Die Fotografin verschenkt dieses Foto als Gemeingut, also in die "pubic domain", Creative Commons Lizenz: CC0 1.0 Universal (CC0 1.0)  Public Domain Dedication, http://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/

Lizenz: public domain. Das bedeutet: Die Fotografin verschenkt dieses Foto als Gemeingut, also in die „pubic domain“, Creative Commons Lizenz: CC0 1.0 Universal (CC0 1.0) Public Domain Dedication.

Claudia: Hallo Jo, ich freu mich, dass ich dich mal ausfragen darf. In deiner bezahlten Arbeitszeit, was tust oder denkst du so?

Jo: Ich lese, schreibe, rechne, male und bringe starke Männer zum Schwitzen.

Claudia: Warum starke und warum Männer?

Jo: In meinem Beruf gibt es schon nicht viele Frauen, obwohl wir eher die Kopfarbeit machen. Aber auf meinen Baustellen habe ich tatsächlich noch keine Frau gesehen, die Beton mischt, Nähte schweißt, Bewehrung verlegt. Ich sage nicht, dass es sie nicht gibt. Ich habe sie nur noch nicht gefunden.

Claudia: Hast du sie schon gesucht?

Le chantier, 1911, Neo-impressionistisches Gemälde von Maximilien Luce 1858-1941, geunden bei commons.wikimedia.org, Lizenz: public domain

Le chantier, 1911, Neo-impressionistisches Gemälde von Maximilien Luce 1858-1941, gefunden bei commons.wikimedia.org, Lizenz: public domain

Jo: Ehrlich gesagt: Nein. Da ich mir die Baustellen nicht aussuche, sondern meine Chefs sich darum kümmern, habe ich die Baustellen übernommen, die gerade an der Reihe waren. Im Moment sitze ich eher im Büro und plane, aber in den letzten Jahren war ich viel auf Bauüberwachung draußen und ich habe es bisher immer geschafft, mir die „Jungs“ zu erziehen. Spätestens nach einer Woche fraßen sie mir aus der Hand. Ich habe festgestellt, dass ein „auf Augenhöhe“ mit den (das soll nicht abwertend klingen) einfachen Arbeitern die besten Ziele erreicht. Die haben meist viel mehr praktische Erfahrung, die ich mir zu Nutzen machen konnte. Und wenn mal was schief lief, waren sie meiner Rückendeckung immer gewiss, solange sie mir den Mist, den sie verzapft haben, offen kommunizierten. Offen kommuniziert habe ich auch mein Lesbischsein.

Claudia: Wann zum Beispiel?

Jo: Mein Lesbisch-Sein?

Claudia: Ja.

Jo: Im Büro von Anfang an. Schon beim Kennenlerngespräch mit meinem heutigen Chef. Auf der Baustelle, wenn es sich im Gespräch ergab. Wenn zum Beispiel über die Wochenendplanung oder den Urlaub gesprochen wurde. Ein paar haben mich auch direkt nach meinem Familienstand gefragt.

Claudia: Gibt es andere Situationen, in denen dir sowas in den Sinn kommt wie: „Ach ja, ich bin ja lesbisch!“?

Jo: Ähm… als Aussage gegenüber anderen oder als Überraschung über mich?

Lizenz: public domain.

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Claudia: Deine Frage gefällt mir, jetzt bin ich gespannt auf die Antworten! Wie du es meinen willst, freie Bahn 🙂

Jo: Also überrascht über mich bin und mein Lesbischsein bin ich seit ca. 20 Jahren nicht mehr. Und gegenüber anderen bin ich da auch eher offen und gehe damit so um, wie es ist. Wenn andere über ihre Familie reden, kann ich das auch.

Claudia: Ich nehme jetzt an, dass du eben keine Differenz spürst im Sinne von „als Lesbe sehe ich das dann doch eher so und nicht so (wie es gerade beredet oder vorgemacht wird)“ – oder schaust du da eben nicht „als Lesbe“? Merkst du manchmal, dass jemand „Neues“ auf dich etwas projiziert, was du nicht bist, z.B. Hetera?

Jo: Ich glaube, ich schaue tatsächlich nicht als Lesbe. Ich empfinde wie ich. Keine Ahnung, ob es lesbisch, queer, trans oder mensch ist. Und so schaue ich auch. Bei uns im Büro ist die Familie, die hinter jede* einzelne* steht, sehr wichtig. Und da meine Liebste von Anfang an ein gleichberechtigtes Teilchen dieser Familie war, wurde sie immer auch als solches behandelt. Hier wird nicht differenziert. Und daher merke ich keinen Unterschied.

Claudia: Du würdest also sagen: “Es liegt an der Bürokultur um mich herum, dass ich selten daran denke, dass ich lesbisch bin”?

Jo: Nein, ich denke, dass es an mir und meiner Einstellung liegt. Für mich ist lesbisch sein „normal“. Also bewege ich mich in der Welt um mich herum auch so. Und dass ich das Glück habe, eine Bürokultur und Menschen um mich herum zu finden, die damit ebenso umgehen, kann Verschiedenes bedeuten. Zum Beispiel ist es möglich, dass es normal für meine Umgebung ist, weil ich so bin wie ich bin. Oder aber, weil ich bin wie ich bin, kriege ich eine Umgebung, die es mir auch möglich macht weiter so sein zu dürfen. Kann auch sein, dass es keine Verbindung hat, sondern ich einfach bin wie ich bin und hier passt es zufällig zusammen.

Claudia: Ja, kann auch sein, das können wir nicht wissen. Habe ich als ‚familienlose‘ Einzelgänger*n denn eine Chance in der Bürokultur, in der du erwerbstätig bist? Eine Chance, nicht ausgefragt zu werden, meine ich?

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Jo: Ja, hast du. Wir haben einen Kollegen. Ich bin mir sicher, er lebt in einer schwulen Beziehung, nenn es Radar … Aber wissen weiß keiner was, weil er nichts dazu sagt und alle akzeptieren, dass er nichts sagt und er gehört dazu wie alle anderen.
Na, und draußen auf dem Bau hatte mein Lesbischsein irgendwie auch positive Seiten. Wie du dir vorstellen kannst, bleibt es nicht aus, dass es Männer gibt, die mir etwas näher kommen wollten. So ist das, wenn du als einzige Frau unter 100 Männern stehst, die zum Teil wochenlang von ihren Familien getrennt sind, weil die Baustelle sehr weit weg vom Wohnort ist. Da war es gut, die Grenzen schnell und klar zu ziehen. Und es hat mich an manchen Stellen komischerweise zu einer Verbündeten gemacht. Die Männergespräche liefen weiter – auch wenn ich im Raum war. Auch wenn mir die Gespräche nicht gefielen, so war das Vertrauen, das mir damit entgegengebracht wurde, gut für die Arbeit. Das hat es mir leicht gemacht.

Claudia: Ich verstehe es so, dass sie dich dann irgendwie als „ihresgleichen Mensch“ behandeln.

Jo: Ja, so war es. Ich habe sie aber auch so behandelt.

Claudia: Aber du hast nicht so getan, als wären die anderen Frauen bzw. Lesben, oder?

Jo: Nein, ich sehe sie als Menschen.

Claudia: Warst du immer nur in der Rolle einer Chefin auf Baustellen?

Jo: Ja. Aber meine Erfahrungen mit anderen Frauen auf der Baustelle (in der Rolle der Chefin) waren eher negativ.

Claudia: Inwiefern negativ?

Jo: Naja, insofern die Arbeiter als Menschen zweiter Klasse kommandiert wurden. Da kann ich nicht gut mit um.

Claudia: Ah, ein Frage von klassenbezogenen Hierarchien, also ein Verhalten, das du auch bei männlichen Chefs nicht so gut finden würdest?

Jo: Ja, mir würde es auch bei männlichen Chefs nicht so gut gefallen. Aber seltsamer Weise habe ich da diese Art bisher nur in Erzählungen erlebt und noch nicht vor Ort. Ich kann dir nicht sagen, ob mein Umgang mit den Menschen an meinem Lesbisch-Sein oder an meinem Ich-Sein liegt.

Gefunden bei: commons.wikimedia.org-- Lizenz: public domain.

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Claudia: Ich versuche mir vorzustellen, was du als lesbische Chefin noch alles richtig machen kannst 🙂 Gibt es andere Lesben da, wo du tagsüber erwerbstätig bist?

Jo: Wenn, dann habe ich sie leider noch nicht entdeckt. 😉

Claudia: Und wenn du nicht erwerbstätig bist, verbringst du dann manchmal deine Zeit mit Lesben?

Jo: Ja, sehr viel.

Claudia: Wie kommt’s?

Jo: Hat sich so ergeben, hahaha.

Claudia: Ja, und wie kam das, dass es sich so ergeben hat?

Jo: Ja nun, ich habe mich auch noch nie im Leben „auf die Suche“ nach anderen gemacht. Wir haben uns immer irgendwie „gefunden“.

Claudia: Lesben lernst du also kennen, indem du einfach so weiterlebst und dann triffst du irgendwann ein paar?

Jo: Ja, bisher war das im Leben immer so. Im Sport, im Studium – und ich habe keine „speziellen“ Gruppen aufgesucht, sondern wir saßen einfach in der Vorlesung plötzlich nebeneinander. Vorher gab es vielleicht mal Blickkontakt,…

Gefunden bei: commons.wikimedia.org -- Lizenz: CC by-sa 2.0 FR

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Claudia: Das klingt großartig, gratuliere! Sag mal, kannst du dir vorstellen, wie das ist, wenn es mal nicht klappen *kann*, weil keine Lesbe sich traut, sich dir zu zeigen?

Jo: Ich bin hartnäckig. 🙂 Nein ernsthaft… da mich vorrangig die Menschen interessieren, wäre meine „Enttäuschung“ gering.

Claudia: Ah, dann klappt es vielerorts, aber es gibt ebenso vielerorts auch gesellschaftliche Umstände, in denen sich dein Hartnäckigsein als gefährlich erweisen kann, für die andere ebenso wir für dich, denke ich. Kannst du dir sowas vorstellen?

Jo: Ja kann ich. Und du kannst dir sicher sein, dass ich niemanden gefährden würde. Und nur, weil ich das große Glück habe, in einem persönlichen Umfeld zu leben, in dem mein Lesbischsein aus nicht mehr Konflikten besteht als schrägen Blicken von Menschen, die ich nicht kenne, weiß ich, dass es – auch in unserem Land oder meiner Stadt – nicht überall so konfliktfrei ist. Und meine familiären Konflikte liegen zum Glück schon ne Weile zurück.

Claudia: Du würdest dich dann weiterhin für Menschen interessieren, stelle ich mir vor, und wenn über Jahre keine Lesbe dabei wäre, was dann?

Gefunden bei: commons.wikimedia.org --  Lizenz: CC by-sa 2.0 FR

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Jo: hm… das Gefühl, die einzige Lesbe zu sein? Das ist so, wie vor dem ComingOut. – Das Gefühl, als einzige so anders zu sein.

Claudia: Ich frage mich gerade: Wie geht lesbische Identität – oder überhaupt Identität – wenn ich das Gefühl habe, die einzige zu sein?

Jo: Es ist schwierig, das Gefühl anders zu sein und sich trotzdem selbst treu zu bleiben.

Claudia: Vielen Dank für dieses Gespräch!

Zum Weiterlesen:

Nächstes Interview mit Jo: Ein Genuss für Auge und Herz beim Amsterdam Pride 2013, Publiziert bei l-talk.de am 7. August 2013 von Claudia