für sie als Studentin?

Dartmouth-College-Berry-Baker_small_public-domainJudith: Ja, das auch! Als eine der ältesten Universitäten der USA, war Dartmouth Jahrhunderte lang eine reine Männerschule und für die ersten Frauen erst in den 1970gern und da zunächst für ein oder zwei Semester ‚im Austausch‘ zugänglich. Im Klartext hieß das, dass in der Zeit, von der die Dame sprach, maximal 5-10% der Studierenden Frauen waren. Die männlichen Studenten waren zu großen Teilen dagegen, Dartmouth für Frauen zu öffnen und haben sich den wenigen Studentinnen gegenüber wohl ziemlich respektlos benommen. Frausein war also schon schwer genug. Ans offen lesbisch sein war da, würde ich sagen, noch eine ganze Weile nicht zu denken.

Claudia: Davon hast du auch erst bei der großen Reunion erfahren oder schon vorher mal?

Judith: Ein paar der Geschichten dazu, wie frauenfeindlich Dartmouth lange war – und da ist das College auch wirklich kein Einzelfall – hatte ich schon vorher gehört, von einer befreundeten Professorin, die seit den 1980ern in Dartmouth unterrichtet, bei den GSX-Gruppentreffen, aber auch von den Mädchen aus meiner A-Cappella-Gruppe, deren Mütter teilweise in Dartmouth waren.

Claudia: Wenn die Töchter wie die Mütter handeln dürfen, dann haben die Mütter im Nachhinein doch Chancen gesehen, vielleicht dank der positiven Veränderungen, die bei der Reunion zur Sprache kamen, denke ich mal.

Judith: Natürlich. In Dartmouth hat sich in der Hinsicht ja auch viel getan. Also sowohl was Sexismus als auch Homophobie angeht. Natürlich gibt es hin und wieder unschöne Vorfälle, aber das College setzt sich wirklich stark für Gleichberechtigung und gegen jede Art von Diskriminierung ein.

Claudia: Woran hast du in deiner Zeit in Dartmouth gemerkt, dass es heute besser ist als das, was du von früheren Zeiten in Dartmouth gehört hattest?

Judith: Naja, als ich in Dartmouth war, wurden in der Mensa von Studenten zum Beispiel keine Schilder mehr mit ‚Schulnoten‘ hochgehalten, die das Aussehen weiblicher Mitstudentinnen bewerteten. (-: Es gab all die Events und man konnte sich als geoutete/r Student/in sehr frei und unbehelligt bewegen. Schön war auch, dass auch viele heterosexuelle Studierende als ‚Allies’ regelmäßig ‚Dartmouth Pride‘ T-Shirts trugen, bzw. beim Schweige-Tag gegen Homophobie mitmachten oder Campus-weit offene LGBT-Events besuchten. Da gab und gibt es in Dartmouth mittlerweile relativ viel Unterstützung, von Studierenden, Professoren, aber auch von der Uni-Leitung. Im Moment wird meines Wissen gerade sogar darüber diskutiert, ein LGBTQX-Center zu bauen, also ein Haus, in dem es Appartements als auch Gruppenräume speziell für LGBTQ-Studierende und Mitarbeiter geben würde. Das wäre natürlich fantastisch.

Claudia: Abgesehen von all den einmaligen Veranstaltungen, wurde Lesbischsein in den USA auch in deinem Alltag aufregender?

Judith: Gute Frage… Durch die starke Community Anbindung und die vielen LGBT-Events auf jeden Fall! Ich habe zum Beispiel einmal Judith Butler zum Mittagessen getroffen… natürlich mit anderen Studenten zusammen. Haha! Das WAR aufregend…

Claudia: Wie hat sich das konkret angefühlt?

Judith: Natürlich war meine Situation ein bisschen schizophren, weil ich mich politisch plötzlich involviert fühlte in einem Land, das nicht mein eigenes ist – obwohl LGBT-Belange natürlich auch Grenzen überschreiten. Spannend war das. Ich habe gemerkt, dass mir das gefehlt hat in Deutschland, obwohl ich es natürlich vorher nie anders kannte.

Claudia: Meinst du, Judith Butler und ihre Arbeiten hätten dich auch so bewegt, wenn du nicht Lesbe gewesen wärest?

Judith: Nein, wahrscheinlich nicht.

Claudia: Ging es anderen um dich herum ähnlich, dass Ihr es toll fandet, sie mal aus der Nähe erleben zu können?

Judith: Ja sicherlich. Es waren aber auch ein paar meiner Master-Kolleginnen dabei, die nicht lesbisch sind. Die waren auch sehr aufgeregt und begeistert von dem Event. Judith Butler ist für uns Literaturwissenschaftler/innen ja schon allein als Gender-Theoretikerin und Philosophin eine Art Star. Aber für mich und die anderen lesbischen Studentinnen war das Treffen mit Judith Butler, denke ich, noch eine Spur beeindruckender, eben weil Judith Butler so eine lesbische Ikone ist. Das kann man doch sagen, oder? Haha! Judith Butler ist übrigens nicht nur äußerst charismatisch, sondern auch sehr nett und bescheiden… (-:

Claudia: Du hast vorhin gesagt, dass es neben den großen Events wie der Alumni-Reunion, Pride-Week, oder dem Besuch von Judith Butler auch wöchentliche Treffen einer LGBT-Gruppe gab. Was hat dir an diesen Treffen am besten gefallen? Gab es da auch manchmal besondere Treffen?

Judith: Gefallen hat mir an diesen Treffen einfach die Tatsache, dass ich das Gefühl hatte, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und mein Interesse an LGBT-Themen kam bei den Diskussionen natürlich auch nicht zu kurz. Besondere Events gab es auch hier ab und zu. Ein paar Mal wurden z.B. schwule und lesbische Professoren bzw. Mitarbeiter des Colleges eingeladen, die dann die Diskussionsrunde führten und ein bisschen von sich, ihrer Karriere und ihrem Leben als Teil der LGBT-Community erzählten. Das war für mich wirklich spannend, denn Vorbilder sind sehr wichtig, finde ich.

Claudia: Woran hast du in den USA in deinem Alltag gemerkt, dass du lesbisch bist?

Dartmouth-College_small_public-domainJudith: In den Uni-Kursen war ‚mein Lesbischsein‘ weniger Thema, außer vielleicht in den Kursen zu Queer Studies, bzw. Queer Poetry, die ich belegt habe, was natürlich toll war. In meiner Freizeit, war ich, wie gesagt, bei der LGBTQ-Gruppe ‚Gender and Sexuality XYZ’ (GSX), und außerdem noch in einer All-girls A-Cappella-Truppe. Hast du den Film ‚Pitch Perfect’ gesehen – genau so. Haha! Das waren zwei sehr unterschiedliche Welten, in denen ich mich da bewegt habe. Bei meiner Gesangstruppe habe ich zwar nie aktiv versteckt, dass ich lesbisch bin, es aber auch nie lauthals verkündet. Das haben die Mädels dann nach und nach mitbekommen, manche erst nach einer ganzen Weile. Eines Tages kam es dann in der Gruppe zu einer recht hitzigen Diskussion über die Gleichstellung der Homo-Ehe – 2008/09 ging es da in Vermont/New Hampshire und Maine ziemlich heiß her – in der die liberalen Ansichten der meisten Mitglieder mit den Ansichten besonders eines Mädchens aufeinander prallten, die sehr streng christlich-evangelikal aufgewachsen war und dementsprechende Argumente vorbrachte – von wegen ‚Homosexualität sei laut der Bibel eine Sünde’ und außerdem ‚wider die Natur’ bzw. eine Krankheit… Da musste ich mich dann einfach mit meiner persönlichen Sicht der Dinge einschalten. Auch das war eine wichtige Erfahrung für mich, da ich solchen Gegendwind und solche Argumente aus Deutschland dann zum Glück doch nicht gewohnt bin.

Claudia: Hat sich durch solche Ereignisse dein Lesbischsein vor Ort verändert? In deiner „Freizeit“ außerhalb des Studiums und der Clubs, kam da die Lesbe auch weiterhin also solche vor?

Judith: Dass ich lesbisch bin, ist mir eigentlich selten direkt vor Augen. Oft vergesse ich das ehrlich gesagt. Es fällt mir dann erst wieder ein, wenn irgendwo – in einem Film, Buch oder in einem Gespräch – Homosexualität thematisiert wird, oder wenn ich andere Lesben treffe. Die Tatsache, dass ich mich in solchen Situationen ‚angesprochen’ fühle, bzw. ‚ein Stück wiedererkenne’ erinnert mich daran, dass ich lesbisch bin. Das war in den USA nicht wirklich anders. Was dort allerdings anders war, war die Tatsache, dass ich dort wie gesagt viel öfter mit LGBTQ-Fragen konfrontiert wurde und mich so als Teil eine Gemeinschaft fühlte. Und das hat mir gefallen.

Claudia: Würdest du sagen, dass sich dein Gefühl für „Lesbischsein“ irgendwie verändert hat durch deine beiden Jahre als Studentin in Dartmouth?

Judith: Ich glaube, in den zwei Jahren konnte ich ausprobieren, wie es ist, wenn man aktiv Teil der LGBT-Community ist und dadurch auch die aktuelle politische Debatte mitverfolgt. Hier in Deutschland fällt mir das relativ schwer. Eine richtig aktives ‚Lesbisches Leben’ führe ich in der Stadt, in der ich lebe, nicht, und eine Hochschulgruppe gibt es an der Uni, an der ich arbeite, meines Wissens auch nicht.

Claudia: Würdest du es dir hier wünschen?

Judith: Ja, manchmal schon! Sicher, teilweise ist der ‚Gay Pride‘, den US-amerikanische Studierende vor sich hertragen, auch dadurch angeschürt, dass es in Amerika viel mehr radikale homophobe Gruppen gibt, die sehr aktiv am politischen Leben teilnehmen, sich regelmäßig offen äußern und Homosexualität verteufeln. Da muss man sich zwangsläufig ‚loud and proud‘ dagegenstellen. Hier in Deutschland läuft das alles gedämpfter ab, habe ich den Eindruck. Ein Unterschied ist natürlich auch, dass die Uni in den USA tatsächlich Lebensraum ist, nicht nur Arbeitsraum. Hier in Deutschland müsste ich mich wahrscheinlich außerhalb der Universität einer Gruppe anschließen, aber da gibt es hier bei mir in der Gegend wie gesagt kein allzu großes Angebot. Tatsächlich fände ich es gar nicht so schlecht, wenn es die offizielle LGBTQ-Hochschulgruppe noch, bzw. wieder gäbe. Ich weiß nämlich durchaus von ein paar jüngeren Studierenden, dass sie gerne mehr Anschluss in der Richtung hätten.

Claudia: Das vermute ich auch. Vielleicht lesen einige Lesben dann ja unser Interview und haben ein paar Anregungen erhalten, von denen sie sich vorstellen könnten, dass sie ohne großen Aufwand hier und dort lokal umsetzbar wären. Vielen herzlichen Dank für dieses Gespräch!

View of Dartmouth College circa 1834. Large trees in the foreground frame view of the campus showing, from left to right, Wentworth Hall, Dartmouth Hall, and Thornton Hall.

View of Dartmouth College circa 1834. Large trees in the foreground frame view of the campus showing, from left to right, Wentworth Hall, Dartmouth Hall, and Thornton Hall. Source: commons.wikimedia.org, public domain