Seit dem 25. Januar 2011 hatten in etwa 10 ägyptischen Städten Frauen und Männer Widerstand demonstriert. Gemeinsam, in aller Öffentlichkeit, auch nachts in den Zelten auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Und Lesben?

Nephthys und Isis erscheinen in der ägyptischen Mythologie als wichtige zwei Schwester-Göttinnen, die beide in den Abbildungen Hieroglyphen ihres Namens auf dem Kopf tragen, was bedeutet, dass sie Herr(inn)en im Haus sind. Nicht-göttliche starke Frauen an der Macht gab es auch schonmal: Von Hatshepsut wird hier noch die Rede sein, aber außer Hatshepsut hat es im Alten Ägypten noch 6 oder 7 andere Pharaoninnen gegeben. Als Hatschepsut regierte, vor 3500 Jahren, scheint es wirklich vielen Leuten für eine Zeitspanne von 20 Jahren gut gegangen zu sein. Wir machen von dort jetzt einen Zeitsprung in die jüngere Gegenwart.

Februar 2011

Heute lebt die Hälfte der ägyptischen Bewohner*nnen von weniger als 1 Euro am Tag, viele Menschen sind daher auf staatlich subventionierte Lebensmittel angewiesen. Nach 30 Jahren wurde der diktatorische Staatspräsident, Hosni Mubarak, am 11. Februar von Demonstrant*nnen zur Abdankung gezwungen. Bislang war er von westlichen Regierungen gestützt worden, Wasserwerfer aus deutscher Fabrikation sind in Ägypten im Einsatz und nicht nur diese Waffen… Mubarak ging, so scheint er es am Telefon einem israelischen Politiker gesagt zu haben, weil er in Würde gehen können wollte.

2001

Auch Lesben in Ägypten wollen in Würde gehen, nämlich täglich, und jederzeit auf den Straßen und Plätzen nach Belieben, vor allem: ohne als Frauen belästigt zu werden. Einfach so kommen und gehen wie sie wollen – und einfach so in ein Gespräch zu Lesben in Ägypten kam ich neulich im Hamburger Hauptbahnhof auf einem S-Bahn-Gleis, als ich mit einer Freundin am Umsteigen war und die S-Bahn 10 Minuten später kam. Ich hatte die Freundin gefragt: Was hast du für Bilder zu Lesben in Ägypten? Eine andere Frau kam peu à peu näher, während wir auf dieselbe Bahn warteten, und nahm Blickkontakt mit mir auf. Wir stiegen in dieselbe Bahn und dann erzählte sie mir, dass sie 2001 mal mit einer Freundin als Touristin in Ägypten in einer Teestube war, wo sich zwei ägyptische Lesben zu ihnen setzten, die sich unterm Tisch versteckt bei der Hand hielten. Sie kamen miteinander ins Gespräch, auf Deutsch, aber was genau sie geredet haben, dass wusste meine S-Bahn-Bekanntschaft jetzt nicht mehr. Diese Szene deute ich als stillschweigendes Tolerieren gegenüber einheimischen Lesben, die Kund*nnen sind in einer touristischen Teestube und dort signalisieren, dass sie wissen, dass sie eben nicht einfach ganz offen lesbisch sein sollen und dabei in Würde gehen und kommen wie sie wollen.

2003

Hatshepsut kommt auch in dem Fantasy-Film „Der Kuss der Mumie“ vor. Sie ist darin eine Mumie, die vom Pharaoh verdammt wurde, weil sie hinter dessen Tochter her war. Eine Archäologie-Studentin fühlt sich durch einen Flashback ins Alte Ägypten erotisch verwandelt, als sie den Arm der Mumie berührt. In der Folge wendet sie sich von ihrem Verlobten und Vorgesetzten ab, hat inzwischen eine goldene Strähne im Haar genau wie die ägyptische Prinzessin, hinter der Hatshepsut her gewesen war und so weiter… Der Film durfte in Kairo wegen der erotischen Szenen zwischen Frauen nicht in die Kinos.

2010

Seit dem 25. Oktober ist für die 18-jährige ägyptische Lesbe Shrouk El-Attar eine Petition online, um zu verhindern, dass sie nach Ägypten abgeschoben wird. Sie lebt seit 2007 in Großbritannien, ist als Lesbe out bei Facebook, studiert an der Uni Cardiff (Wales), und wird dort von einer solidarischen Frauengruppe, der Wrexham Asylum Seekers Support Group (WASSG) unterstützt, die sich für die Rechte von Flüchtlingen einsetzt und die auch diese Petition initiiert hat. Shrouk El-Attar ist sich sicher, dass sie in Ägypten seitens der Behörden und ihrer ausgedehnten Familie verfolgt werden würde, auch wenn der offiziellen Gesetzeslage nach weder männliche noch weibliche Homosexualität illegalisiert ist.

In ihrem Beitrag am 3. Dezember 2010 bei Tétu.com zitierte Marie Billon die Ägypten-Expertin von Human Rights Watch, Heba Morayes, deren Einschätzung die folgende ist: „Eine Lesbe ist weniger gefährdet als ein Schwuler. Aber sie ist vor nichts sicher, denn der ägyptische Geheimdienst hat freie Hand zu tun was ihm beliebt.“

Dienstag 8. März 2011 auf dem Tahrir-Platz

Scheinbar nicht nur der Gehemindienst: Am Internationalen Frauentag auf dem Tahrir-Platz verübte eine große Gruppe Männer Übergriffe gegen die demonstrierenden Frauen. Gleich am 8. März berichtete die feministische Bloggerin Fatma Emam auf Englisch in ihrem Blog mit zwei verschiedenen Einträgen. Inzwischen ist eine Übergangsverfassung von den Wähler*nnen angenommen worden, aber das Verhalten der Armee lässt Zweifel aufkommen.

Freitag 1. April 2011 auf dem Tahrir-Platz

Die Bloggerin Zeinobia betitelt ihren gestrigen Eintrag zur Demo auf dem Tahrir-Platz mit „Save the revolution Friday“ und schildert, wie toll es sich anfühlt, wieder dabei zu sein und dass sie auf dem Hinweg einige Zweifel hatte, jetzt aber wieder erfüllt ist von Hoffnung in die Kraft der ägytischen Leute, die sich erneut auf dem Platz versammeln. Und erneut auch in Alexandria und in Suez.

Die Gegenwart voller Zweifel und Hoffnung auch für Lesben

Auch für Lesben in Ägypten gibt es sicher derzeit noch nicht mehr als Zweifel und Hoffnung. „Eine demokratische Kultur erfordert, dass noch was anderes angebohrt werden muss: die Politik der Familie. Das ist der Ort, an dem vielfach in arabischen Gesellschaften die Angst beginnt“, so Irshad Manji am 20. Februar 2011 in ihrem Blog. Amira Nowaira wiederum schreibt am 29. März 2011 im britischen „Guardian“, dass derzeit bedenklich nach einem bekannten Schema verfahren wird: inhaftierte Islamisten werden aus dem Gefängnis entlassen, um dann als Armee auf sie deuten zu können mit dem Fingerzeig, dass Mubarakstan das kleinere Übel wäre… – oder ist es in der aktuellen Lage nicht ein noch schlimmeres Zeichen, dass den freigelassenen Islamisten so manche TV-Sendezeiten für Hasstiraden angeboten werden?

Was nun, wenn sich aus irgendeinem Grund nach den Wahlen im Juni die tatsächliche Lage in Ägypten für LGBTs verbessert und der Geheimdienst nicht mehr willkürlich zugreift, wäre Shrouk El-Attar dann zuhause vor Übergriffen sicher? Sicher nicht.

Links und Quellen zur Vertiefung

  • LESBIENNE EN PÉRIL
  • Hatshepsut, ägyptische Pharaonin, regierte etwa von 1479 bis 1458 vor unserer Zeitrechnung